er sich unter die andern Offiziere, die sich mit ziemlich derben Spässen auf Kosten einer Frau unterhielten, die "der schöne Mönch wohl nicht in sein Kloster entführen, sondern ihnen überlassen würde –" ...
Hubertus wandte sich einem haus zu, das hier ein Ziegenhirt ersten Ranges, ein "Rico", ein Reicher bewohnte ... Messer Negrino hiess er; er war ihm besonders befreundet ... Leider aber war dieser im Ruf der Ketzerei stehende erste Bürger von San-Gio nicht zu haus ... Mit seiner Heerde war er unterwegs und vielleicht auf der Messe von Rossano ...
Schon wusste ganz San-Gio, wer mit Scagnarello gekommen war ... Schon hatten sich Gruppen von alten Bekannten gebildet, welche die Schwester ihres in San-Firmiano wohnenden ehemaligen Pfarrers sehr wohl erkannten und sich zu Teilnehmern einer Verhandlung über die Frage machten, ob es geratener wäre, dass Rosalia Mateucci noch mit ihrem kind dem Bruder Hubertus folgen und am Eingangstor des Klosters unter einem Dach, das die Madonna schützte, übernachten oder in einem Bette bleiben sollte, das ihr der alte, hocherfreut sie begrüssende Messner ihres Bruders in seinem niedrigen Häuschen anbot ... Scagnarello hatte schon den Pepe ausgespannt und musste ihm die Streu im Freien machen, da den Stall die Soldaten eingenommen hatten ... Als weltkundiger Mann hatte er zum Bleiben geraten ... Es schien ihm, als würde Paolo Vigo schwerlich sich ihm morgen als Rückpassagier anschliessen können ...
Hubertus, vom haus Negrino's zurückkehrend, scherzte bei allen diesen Verhandlungen mit Jung und Alt, nahm die jetzt verdriesslich aus der Ruhe gekommene Marietta auf den Arm, gab Auskunft über seine Reise sowohl dem "Sacristano" wie dem "Sindico", welchem letzteren er einige auf seine Reise übernommene Aufträge ausgerichtet hatte – aber die Soldaten, deren Absichten auch die erste Magistratsperson des Ortes nicht zu deuten wusste, beunruhigten ihn so sehr, dass er von Rosalia Mateucci für heute Abschied nahm und sofort nach San-Firmiano aufbrach, um, wie er versprach, schon beim Mitternachtgebet dem Bruder die frohe Kunde zu bringen und diesem zur überlegung Zeit zu lassen, wie er am passendsten seine Schwester empfangen wollte ...
Unter den Scherzen der Soldaten, die Hubertus seines Todtenkopfes wegen schon gewohnt war, verliess er den Platz und begab sich in grosser Spannung nach seinem Kloster ... Der Sindico, der zugleich die Post von San-Giovanni hielt, hatte versichert, dass allerdings amtliche Briefe seit einigen Tagen für den Guardian des Klosters genug angekommen wären ... Das gab ihm Hoffnung ... Der Sindico wusste, Hubertus hatte die in San-Firmiano seit Jahren Eingekerkerten in Neapel erlösen wollen ... Zöglinge waren sie alle der seltnen Strenge dieses einfachen Mönches, Zöglinge des ihm von Frâ Federigo eingepflanzten leidlich evangelischen und aufgeklärten Geistes ... Mit seiner Fürbitte war Hubertus von Cosenza nach Neapel verwiesen worden ... Hier hatte er nur die Dominicaner verdriesslich und unfreundlich, alle andern Behörden gütig und ganz erfüllt von der ihm immer gewährten Nachsicht gefunden ... Allerdings wurde Hubertus von Rom protegirt ... Seit Jahren hatte man ihm gestattet, in Firmiano zu leben; sogar die Untersuchung über den Tod eines Genossen des Boccheciampo war ihm erlassen worden; man gestattete ihm all die Freiheiten, ohne welche sein unruhiges Temperament nicht leben zu können schien ... Der Sindico konnte nicht genug schildern, was ihm die angekommenen Briefe schon von Aussen inhaltreich und bedeutsam erschienen wären ...
Hubertus verliess San-Gio ... Einsam ging er den dunkeln Weg ...
Seine aufgeregte Phantasie brachte diese Soldaten mit seiner Reise in Verbindung ... Der Erzbischof von Neapel hatte eine Menge fragen an ihn gerichtet – vorzugsweise über Frâ Federigo ... Dem hohen Herrn war alles bekannt gewesen, was diesen Einsiedler betraf, der deutsche Ursprung desselben, seine Flucht aus einem piemontesischen Tal, seine dortige Förderung ketzerischer Bestrebungen, seine Gefangenschaft unter den Genossen Grizzifalcone's, dann Hubertus' mutige Befreiung desselben ... Dass Frâ Federigo noch lebte, wusste der Erzbischof nicht minder, ja er beschrieb mit genauester Ortskenntniss ein von Bergen umschlossenes enges Tal im Silaswalde, wo jener Flüchtling unter den sogenannten Bluteichen seit vielen Jahren einsiedlerisch lebte ... "Bluteichen" hiessen jene uralten Stämme aus den Tagen, wo auch in Calabrien für die evangelische Lehre Blutströme geflossen waren und Scheiterhaufen loderten ... Paolo Vigo war infolge einer Bekanntschaft mit Frâ Federigo in seinen Kanzelreden verdächtig und dem Kloster Firmiano zur Correction übergeben worden ... Allen diesen Verhältnissen hatte der Erzbischof seine volle Aufmerksamkeit geschenkt, wusste, dass Cosenzas Kirchenfürst vom Guardian zu San-Firmiano Bericht über Bericht über die Umwandlung erhielt, welche mit den unter seine Obhut gegebenen Spielern, Fluchern, Gotteslästerern vor sich gegangen war und dennoch gab er auf die Frage, ob nicht endlich die jetzt so anerkennenswerten Bewohner des Klosters in ihre Aemter zurückkehren durften, keine entscheidende Antwort ...
Bruder Hubertus hatte in San-Giovanni einige Stärkung zu sich genommen ... Der alte Franz Bosbeck, der noch im hohen Alter einer ungebrochenen Kraft sich rühmen zu können gehofft hatte, war er nicht mehr ... Die lange Kette seiner Lebenserfahrungen war zu drückend und schwer geworden ...
Schon war es über zehn Uhr – nach italienischem Zifferblatt die dritte Stunde – seine Klostergenossen mussten schon schlafen – wecken wollte er niemand, da