ihn zu bezeichnen. Die das Wort aus des Erfinders Mund oder Feder zuerst vernehmen, fassen es entweder zugleich mit dem Begriff, nehmen beides an, brauchen es, und so kommt das Wort mit einem bestimmten Begriff verbunden in Umlauf; der einstimmige Gebrauch mehrerer gibt ihm das Bürgerrecht, das ihm hernach nur ein der Sachen Unkundiger streitig machen kann; oder sie stimmen in Absicht auf die Bezeichnung dieses Begriffs durch dieses Wort mit dem Erfinder nicht überein, sondern nehmen entweder nur den Begriff auf und geben ihm verschiedene Benennungen, wie es z. B. bei Benamung des fünften Erdteils gegangen ist, welchen einige Australien, andere Polynesien, andere Südindien genannt wissen wollten, oder sie nehmen bloss das Wort auf und legen ihm, jeder nach eigenen Gründen oder nach eigener Phantasie, andere Bedeutungen unter. In beiden Fällen entsteht eigentlich kein Sprachgebrauch: denn der Sprachgebrauch setzt Übereinstimmung der meisten voraus, welche in keinem von beiden Fällen stattfindet; sondern es entstehen entweder Faktionen, wenn doch einige übereinstimmen, oder es entsteht ein Krieg aller gegen alle, wenn keiner mit dem andern übereinstimmt, sondern jeder sich seine eigene Sprache schafft. Das letztere scheint der Fall wie mit manchem Wort unserer deutschen Sprache, so auch mit dem Wort Aufklärung zu sein. Gewiss ist es, dass der Erfinder einen, ihm mehr oder minder deutlichen, Begriff damit hat bezeichnen wollen. Mit diesem verbunden brachte er sein Wort - es sei mir erlaubt, zu sagen - auf den Markt. Das Wort hatte, ich weiss nicht was, Gefälliges. Es ward begierig aufgenommen und gekauft, aber ohne den damit bezeichneten Begriff. Es sei nun, dass der Erfinder ihn nicht deutlich genug vor die Augen legte; oder dass die ersten Käufer ihn nicht vollständig und deutlich genug fassten; oder dass sie ihn missbilligten und verwarfen; genug, sie nahmen das Wort zwar auf, sannen aber nun erst auf den Begriff, der ihm etwa unterzulegen wäre. Auf diese Art ist zwar das Wort in Umlauf gekommen, nicht aber in Verbindung mit einem einzigen, ihm stets und überall anklebenden Begriff, sondern von den Tausenden, die das schönklingende Wort brauchen, denken neun Zehntel gar nichts dabei und von dem noch übrigen Zehntel fast jeder etwas anderes. Man kann also sagen, dass das Wort Aufklärung einem willkommenen gast gleicht, der zwar in der deutschen Sprachrepublik mit Freuden aufgenommen ward, von vielen Leuten geschätzt wird, aber doch bis jetzt noch keinen bestimmten Charakter erhalten hat. Die Aristokraten, welche hier regieren oder wenigstens den Ton angeben, stimmen darin überein, dass das Wort schön und geschickt sei; aber über den Platz, den es gerade am schicklichsten bekleiden würde, haben sie sich noch nicht vereinigt.
Allein, eben diese Vorliebe für das Wort und eine dunkle Vorstellung von dessen Brauchbarkeit zur Bezeichnung eines sehr interessanten Gegenstandes, veranlasste nachher viele, darüber zu räsonieren. Alle mussten ihr Räsonnement mit Beantwortung der Frage anfangen: Was ist Aufklärung? - Alle waren also Erklärer: denn sie fanden ein Wort und sollten ihm einen Begriff bestimmen. Durch den Sprachgebrauch konnten sie nicht geleitet werden; denn es war keiner. Folglich hätten sie aus anderen gültigen Prinzipien eine Bedeutung deduzieren und dadurch den Mangel des Gebrauchs ersetzen sollen. Aber das hat, soviel ich weiss, noch keiner getan; sondern alle, die das Wort erklären wollten, taten nichts weiter, als dass jeder für sich sagte: das ist der Begriff, den ich mit diesem Wort verbinde. Und woher nahm nun jedes Ich seinen Begriff? Wahrscheinlich abstrahierten ihn die meisten von dem Benehmen derer, welche das sogenannte Geschäft der Aufklärung trieben oder doch zu treiben vorgaben. Alle aber formten ihre Begriffserklärung so, dass sie den Urteilen, die sie über die Aufklärung fällen wollten, angemessen war.2 Da nun aber das Benehmen derer, welche sich mir dem Werke der Aufklärung beschäftigten, sehr verschieden war, so mussten notwendigerweise auch die Resultate ihrer Beobachter, folglich auch die auf diese Beobachtungen sich gründenden Urteile und endlich auch die diesen Urteilen angepassten Erklärungen sehr verschieden ausfallen. Daher die Menge der so weit voneinander abweichenden Beschreibungen des Dinges; daher die widersprechenden Meinungen über die Möglichkeit einer allgemeinen Aufklärung; daher der ewige Streit über den politischen Nutzen oder Schaden, den eine solche allgemeine Aufklärung etwa stiften könnte; daher endlich die hundert verschiedenen Formen und Farben, in welchen die Menschen von beiden Parteien erscheinen und sich - hier für die Hinderung, dort für die Beförderung der Aufklärung, geschäftig beweisen.
Der Streit fing an hitzig zu werden, zumal, da er durch obrigkeitliche Verordnungen noch mehr angeregt war, und man konnte sogar die Parteien nicht von aller Erbitterung gegeneinander freisprechen. Einige, welche die wahre Quelle desselben in der Vieldeutigkeit des Wortes Aufklärung und den dadurch erzeugten ewigen Missverständnissen zu finden meinten, glaubten, das sicherste und leichteste Mittel, den ärgerlichen Prozess niederzuschlagen, sei die Entfernung des Zankapfels, und taten wirklich den Vorschlag, das anstössige Wort Aufklärung als einen Schall, der bis jetzt noch nicht zu einer bestimmten, durch den Gebrauch bestätigten und allgemein gültigen Bedeutung hat gelangen können, gänzlich fallen zu lassen, gleich einer Münze, die zwar in jedermanns Händen ist, aber keinen bestimmten und durch öffentliche Autorität bestätigten Wert hat; die also nichts Besseres verdient, als ausser Kurs gesetzt, und, falls ihr innerer Gehalt der Mühe wert ist, eingeschmolzen zu werden.3 Andere, welche das Wort um seiner Brauchbarkeit willen nicht gern missen wollten, trugen darauf an