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Anonym

Ursachen und schädliche Folgen

der Afteraufklärung

Wohl hat man recht, wenn man selbst von Seiten der Antipoden des Selbstdenkens behauptet, Aufklärung sei ein äusserst missbrauchter Name, allein, nicht selten enteiligen ihn diejenigen am meisten, die am heftigsten gegen diesen Missbrauch schreien.

Modetorheiten aller Art werden unter diesem Namen begriffen, fragt, welchen Verkäufer geheimer Weisheit ihr wollt, ob er die Aufklärung liebe, und er wird euch versichern, dass er sie nicht bloss liebe, sondern dass er auch nebst wenigen Auserwählten in dem ausschliessenden Besitz derselben sei. Sogar der Meineidige, der falsche Spieler, der Betrüger jeder Art, der Mädchenverführer, der Kuppler, der Verschwender, der viehische Wollüstling, der Verächter jeder bürgerlichen und häuslichen Tugend gibt seinen Bubenstücken und Lastern die Farbe der Aufklärung, betäubt die stimme der Vernunft und des Gewissens durch die Vorstellung, dass die ihm noch übrigen edleren Gefühle der Scham, der Ehre und der Moralität unter die verjährten Vorurteile gehören, über welche sich ein Mann von Kopf hinwegsetzen müsse. In diesem aufgeklärten Zustand verliert er Vermögen, Gesundheit, Ruhe, guten Namen, oft selbst die Fähigkeit richtig denken zu lernen, und die Reue, die ihn quält, die Vorwürfe, die er sich macht, die Flüche, die Eltern und Verwandte gegen die Ursache seines Unglücks ausstossen, muss alle die Aufklärung tragen. - Allein ist es nicht offenbar jener Missbrauch des Verstandes, jenes törichte und vom Selbstdenken entblösste Nachbeten halbkluger Aufklärer, welches jene Übel hervorbrachte? - Und ist es nicht traurige Ideenvermischung, die wahre Weisheit zu verachten, weil sich Toren auch Weise nennen? - Bei diesen Irrungen im Gebrauch jenes ehrwürdigen Namens, dessen sich die Feinde der Denkfreiheit so klug zu bedienen wissen, um alles Selbstdenken verdächtig zu machen und die Fahne des Köhlerglaubens an allen vier Enden der Erde wehen zu lassen, scheint es Bedürfnis unseres Zeitalters zu sein, die Ursachen und Kennzeichen, zugleich aber auch die Gefahren und Nachteile einer eingeschränkten und falschen Aufklärung gehörig auseinanderzusetzen, bei jener das Stillestehen, bei dieser die Verirrungen und die Missbräuche des Untersuchungsgeistes zu erklären.

Es ist ausgemacht wahr, dass wir die seit einigen hundert Jahren erneuerte Aufklärung vorzüglich den wichtigeren Ideen zu verdanken haben, welche man seit dieser Zeit aus den Schriften der alten Griechen und Römer kennen lernte. Es ist ebenso wahr, dass noch heutigen Tages das gründliche Studium der Alten zur Erhaltung eines guten Geschmacks, zur gründlichen Kenntnis der geschichte der Kultur, der Wissenschaften und des menschlichen Geschlechts unentbehrlich ist, aber es ist auch ganz gewiss, dass die blinde anhänglichkeit an dieses damals einzige Orakel der Weisheit der Ausbreitung des Selbstdenkens ungemein viel geschadet hat.

Man vertauschte die scholastische Philosophie mit der aristotelischen, aber man betete diese ebenso maschinenmässig nach, als man jene auswendig gelernt hatte. Man fing an, die römischen Gesetzbücher vernünftiger und mit gehöriger Rücksicht auf geschichte und Altertümer auszulegen, aber man dachte kaum daran, dass es möglich sei, selbst für sein Zeitalter und Vaterland passendere gesetz zu erfinden. Man machte das römische Gesetzbuch zur Hauptquelle aller teoretischen Jurisprudenz. Selbst Grotius, dieser Erneuerer der philosophischen Rechtsgelehrsamkeit, brauchte meistenteils Stellen der Alten statt Vernunftgründen, und noch ist das jetzt so vervollkommnete Studium von sehr geringem Einfluss auf die Gesetzverbesserungen der meisten Länder und in wenigem Ansehen beim grossen Haufen der juristischen Handwerker aller Art, deren mit auswendig gelernten Machtsprüchen und Formeln angefüllter Kopf das Bedürfnis des eigenen Nachdenkens gar nicht einmal fühlt und eben deswegen zur Begünstigung heilsamer Veränderungen ganz untüchtig ist.

Ebenso verfuhr man in mehreren Wissenschaften, und es ist gewiss, dass jene ausschliessende Verehrung der Alten, der Missbrauch des Studiums derselben und die daher entstandene Silbenklauberei, mit der sich die meisten, und nach damaliger, noch jetzt nicht ganz ausgerotteter Meinung gründlichsten Gelehrten beschäftigten, dass die dadurch verursachte Eingeschränkteit und der Mangel an Übersicht des ganzen zusammenhängenden Feldes des menschlichen Wissens, kurz, dass der düstere Unhold Pedanterie unter den Hindernissen der wahren Aufklärung einen der ersten Plätze verdiene, vorzüglich, da noch jetzt in manchen Ländern die Erziehung der Jugend, besonders in öffentlichen schulen, fast einzig und allein einem Haufen in die Irrgänge falschverstandener Philologie und Kritik verlorener Pedanten überlassen ist, die von der Metode, denkende Menschen zu bilden, um so weniger wissen können, je unfähiger sie selbst durch die einseitige Beschäftigung mit einer einzigen Hilfswissenschaft zum eigenen Nachdenken geworden sind.

erschien einmal ein Kopf der ersten Grösse, der mit eigenen Augen zu sehen und das Gesehene und Gedachte, insofern es mit den Meinungen der Schulgilden in dem Widerspruch stand, öffentlich zu sagen wagte, welch ein Schicksal wartete seiner! Priester und Leviten, vornehmer und gemeiner Pöbel hasste, verfolgte, drückte, schimpfte, verjagte den um sein Jahrhunden, um seine Nation und um die ganze Menschheit unsterblich verdienten Mann. - Kopernikus, Galilei, Tomasius, Wolf, und so viele ähnliche Männer, welchen ihr Zeitalter und die Nachwelt so viel zu verdanken hatte, wurden sie nicht alle in grösserem oder geringerem Grade Opfer ihrer Ehrlichkeit und Freimütigkeit? - Mit dem Titel Ketzer gebrandmarkt, aus ihrem Vaterland vertrieben, ihrer Ehrenstelle entsetzt, zu den schimpflichsten Verleugnungen ihrer inneren Überzeugung genötigt, waren sie der Unmenschlichkeit blinder Eiferer preisgegeben, zu glücklich, wenn sie einen Zufluchtsort in dem milder gesinnten Ausland fanden oder unter ihren Mitbürgern in einer kümmerlichen Verborgenheit geduldet wurden! - Zwar nennt die Nachwelt ihre Namen mit Ehrfurcht, indes die ihrer Verfolger von der geschichte mit Schande gebrandmarkt sind. Allein selbst diejenigen, welche sich jetzt dieser Männer Andenken zu