1772_Wieland_107_115.txt

der einen Seite den Vorteil zu erhalten, dass alle Arten von Manufakturen so gut als möglich gearbeitet, zugleich aber auch ihrer Verfeinerung gewisse Schranken gesetzt würden. Der Luxus verwandelt unvermerkt die Handwerke, welche ganz allein, oder doch hauptsächlich zur Verfertigung der unentbehrlichsten Bequemlichkeiten bestimmt sind, in schöne Künste; der Grobschmied, der Schlösser, der Tischler, wird durch ihn zum Nebenbuhler des Goldarbeiters, des Bildschnitzers, des Malers usf. Die Künste arten aus; das Nützliche wird dem Schönen, das Zweckmässige dem Launischen der Mode, die einfältige Zierlichkeit der Formen einer übertriebenen Feinheit der Ausarbeitung aufgeopfert. Diese Üppigkeit der Künste unterhält den Luxus, der sie ausbrütete, und die Kunst selbst gerät in Verfall. Tifan, in dessen Augen der Luxus ein auszehrendes Fieber für jeden Staat war, liess sich nicht daran genügen, alle Künste, welche keinen andern Zweck noch Nutzen als die Beförderung des Müssiggangs und der Üppigkeit haben, aus Scheschian zu verbannen; er bemühte sich auch die Ausartung derjenigen, welche nützlich und unentbehrlich waren, zu verhindern; und eine Frucht dieses Zweiges seiner Polizei war, dass man alle Arten von Hausgeräte, Werkzeuge, Eisen- und Stahlarbeit, Wollen- und Seiden-Manufakturen, und selbst solche Verarbeitungen, welche bloss zur Pracht und Zierlichkeit dienen, nirgends weder besser noch in geringerm Preise haben konnte als in Scheschian. Die Scheschianischen Künstler lernten die innere und wesentliche Güte mit dem Schönen und Gefallenden vereinigen; und daher erhielten sich ihre arbeiten auch ausser Landes lange Zeit in dem Besitz eines Vorzugs, den ihnen keine andre Nation streitig machen konnte.

Die dritte Klasse" – –

"Bestand sie aus Bonzen und Ya-faou?" fiel Schach-Gebal ungeduldig ein

"Nein, Sire" – –

"So erweise mir den Gefallen", sagte der Sultan, "und springe über sie weg, und über alle andre, so viel ihrer noch sein mochten, mit deren Polizei du mich hier sehr unnötiger Weise aufhältst, während dass ich ganz andre Dinge wissen will. In welcher Klasse waren die Ya-faou? – Dies ist der grosse Punkt!"

"Die Wahrheit zu sagen, gnädigster Herr, in gar keiner Klasse", versetzte Danischmend: "und der Grund, warum Tifan für nötig, oder wenigstens für sehr nützlich hielt, sie aus dem Verzeichnisse der Geschöpfe die in Scheschian geduldet wurden (denn Bürger waren sie nie gewesen), auszulöschen, scheint in der Tat nicht unerheblich. 'Ein Staat' (sagt er in seinem Gesetzbuche) 'kann mit nichts füglicher verglichen werden als mit einer grossen Pflanzung. Diese besteht aus einer Menge von allerlei Arten von Gewächsen, Bäumen, Stauden, Blumen, Kräutern und Gräsern. Einige Bäume geben Bauholz, andere dienen zum Brennen, andere zu Verfertigung allerlei nötiger Gerätschaft; andere tragen Früchte zur Erfrischung des Menschen, andere Speise für das Vieh. Einige Pflanzen dienen zur Nahrung, andere zur Arznei, viele nützen bloss zum Vergnügen; sie ergetzen das Auge und den Geruch; ein schlechtes Kräutchen verbirgt oft unter einer unscheinbaren Gestalt die herrlichsten Kräfte. Alles was zum Nutzen oder zur Verschönerung der ganzen Pflanzung etwas beiträgt, hat seinen Wert, und wird ein Gegenstand der aufmerksamen Sorgfalt des Besitzers. Aber Unkraut und Trespe, und schmarutzerische Pflanzen, welche bloss darum sich um die nützlichen Gewächse herum winden, um ihnen die besten Nahrungssäfte zu entziehen, kurz, alles was nicht nur an sich selbst zu nichts taugt, sondern im Gegenteile durch seine Ausbreitung das Wachstum und die Vermehrung der nützlichen Gewächse hemmet, wird sorgfältig ausgerauft, und bis auf die kleinsten Fäserchen seiner Wurzeln ausgerottet. Eben so verhält es sich mit einem wohl geordneten staat. Ein teil der Bürger beschäftiget sich die übrigen zu nähren, ein andrer sie zu bekleiden, ein dritter ihre Wohnungen zu erbauen, ein vierter sie mit tausend nötigen Gerätschaften und Bequemlichkeiten zu versehen, ein fünfter den Umsatz und Vertrieb dieser Dinge zu erleichtern; einige dienen dem gemeinen Wesen mit ihren Händen, andre mit ihrem kopf, andre sogar mit ihrem Blut und Leben. Verschiedene, wenn sie auch keine andere Kunst gelernt haben, besitzen wenigstens die Gabe ihren Mitbürgern Vergnügen zu machen. Alle diese Arten von Einwohnern sind dem gemeinen Wesen entweder unentbehrlich oder doch zu irgend etwas gut: aber wozu ein Ya-faou, in so fern er ein Ya-faou ist, gut sei, dies', sagt Tifan, 'habe ich mit allem Nachsinnen nicht heraus bringen können. Ich sehe alle Plätze, worin man dem staat Dienste leisten kann, schon besetzt; und indem ich alle mögliche Arten von Bedürfnissen überzähle, find ich keines, worauf der Stand der Ya-faou sich bezöge. Vielleicht mögen sie zu einer Zeit, da die Scheschianer, noch zwischen Wildheit und Barbarei schwebend, an Vernunft und Sitten wenig besser als die übrigen Tiere waren, vielleicht mögen sie damals einigen zweideutigen Nutzen geleistet haben. Aber diese elenden zeiten, wo die Verwilderung und Abwürdigung der menschlichen natur gross genug war, um die Dienste der Ya-faou vonnöten zu haben, sind, Dank sei dem Himmel, vorbei. In dem angebauten, gesitteten, aufgeklärten und polizierten Scheschian müssen sie entweder, gleich müssigen Hummeln, verdienstlos die Früchte des Fleisses der arbeitsamen Bürger verzehren, oder, wenn sie etwas tun wollten, würde ihre Geschäftigkeit schädlicher als ihr Müssiggang sein. Der grösste teil von ihnen hat durch seine rohe Unwissenheit, durch die Verachtung und Verunglimpfung alles dessen was