seines Zeitalters hinwegzusetzen - unfähig, jemals seinen Geist zu dem Grad der Vollkommenheit zu erheben, den nur derjenige zu erreichen fähig ist, der das ganze Gebäude des menschlichen Wissens, besonders insofern es auf allgemeinen grundsätzen beruht, in seinem ganzen Umfang, nach seinem ganzen zusammenhängenden Plan, in allen seinen sich wechselseitig unterstützenden und erleuchtenden Teilen übersieht; ungeschickt, die bei jeder Wissenschaft zugrunde liegenden philosophischen Begriffe einzusehen und zu prüfen, noch ungeschickter, sie aus sich selbst zu entwickeln; ebenso unfähig, einzelne Bemerkungen auf allgemeine Grundsätze zu reduzieren, bleibt er lebenslang Sklave des Systems der Schule, zu der ihn Zufall und Verfassung führten, lernt mühsam auswendig, was andere dachten und schrieben, sammelt ewig anderer Meinungen, ohne je in bedeutenden Gegenständen eine eigene, am wenigsten eine neue Meinung zu haben. Nie wird seine Wissenschaft einen beträchtlichen Fortschritt durch seine Vermittlung tun, nie also die Menschheit durch ihn einen erheblichen Vorteil erhalten; denn nur dem scharfsinnigen und unbefangenen Denker ist dies vorbehalten. - Nie ist er im stand, Meinungen anderer gründlich zu prüfen, weil er alles nach dem Massstab seines Systems ungeprüft annimmt oder verwirft - und nun setze man eine Anzahl solcher Menschen in öffentliche Ämter, und zum Unglück hält man zu den wichtigsten gerade dergleichen Halbmenschen für die Geschicktesten, da sie zu den Maschinen gehören und man solche auf den wichtigsten Posten am liebsten braucht.
Blinde Verteidiger des Herkommens, Widersacher jeder heilsamen Veränderung, unduldsam eingeschränkt und eben deswegen auch hochmütig und für sich und ihre Vorzüge blind eingenommen, werden sie ihren Mitbürgern und dem staat durch mannigfaltige Unterlassungen des Guten, das nicht in ihrer Instruktion steht, und durch manche aus Blindheit und unverständiger Strenge verübte Unmenschlichkeit und begünstigte Torheit den empfindlichsten Schaden zufügen. Von Männern dieser Art haben sich auch noch jetzt Aberglaube, Tyrannei, gotische Missbräuche und alle einmal in die Staatsverfassungen einverwebten Torheiten wenn auch nicht allezeit sehr tätige Beförderung zu versprechen - denn grösstenteils sind sie auch dazu zu schlaff -, doch wenigstens niemals Widerstand zu befürchten. Und was wird die Quelle aller dieser Übel sein? Was anders, als der Mangel an freiwirkender und vollständiger Aufklärung?
Noch gibt es eine Art Halbdenker, die weder zur Schwärmerei noch zur kaltblütigen Prüfung Kraft und Willen genug haben, und die gleichfalls durch eine Erziehung, welche die Denkkraft in ihnen nicht erweckte, oder ihr wenigstens nicht frei genug zu wirken, noch sich gehörig zu entwickeln gestattete, das wurden, was sie sind. - Die charmanten, artigen Leute, deren höchstes Gesetz Politesse und deren grösste Tugend äusserer Anstand und Beobachtung konventioneller Gebräuche sind. Ihnen ist es zwar meistens gleichgültig, was und wie andere Menschen denken, aber sie sind doch zu sehr an die sklavische Nachahmung jeder Modetorheit gewohnt, ihr Kopf ist zu sehr von den nichtswürdigen Regeln dessen, was sich schickt und nicht schickt angefüllt, als dass sie unbefangen und natürlich zu denken und also auch vernünftig zu handeln fähig sein sollten. - Zum Unglück ist diese Art Leute in den Gesellschaften der Grossen, der Damen, und überhaupt der sogenannten feinen Welt, die ausgebreitetste. - Sie liefert Missionare des Lasters, des Müssiggangs und der Verschwendung: sie opfert, wenn es sein muss, dem guten Ton Ehre, Gesundheit und häusliche Glückseligkeit auf; sie ist gross in Nichtswürdigkeiten und klein in wichtigen Dingen, erfinderisch in Spielereien und gleichgültig gegen die erhabensten Wahrheiten. ängstlich besorgt, sich und andern stets abwechselnde Sinnenbefriedigung zu verschaffen, und ganz unbekümmert um die Erhöhung ihrer Geisteskräfte und um die Verbreitung richtiger Ideen, verachtet sie oder übersieht Männer welche der Stolz der Menschheit und die Bewunderung der'Nachwelt sind! Denn sie urteilt nie über das, was wahr, vernünftig und gut, sondern bloss über das, was Sitte ist. Kein Wunder, wenn sie dem Staat weder gute Hausväter und Ehegatten noch sonst rechtschaffene, nützliche und glückliche Bürger liefert! - kein Wunder, wenn Verleumdung, Spott über die "wichtigsten Dinge, Witzelei auf Kosten der gesunden Vernunft, lächerliche Verachtung der nützlichsten und ehrwürdigsten Volksklasse und eine klägliche, hinter Galanterie und Unverschämteit verborgene Unwissenheit bei ihr die Stelle der Tugenden vertreten! –
Wehe der Menschheit! wenn solche falsche Aufklärung länger fortdauern sollte, aber auch wehe der Menschheit! wenn demfortschreitenden Selbstdenker auf halbem Wege Stillstehen geboten werden sollte! wenn man es hindern wollte, dass die freimütige stimme der Wahrheit nicht mehr bloss zum Tron durchdringen könnte, wenn man sich bestreben wollte, dem Volk die Weisen und mit ihnen die Weisheit verhasst zu machen. Dann würde Barbarei der Sitten sich von neuem mit der Barbarei der Meinungen verbinden. Schwärmerei, Glaubenshass, Verfolgungsgeist und das ganze Gefolge des Reichs der Finsternis würden hohnlächelnd sich der Vollendung ihres Werks und ihrer wiedererlangten herrschaft freuen!
Doch nein, - das werden sie nicht, das können sie nun nicht mehr. - Unmöglich kann ich von dem einmal mit den Vorteilen des Vernunftgebrauchs bekannten Teile der Menschheit so schlecht denken, um zu fürchten, dass er für sein höchstes Interesse, für die einzige Bedingung seiner grösstmöglichsten Veredlung blind werden und nicht auf einem Weg fortgehen sollte, der, wenn auch zur Zeit von wenigen betreten, doch nun einmal bekannt und durch das Licht des erregten Forschungsgeistes erleuchtet ist.
Anonym
Kritischer Versuch über das Wort Aufklärung
zur endlichen Beilegung
der darüber geführten Streitigkeiten
Die Schriftsteller und Volkslehrer in Deutschland haben bisher über ein Ding gestritten, das sie Aufklärung nennen. Einige haben es als höchst gefährlich und schädlich, andre als sehr nützlich und notwendig vorgestellt. Man höre, welche