1740_Lon_068_73.txt

den Eroberungs-Geist der Monarchen für den grössten Verderber des menschlichen Geschlechts. O, ihr Könige! pflegte er zu sagen, ist es nicht genug, dass ihr eure eigene Untertanen durch eine böse Regierungs-Art in das Verderben stürzet? müsset ihr auch noch andere Menschen suchen, eurer Tyrannischen Bottmässigkeit zu unterwerfen? gleich als ob die höchste Ehre gecrönter Häupter darin bestünde: dass sie viele Länder beherrschten, und viele Völker unglücklich machten.

Des Grafens Endzweck ging also bloss allein auf die Erhaltung der gemeinen Ruh: er suchte solche durch unumstössliche Bündnisse mit den benachbahrten Staaten zu befestigen. Er war zu dem Ende darauf bedacht, ihnen allen Argwohn zu benehmen, als ob man ihre Gerechtsame verletzen, oder nicht aufrichtig mit ihnen handeln wolte: er suchte es mit der Zeit dahin zu bringen, dass bei entstehenden Zwistigkeiten der Nachbarn, der Aquitanische Hof sich ins Mittel schlagen, und sich dadurch das Ansehen eines Schieds-Richters erwerben könnte. In welchem Fall nicht allein die Macht seines Königs und die Ruhe seines Reichs gesichert wär, sondern auch unsägliche Kosten könnten erspahret werden, die zu vielerlei krieges-Rüstungen, Gesandtschaften, Bestechungen anderer Höfen, und dergleichen, aufgewandt würden.

Der Graf erkundigte sich in diesen Absichten genau um den Zustand des Licatischen Hofes weil dieses Königreich, nebst Hesperien, das gröste und wichtigste war, welches an die Aquitanische grenzen stiess; so kam es vornehmlich darauf an, die Sicherheit des Königreichs gegen zwei so mächtige Nachbarn zu bewahren.

Er machte zu dem Ende mit allen Grossen des Licatischen Hofes Bekanntschaft; und suchte sie durch allerhand Mittel zum Vorteil seiner Absichten zu stimmen: er fand überhaupt, dass der König übel bedienet war. Alle dessen Befehlshaber vom obersten bis zum untersten suchten nichts als ihren eignen Nutzen, auf Unkosten des staates; alle misbrauchten schier der Güte ihres allzuviel nachsehenden Königes: es war kein Hof in der Welt, der so viel vornehme Bedienten ernährte, welche gleichsam die öffentliche Schmelz-Tiegel der Reichtümer und Schätze des Landes waren.

Der Graf hatte einen jungen Edelmann bei sich, der ein Cheruscer von Geburt war, und die vornehmste Europäische Sprachen verstund: er besass viele Wissenschaften, und hatte dabei einen aufgeweckten und verschmitzten Kopf: dieser ging in die vornehmste Caffee- und Spiel-Häuser, und war in allen Gesellschaften angenehm: er hörte, was die Leute sprachen, und urteilten: er gab sein Bedenken mit dazu, und machte sie dadurch treuherzig auch gegen ihn sich desto vertraulicher heraus zu lassen: er brachte auf diese Weise dem Grafen täglich eine Menge dienlicher Nachrichten nach Haus, welche ihn allesamt versicherten, dass das Licatische Volk über die bissherige grosse Auflagen äusserst schwierig, und dergestalt gegen die Regierung aufgebracht wär; dass solches, wenn es nur noch ein wenig stärker angegriffen würde, allem Vermuten nach, sich empören, und alle Anschläge des Hofes zu nichte machen dürfte.

Der Graf schrieb deswegen an seinen König, dass man in ganz Aquitanien neue krieges-Rüstungen machen, frische Völker anwerben, und mit einigen benachbarten Höfen gewisse Bündnisse schliessen mögte, auf erforderenden Fall eine Anzahl Hülfs-Völker zu stellen: man folgte seinem Rat: die Drommel wurde durch das ganze Königreich gerühret: die Flotten wurden ausgerüstet und in See gebracht: die Gränz-Vestungen mit neuen Werken versehen: die Hetrurier, Cheruscer, Hermundurer, Battaver und Britannier setzten sich in Waffen: man hörte aller Orten von nichts als einem abscheulichen Krieg.

Nur der Graf von Rivera dachte an den Frieden: er war versichert, ihn durch dergleichen Drohungen und Anstalten am hurtigsten zu erlangen. Er hatte an dem Licatischen Hof allentalben seine heimliche Agenten, welche die Gemüter des volkes mit Furcht und Schrecken erfüllten. Der Hof stack in grossen Schulden: die Haushaltung war in Unordnung: das KriegsHeer wurde übel bezahlt; die Soldaten suchten deswegen bei dem armen Landmann sich zu erholen und griffen zu, wo sie etwas fanden. Die Befehlshaber waren gezwungen, ihnen durch die Finger zu sehen, denn es hies: Der Soldat müste leben. Dieses verursachte allentalben ein jämmerliches Klagen: alle Zeitungen waren voll von den krieges-Rüstungen in Aquitanien: Der Graf selbst liess unter der Hand einige zu seinen Absichten dienliche Schriften in Toscana drucken, und sie heimlich in Mönnisburg ausstreuen. Dem Volk wurde darin die bevorstehende Gefahr des krieges vor Augen gemahlet: es begunte dadurch noch immer schwieriger zu werden, und desto eifriger nach dem Frieden zu schreien.

Das Misvergnügen mehrte sich allentalben durch den grossen Geld-Mangel. Nicht, dass nicht Geld genug noch wär im Land gewesen; sondern es war solches unter lauter solchen Leuten ausgeteilet, die mit gewissen Freiheiten versehen waren, zum Behuf der gemeinen Not nichts beizuschiessen. Diese waren der Adel und die Geistlichen: die Regierung wagte es dem ungeacht, von solchen eine ausserordentliche Beisteuer zu fordern: welche man auf gewisse Summen anschlug: dieses aber war so viel als in ein Wespen-Nest stöchern. Bisher hatte nur der gemeine Mann geschrien; wobei der Adel und die Geistlichkeit schwiegen und auf ihre Vorzüge stolz waren; da man aber auch diese beide Stände mitnehmen wolte, da hies es allentalben: es litte die Religion, es litte der ganze Staat.

Der Beicht-Vater des Königs war der erste, welcher seinen andächtigen Eifer vor den König brachte, und ihn ermahnte, der Kirchen-Güter zu schonen: er sagte: dass sie von milden Stiftungen herrührten, welche der Macht des weltlichen Arms mit nichten unterworfen