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. In dem Mut, der zu einer solchen Unternehmung gehörte, lag allein schon die Bürgschaft des Erfolgs ... Dem Italiener imponirt jede Kühnheit ... Bald mussten über den "Bruder Todtenkopf in der braunen Kutte" Sagen hinausgehenmärchenhaft und wie ein entwaffnender Schrecken ...

Ceccone starrte mehr noch dem Pater Vincente ... Ist das Papst Sixtus V., der sich als Cardinal solange unbedeutend stellte, bis er als Papst die Maske abwarf? dachte er ... Nun sah er sogar den alten Heuchler, den Fürsten Rucca, beim Abschied an der Villa den Strick des Paters ergreifen, diesen küssen, dann sogar niederknieen, Hubertus und Lucinden gleichfalls, alle um den Segen des begeisterten Sprechers zu empfangen ...

Diesen Segen erteilte Pater Vincente mit dem verzückten Liebesblick des sankt-Franciscus ...

Die Jesuiten haben ihren Popanz für den Stuhl der Apostel gefunden! sagte sich Ceccone ... Er blickte staunend den beiden Mönchen nach, die sich jetzt empfahlen, begleitet von dem alten, gleich einem Aal sich bis in die Villa windenden Fürsten Rucca ...

Das Glöcklein der Benfratellen tönte draussen fort, und fort ...

Miracolo! rief Ceccone Lucinden zu und pries galant die Dienste, die sie geleistet ...

Lucinde stand gedankenverloren ... Sie sah nun die Gefahren, die den Bischof von Castellungo umgaben ...

Der Cardinal konnte jetzt sich nicht weiter aussprechen ... Die "Caudatarien", die ihn an eine Sitzung im Vatican und die Anwesenheit seines Secretärs zu erinnern hatten, standen harrend in der Nähe ...

Ceccone plauderte, wie gleichgültig, von der heutigen Speisestunde im Palazzo Rucca und seufzte über seine Sorgen ... Eine "Hochzeitsreise" hatte Olympia abgelehnt. Sie feierte ihren "Lendemain" nach italischer Sitte .... Vor hunderttausend Zeugen ... Heute Abend sollten zwei Musikchöre die halbe Nacht hindurch am "Pasquino" spielen ... Grosse Feuerbecken beleuchteten dann den Platz ... Fässer, mit Reisholz gefüllt, Pechkränze wurden abgebrannt ... Der Volksjubel sollte nicht enden ...

Der Fürst war in der Tat schon nach Santa-Maria zum General der Franciscaner gefahren ...

Die Benfratellen befanden sich im Nebenbau, um den Pater Sebastus zu holen ...

Pater Vincente leitete das bequemere Heraustragen ...

Hubertus suchte noch einen Moment Lucinden beizukommen, der sich eben Bischof Camuzzi genähert hatte ...

Lucinde verbeugte sich ausweichend dem Priester, der sie gestern eine "Creolin" genannt, und versicherte Hubertus, soweit es in der Eile ging, dass er sich aus seiner Haft als entlassen betrachten dürfte. Den Brief an Bonaventura gab sie darum nicht zurück ... Eine gelegenheit, sich dem Bischof in Erinnerung zu bringen, behielt sie fest ... Und konnte sie ihm doch auch jetzt Aufklärungen und Warnungen über den Bruder Federigo schreiben ... Sie forderte Hubertus auf, sie erst noch im Palazzo Rucca zu besuchen, wenn er wirklich den Bischof von Macerata und den Pilger entdecken und befreien gehen wollte ... Ihr unternehmt das Kühnste und doch tut ihr, als riet ich in Witoborn gut, als ich damals sagte: Flieht in einen hohlen Baumstamm? fragte sie lächelnd ...

Hubertus, der unruhige Waldbruder, hätte die endlich errungene Freiheit des Wanderns und des Lebens wieder in freier Luft laut ausjubeln mögen ... Ohne die mindeste Furcht bejahte er und zeigte nur traurig auf den verdeckten Tragkorb, den eben die schwarzen Söhne des heiligen "Johannes von Gott" aus dem haus brachten ...

Lucinde zuckte bedauerlich die Achseln und neigte sich auch diesen Mönchen ...

Der Cardinal sprengte in seinem Wagen mit den weissen, purpurgeschirrten Rossen zur Porta Laterana hin ... Die "Caudatarien" fuhren in einem zweiten Wagen ... In einem dritten musste Monsignore Camuzzi, Bischof in partibus, der erste Secretär des Cardinals, folgen ...

Lucinde wartete, bis das Glöcklein der Benfratellen verklungen war ... Hinter dem verdeckten Korbe, der ebenso eilends dahingetragen wurde, wie Klingsohr in letzter, Nacht die Leiche hatte tragen sehen, trottete der vorher erwähnte, von Ceccone's Majorduomo besorgte Esel mit den zwei mächtig gefüllten Säcken ... Pater Vincente schritt mit demütig gesenktem Haupt und hielt den Esel an einem einfachen Zügel ... Hubertus hatte einen Jasminblütenzweig am Portal der Villa gebrochen und wehrte damit, gedankenvoll in sich selbst verloren, dem Tier die Fliegen ab ...

Nun setzte Lucinde sich in ihren Wagen und fuhr mit blitzschneller Eile an dem unheimlichen Tragkorb und dem Esel vorüber ...

Unter dem weissen ausgespannten Leintuch des Korbes lag Klingsohr –! ...

Sie schauderteals sie im Vorüberfahren wie auf ein Leichentuch blinzelte ...

Der Wagen fuhr am Coliseum vorüber, durch den Bogen des Titus, die Basilika entlang ... Der Kutscher liess das Capitol links und lenkte zur Säule des Trajan ...

Lucinde lebte innenwärts ... Sie merkte nicht, dass sie schon an Piazza Sciarra, dicht in der Nähe des "Schatzes der guten Werke" war ... Hier hielt der Wagen ... Der Kutscher blickte sich fragend um, ob sie nicht zur Herzogin von Amarillas wollte, die hier wohnte ... Sie winkte: Weiter! Weiter! ... Sie musste zu Olympien ... Die höchste Zeit war es