Äusserungen der Denkkraft. Kann die Bedrückung dieser eine solche Umwälzung hervorbringen? Da ihre Tätigkeit sich bloss auf Gegenstände der Spekulation einschränkt, die im inneren des Menschen immer fortarbeiten und sich aller Gewalt entziehen kann, und da eine Nation auf der Stufe intellektueller Aufklärung über die Eingriffe in die äussere wirkung des Denkens keinen moralischen Unwillen fühlt, und da sie nicht hohe moralische Begeisterung und Verachtung aller physischen Gewalt und selbst des Todes ergreift, so mag sie noch so sehr in dem Gebrauch ihrer Kräfte widerrechtlich gedrückt werden, sie wird dennoch nicht aus achtung gegen Pflicht und Recht aufstehen. Sie ist zwar im Denken geübt, aber die Gebote der moralischen natur beseelen sie noch nicht in ihrer feierlichen Strenge, furchtbaren Heiligkeit und richterlichem Ernst. Auf dieser Stufe der Aufklärung standen vor der französischen Revolution fast alle Völker Europas. Mehrere nahen sich aber seit dieser Epoche mit gewaltigen Schritten einer Kultur, die ewiger und unwandelbarer natur ist, die Leben und Mut gibt, die Grösse des Charakters erzeugt und streng am Recht hängt. Allentalben fragt man, ist diese Handlung oder das Verfahren recht oder ungerecht, oder was hat dieser oder jener für ein Recht? Ebenso mächtig als die französische Revolution wirkt in Deutschland die grosse Erschütterung, die ein deutscher Mann auf den Gebieten des Wissens, Glaubens und Meinens hervorgebracht hat, und die unübersehbare Veränderungen in allem, was Menschen denken und tun, zum Besten der Menschheit bewirken wird. Eine Nation, die blosse spekulative Aufklärung besitzt, ist höchstens listig, schlau, verfeinert, eigennützig und immer noch feig: sie erträgt daher alle Beleidigungen ihrer unveräusserlichen Rechte aus Furcht vor physischer Gewalt und vor dem Verlust ihres Lebens in Ruhe und ist nie im stand, durch Aufstand gegen Unrecht einen Zustand des äusseren Rechts einzuführen.
Ist aber endlich die dritte Anlage bei einer Nation ausgebildet, und hat sie durch Übung Kraft, Stärke und Ausdauer gewonnen, so erklärt sie mutig und unerschrocken jeden Eingriff in ihre Menschenrechte für pflichtwidrig. Das Sinnenleben ist ihr jetzt nur bloss deshalb wert, weil es die Bedingung ist, ihre Pflichten als Menschen auf dieser Erde zu erfüllen. Ihr Leben bringen sie, wenn die Ausübung ihrer vollkommenen Rechte noch gehindert wird, der Pflicht zum Opfer dar. Keine andere Einschränkung des sinnlichen Genusses, keine anderen Vorschriften, die der Denkkraft Grenzen setzen wollen, als unter den Schranken des äusseren Rechts - der Selbständigkeit, Freiheit und Gleichheit - wird geduldet. Steht daher eine Nation auf der Stufe der moralischen Aufklärung, urteilt sie ungescheut und furchtlos nach allgemein geltenden Gesetzen über Recht und Unrecht, so erfolgt bei fortdauernden Kränkungen der Menschenrechte eine Revolution. Die Nation ist nun mit ihren Pflichten und Rechten bekannt, sie weiss, was sie fordern soll und darf, und wenn sich auch der grösste teil derselben noch keine Rechenschaft von seinem moralischen Unwillen über widerrechtliche Beeinträchtigungen gegeben und seine Gefühle noch nicht zu Begriffen erhoben und sie durch Nachdenken erleuchtet hat, so bedarf es doch nur eines geringen Anstosses, eine solche Nation, die ihre Empfänglichkeit für Recht und Unrecht durch Unrechtleiden geschärft hat und immer noch belebt, in einen revolutionären Zustand zu versetzen.
Man sieht daher, dass jeder Revolution bei allen äusseren Leiden und Lasten moralische Aufklärung vorausgehen muss, um eine Nation bereitwillig, stark, mutig, unverdrossen, kühn und einstimmig zu machen. In den Epochen des Genusses und der Spekulation fehlt ihr Mut und Unerschrockenheit, und in Rücksicht derselben herrscht eine so grosse Verschiedenheit der Meinung, als es Gegenstände für die Sinnlichkeit und Denkkraft gibt. Es ist daher keine Einstimmigkeit und allgemeine Teilnahme zu erwarten, wenn auch Bedrückung den Genuss schmälert und Tyrannei das Denken unterdrückt. In Absicht des Rechts hingegen ist Einheit, weil es in der blossen Form der Vernunft entalten ist, Stärke und Mut, weil es über die Sinnenwelt erhebt, und Verachtung aller Gefahren, weil die Begeisterung einer unendlichen Fortdauer immer die Aussicht erquickt, zu erwarten. Der Grund also von jeder Revolution ist äussere Bedrückung und moralische Kultur. Stimmen die äusseren Einrichtungen nicht mit den Aussprüchen des Gewissens überein, erkennt oder fühlt die Nation die Ungerechtigkeiten, die sie belasten und ihrer Menschheit spotten, so ist eine Revolution unvermeidlich. Sie kann aber vermieden werden, wenn die Verfassung mit der moralischen Aufklärung gleichen Schritt hält, die Regierung immer auf den allgemeinen Willen der Nation achtet und ihn vollzieht, nicht frech und unbesonnen in Beleidigungen gegen das Recht fortfährt, sondern den Geist der Zeit kennt, ihn zu regieren und zu gebrauchen weiss.
So lange bloss sinnliche und intellektuelle Kultur unter einer Nation blüht, entsteht noch kein Gedanke an eine Umänderung der Prinzipien der Verfassung. Sobald aber die moralische natur durch die mancherlei Verhältnisse der Menchen und durch das Reiben aneinander entwickelt und das sittliche Gefühl dadurch geschärft und wirksam wird, so kann man nur Revolutionen durch Verbesserung der Verfassung und durch Einführung einer Form, die das äussere Recht handhabt, verhindern. Materielle Aufklärung steht gar nicht in Verbindung mit politischen Umwandlungen. Der Mensch ist oft bei solchen Aufgeklärten gänzlich vernachlässigt, was kümmern sich z. B. unsere Naturkundigen, Astronomen, Teologen, Juristen usw. um eine rechtliche Verfassung unter den Menschen? Immer ist bei ihnen nur der eigennützige Trieb erwacht und tätig, alle ihre Gedanken sind entweder mit Gewinnsucht oder mit Vervollkommnung ihrer einzelnen Wissenschaft beschäftigt. Was geht sie auch der Mensch an? Haben sie nicht alle edle Wirksamkeiten desselben in sich unterdrückt oder gar ausgetilgt? Spricht man mit ihnen von Pflichten und Rechten der Menschheit, so glauben sie, Wesen aus einer