All_Enlightenment_114.txt

auf einem Punkt stehen, so würde die fortschreitende Ausbildung der Wissenschaften in ihrem Lauf aufgehalten und die schönste Kraft der menschlichen Seele, die Kraft zu prüfen und nach vorhergegangener Prüfung zu urteilen, untergraben. Es entstünde im moralischen Reich der Menschen eine Untätigkeit und Stumpfheit, die die grösste Barbarei zur notwendigen Folge haben müsste.

Gerade dies ist die Folge einer allzu engen Einschränkung der Pressefreiheit. Alles Fortrücken in Kenntnissen wird durch sie aufgehalten, die Ausbildung des Geistes gehindert, die Ausbreitung der Aufklärung gehemmt, der Geist der Nation in Schlaffheit versenkt und ihr Charakter verdorben. Dies ist nicht Räsonnement, sondern lautes Zeugnis der Erfahrung. Diejenige Nation war immer die aufgeklärtere und einsichtsvollere, die diese Freiheit in der grössten Ausdehnung genoss; diejenige immer die unwissendste, geistloseste und unduldsamste, der sie geraubt ward. Man vergleiche zum Beispiel nur die Spanier mit den Engländern, die Franzosen mit den Italienern, die Brandenburger mit den Bayern. -

Man hat in den neuesten zeiten in unserem deutschen Vaterland angefangen, auf die stimme der Vernunft und Erfahrung zu horchen; indem man sich aber die Gefahr des Missbrauchs der Pressefreiheit zu gross vorstellte und von den oben angegebenen zufälligen, schädlichen Folgen derselben zuviel Böses besorgte, so hat man ihr noch in wenigen Orten diejenige Ausdehnung gegeben, die ihr nach den grundsätzen der gesunden Vernunft gebührt, und sie bald mit weiteren, bald mit engeren Schranken umzäunt. Sehr viel glaubte man getan zu haben, wenn man alles ohne vorhergegangene Zensur zu drucken gestattete - aber mit der Beschränkung, dass der Verfasser einer jeden Schrift seinen Namen und Charakter von derselben angeben soll. Ein ehrlicher Mann - sagte man -, hat nie Ursache, sich unter einer Hülle zu verbergen, und wer Wahrheit predigt, darf das Licht nicht scheuen.

Durch diese Einschränkung glaubte man den Missbrauch der Pressefreiheit am leichtesten zu verhüten, ohne die wohltätigen Wirkungen ihres zweckmässigen Gebrauchs zu hindern.

Wahr ist es, wenn man je diese Freiheit einschränken will, so ist diese Einschränkung immer die unschädlichste und vernünftigste. Der menschliche Geist leidet durch sie den wenigsten Zwang, man vermeidet die notwendigkeit, Zensur-Kollegien zu errichten und damit einzelne Bürger des staates zu den Despoten aller menschlichen Weisheit zu machen, man sichert den Staat gegen aufrührerische - die Religion gegen verführerische Schriften und die Bürger gegen Pasquille und hemmt die Fortschritte der Wissenschaften weniger als mit einer jeden anderen. Indessen hat aber auch sie ihre Unbequemlichkeiten, die um sehr viel grösser sind als diejenigen, die eine uneingeschränkte Freiheit der Presse besorgen lässt.

In einem despotischen Staat, wo unter den Führern des Volkes die Aufklärung noch im Schlaf liegt, Aberglauben und Intoleranz aber auf dem Tron sitzen, ist diese Einschränkung gerade so schädlich und hemmt das Wachstum der Wissenschaften ebenso wie eine jede andere. Denn da würde jeder weiterblickende Kopf sich in endlose Verdriesslichkeiten verwickeln oder gar der Zerstörer seines ganzen zeitlichen Glückkes werden, wenn er irgendeine Wahrheit lehrte, die nur von weitem gegen die strengen Grundsätze des Despoten oder den autorisierten Lehrbegriff der intoleranten Priester anstiesse. Jeder würde seine Überzeugung geflissentlich in sich verschliessen und sich hüten, dass er nicht ein Opfer der herrschenden Finsternis und des triumphierenden Fanatismus werde. Man bliebe aber immer auf dem nämlichen Punkt der Einsicht und der Weisheit stehen, und diese scheinbare Ausdehnung der Pressefreiheit wäre weiter nichts als eine Äffung des Publikums, womit es zu gewinnen schiene, in der Tat aber verlöre.

Beinahe ebenso verhielte sich's aber auch bei einem aufgeklärteren Volk und einer milderen Regierung. Wer würde sich hier wohl erkühnen, solche Meinungen, die unter dem Namen der Religion bei dem grössten teil des Volkes in Ansehen stehen, in der Tat aber grundlose Vorurteile sind, anzutasten und in ihrer Blösse zu zeigen, da man offenbar dadurch beim Volk und bei seinen Vorstehern nicht nur keinen Dank ernten, sondern im Gegenteil sehr viel verlieren würde? Wer würde es, bei der hohen Wahrscheinlichkeit, dass man den Zorn des Fürsten und seiner Diener reizen würde, wagen, die reinen Grundsätze der Staatswissenschaften zu lehren und die Schwächen und Fehler der Landesgesetze überzeugend und bescheiden aufzudecken? Wer würde freimütig und unbefangen genug sein, um die Torheiten der höheren Stände von ihrer lächerlichen Seite darzustellen und ihren Lastern die Larve abzuziehen? Hingegen geschah alles dieses zum Segen der Menschheit von Schriftstellern, die ihre Namen in ein undurchdringliches Dunkel einhüllten, - und es geschieht noch täglich.

Die geschichte unserer Zeit kann jeden überzeugen, dass der Grund zu unserer jetzigen Aufklärung durch anonymische Schriftsteller gelegt und der wohltätigen Geistesrevolution in der letzten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts der erste Stoss gegeben worden ist. Verdanken wir nicht unsere reineren Vorstellungen von den Lehren der göttlichen Religion Jesu grossenteils einer Zeitschrift, durch die lauter unbekannte Verfasser auf den Geist der Nation gewirkt haben? Verbreitet nicht eine Gesellschaft edler Männer, deren Namen dem grossen Haufen verborgen sind, durch ein ähnliches Institut das hellste Licht über das katolische Deutschland? Hätten wohl die Sottisen unserer Zeitgenossen eine so grosse Publizität erlangt, wenn immer derjenige, der sie bekannt gemacht hat, verbunden gewesen wäre, seiner Erzählung seinen Namen zu unterschreiben? Wäre wohl die deutsche Nation so bekannt mit sich selbst geworden, wenn jeder die Bemerkungen, die er in Schriften bekannt machte, unter seinem Namen hätte bekanntmachen müssen? - Beweise genug, dass Anonymität die Aufklärung einer Nation befördert und sie im Fortrücken ihrer Geistesbildung mächtig unterstützt; und ebenso viel Beweise, dass ihre Unterdrückung beides hemmt und aufhält.

Was würde auch wohl ein solches Gesetz, das die Pressefreiheit durch die