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eine gewiegte Katolikin!"

"Es gibt nun einmal solche Menschen, die ihre Freuden da finden, wo wir verzweifeln müssten," sagte Orest. "Ich habe ja ein solches Beispiel an meiner Cousine erlebt. Ein bildschönes, liebenswürdiges Mädchen begräbt sich bei zweiundzwanzig Jahren im Kloster der Karmelitessen. Man fasst, man begreift so etwas gar nicht."

"Wenn man den Grund dafür matematischoder durch Wahrnehmungen der fünf Sinne bewiesen haben will: dann freilich ist es nicht zu fassen," sagte der Marquis.

"Und kann irgend etwas vor der Vernunft Geltung haben," fragte Florentin, "was sich n i c h t auf jenem Wege beweisen lässt?"

"Wenn Sie alles verwerfen, was die Sinne nicht wahrnehmen und was die empirische Wissenschaft nicht beweist," entgegnete der Marquis, "so verwerfen Sie das ganze höhere Geistesleben des Menschen, die ganze sittliche und intellektuelle Welt, alle Lehren und Grundsätze, auf denen die Menschheit ruht. Aus ihrem chemischen Schmelztiegel geht nicht Gott, nicht die Offenbarung, nicht das Gewissen hervor. Leugnen Sie aber das alleswomit füllen Sie dann den furchtbaren Abgrund aus, der sich im inneren einer Seele auftut, welche von allen übernatürlichen Traditionen abgelöst, an nichts sich hält, als an der sichtbaren Welt; also am Nichts! .... denn die vergeht! In allen grossen Gesetzen und hohen Ideen der Menschheit, in ihrem ganzen Leben und Weben verrät sich die Ahnung einer übernatürlichen Welt, mit welcher der Menschengeist in geheimnisvoller unleugbarer Verbindung steht."

"Dieser Behauptung kann vielfach widersprochen werden," sagte Florentin, "zum Beispiel durch den Zustand, in welchem sich der grösste teil der Menschheit befindet. Die wilden Völker wissen nichts von solcher Ahnung."

"Weil der Geist bei ihnen in jenen Stumpfsinn gefallen ist, der ihm die Überwucherung durch die Materie bereitet," erwiderte der Marquis.

"Und das ist auch der Grund," rief Judit, "weshalb die Wilden unter den gesitteten und gebildeten Nationen jene Ahnung verloren haben und jenen Zusammenhang leugnen: ihr Geist ist geknechtet vom Materialismus. Sprengt ein Geist diese Fessel, so erwacht das Gottesbewusstsein in ihmunklar, schwankend, entstellt: aber es erwacht! das beweist der Geisteszustand aller nichtchristlichen Völker alter und neuer Zeit, sobald sie die unterste Stufe der Wildheit überwunden haben und durch dies Gottesbewusstsein treten sie in den Zusammenhang mit einer Welt, die ausser und über der Sichtbarkeit liegt. Der christlichen Offenbarung ist es vorbehalten, dies dunkle Bewusstsein in lichte Erkenntnis zu verwandeln."

Indem sie so sprach, sah sie wunderschön aus: die

Statue bekam eine Seele und ging aus der Traumbefangenheit zur Erkenntnis über. Es fiel allen auf. In Orest's Gehirn kreuzten sich die abenteuerlichsten Pläne, um Judit zu entführen und nach Damaskus zu bringen. Das mittelländische Meer, Libanon und Antilibanon zwischen ihm und der europäischen Weltund er gleichsam allein im Universum mit Judit: das wurde seine fixe idee. Der Marquis d'Avallon fragte sich heimlich, ob Judit etwa auf Herrmanns Wegen gehe, was ihn, wo möglich, in noch grösseres Staunen versetzen würde. Florentin dachte zähneknirrschend: sollte denn wirklich ihr skeptischer Verstand, der nach allem fragte und alles gleichgültig beiseite legte, in die Klauen eines Boten der Finsternis gefallen und von ihm umgarnt sein! Ohne ihren Einwurf zu beachten, sagte er zum Marquis:

"Das Studium der Naturwissenschaften gibt unseren Tagen das Licht der Erkenntnis. Es durchmisst und durchforscht das Universum und enträtselt die gesetz, welche dessen Stoffe verbinden und trennen, dessen Kräfte in Bewegung setzen; und eben weil sie das Universum umschliesst und begreift, so schliesst sie es auch abund hat somit das letzte Wort, denn über das Universum hinausliegt nichts; das ist klar!"

"Für den, der im Chaos der Stoffe und Kräfte bleibt," sagte der Marquis. "Wer aber zur Schöpfung übergeht, – findet den Schöpfer und somit wieder die übernatürliche Welt."

"Und prahlen Sie nur nicht, Signor Fiorino, dass Ihre Wissenschaften die gesetz ergründen, welche den Erscheinungen in der natur zum grund liegen! Trotz all Ihrer Physik und Chemie gibt es tausend Warum? die Sie so wenig beantworten können, als ichder ungelehrtesten eine!" rief Judit.

"O bitte, Signora, ein Warum! damit wir das Vergnügen haben, Signor Fiorino, der es beantworten wird, anzustaunen," sagte der Marquis.

"Warum," sagte Judit lächelnd zu Florentin, "hat das adriatische Meer Ebbe und Flut, da es ein Busen des mittelländischen Meeres ist und dieses keine Ebbe und Flut hat?"

"Dies ist eine ganz vereinzelte Erscheinung, über welche man vermutlich nie physikalische Beobachtungen angestellt hat," entgegnete Florentin nachlässig.

"Mit anderen Worten: man weiss es nicht," sagte Judit. "Ja, man kennt überhaupt nicht den Grund dieses wunderbaren Phänomens der Ebbe und Flut, das man am Ocean täglich vor Augen hat. Ihre Physik kann es nicht erklären, obgleich es durchaus dem Bereich der sinnlichen Wahrnehmungen angehört; sie weiss nicht, welche Kräfte und Einflüsse dabei tätig sind. Und nach einem solchen Fiasco sollte man ihr vertrauen, wenn sie übersinnliche fragen lösen und etwa beweisen wollte, es gebe keine unsterbliche Seele, denn sie entdecke weder mit dem Seziermesser im menschlichen Organismus, noch mit dem Teleskop im Universum den Platz und den Himmel,