der Musik und haben doch ihre Offenbarung nicht; auch ihr liegen die hohen Zeichen des Moralsinns zum grund wie jeder Kunst, alle echte Erfindung ist ein moralischer Fortschritt. – Sich selbst ihren unerforschlichen Gesetzen unterwerfen, vermöge dieser gesetz den eignen Geist bändigen und lenken, dass er ihre Offenbarungen ausströme, das ist das isolierende Prinzip der Kunst; von ihrer Offenbarung aufgelöst werden, das ist die Hingebung an das Göttliche, was in Ruhe seine herrschaft an dem Rasen ungebändigter Kräfte übt und so der Phantasie die höchste Wirksamkeit verleihet. So vertritt die Kunst allemal die Gotteit, und das menschliche Verhältnis zu ihr ist Religion, was wir durch die Kunst erwerben, das ist von Gott, göttliche Eingebung, die den menschlichen Befähigungen ein Ziel steckt, was er erreicht.
Wir wissen nicht, was uns Erkenntnis verleihet; das fest verschlossne Samenkorn bedarf des feuchten, elektrisch warmen Bodens, um zu treiben, zu denken, sich auszusprechen. Musik ist der elektrische Boden, in dem der Geist lebt, denkt, erfindet. Philosophie ist ein Niederschlag ihres elektrischen Geistes; ihre Bedürftigkeit, die alles auf ein Urprinzip gründen will, wird durch sie gehoben, obschon der Geist dessen nicht mächtig ist, was er durch sie erzeugt, so ist er doch glückselig in dieser Erzeugung, so ist jede echte Erzeugung der Kunst, unabhängig, mächtiger als der Künstler selbst, kehrt durch ihre Erscheinung zum Göttlichen zurück, hängt nur darin mit dem Menschen zusammen, dass sie Zeugnis gibt von der Vermittelung des Göttlichen in ihm.
Musik gibt dem Geist die Beziehung zur Harmonie. Ein Gedanke abgesondert, hat doch das Gefühl der Gesamteit der Verwandtschaft im Geist; so ist jeder Gedanke in der Musik in innigster, unteilbarster Verwandtschaft mit der Gesamteit der Harmonie, die Einheit ist.
Alles Elektrische regt den Geist zu musikalischer, fliessender, ausströmender Erzeugung.
Ich bin elektrischer natur. – Ich muss abbrechen mit meiner unerweislichen Weisheit, sonst möchte ich die probe versäumen, schreiben Sie an Goete von mir, wenn Sie mich verstehen, aber verantworten kann ich nichts und will mich auch gern belehren lassen von ihm." – Ich versprach ihm, so gut ich's begreife, Dir alles zu schreiben. – Er führte mich zu einer grossen Musikprobe mit vollem Orchester, da sass ich im weiten unerhellten Raum in einer Loge ganz allein; einzelne Streiflichter stahlen sich durch Ritzen und Astlöcher, in denen ein Strom bunter Lichtfunken hin und her tanzte, wie Himmelsstrassen mit seligen Geistern bevölkert.
Da sah ich denn diesen ungeheuren Geist sein Regiment führen. O Goete! Kein Kaiser und kein König hat so das Bewusstsein seiner Macht, und dass alle Kraft von ihm ausgehe, wie dieser Beetoven, der eben noch im Garten nach einem Grund suchte, wo ihm denn alles herkomme; verstünd ich ihn so, wie ich ihn fühle, dann wüsst ich alles. Dort stand er, so fest entschlossen, seine Bewegungen, sein Gesicht drückten die Vollendung seiner Schöpfung aus, er kam jedem Fehler, jedem Missverstehen zuvor, kein Hauch war willkürlich, alles war durch die grossartige Gegenwart seines Geistes in die besonnenste Tätigkeit versetzt. – Man möchte weissagen, dass ein solcher Geist in späterer Vollendung als Welterrscher wieder auftreten werde.
Gestern abend schrieb ich noch alles auf, heute morgen las ich's ihm vor, er sagte: "Hab ich das gesagt? – Nun dann hab ich einen Raptus gehabt"; er las es noch einmal aufmerksam und strich das oben aus und schrieb zwischen die Zeilen; denn es ist ihm drum zu tun, dass Du ihn verstehst.
Erfreue mich nun mit einer baldigen Antwort, die dem Beetoven beweist, dass Du ihn würdigst. Es war ja immer unser Plan, über Musik zu sprechen, ja ich wollte auch, aber durch Beetoven fühl ich nun erst, dass ich der Sache nicht gewachsen bin.
Bettine
Meine Adresse ist Erdberggasse im Birkenstockischen haus, noch vierzehn Tage trifft mich Dein Brief.
An Bettine
Dein Brief, herzlich geliebtes Kind, ist zur glücklichen Stunde an mich gelangt, Du hast Dich brav zusammengenommen, um mir eine grosse und schöne natur in ihren Leistungen wie in ihrem Streben, in ihren Bedürfnissen, wie in dem Überfluss ihrer Begabteit darzustellen, es hat mir grosses Vergnügen gemacht, dies Bild eines wahrhaft genialen Geistes in mich aufzunehmen, ohne ihn klassifizieren zu wollen, gehört doch ein psychologisches Rechnungskunststück dazu, um das wahre Fazit der Übereinstimmung da herauszuziehen, indessen fühle ich keinen Widerspruch gegen das, was sich von Deiner raschen Explosion erfassen lässt; im Gegenteil möchte ich Dir für einen inneren Zusammenhang meiner natur, mit dem, was sich aus diesen mannigfaltigen Äusserungen erkennen lässt, einstweilen einstehen, der gewöhnliche Menschenverstand würde vielleicht Widersprüche darin finden, was aber ein solcher vom Dämon Besessener ausspricht, davor muss ein Laie Ehrfurcht haben, und es muss gleichviel gelten, ob er aus Gefühl oder aus Erkenntnis spricht, denn hier walten die Götter und streuen Samen zu künftiger Einsicht, von der nur zu wünschen ist, dass sie zu ungestörter Ausbildung gedeihen möge; bis sie indessen allgemein werde, da müssen die Nebel vor dem menschlichen Geist sich erst teilen. Sage Beetoven das Herzlichste von mir, und dass ich gern Opfer bringen würde, um seine persönliche Bekanntschaft zu haben, wo denn ein Austausch von Gedanken und Empfindungen gewiss den schönsten Vorteil brächte, vielleicht vermagst Du so viel über ihn, dass er sich zu einer Reise nach Karlsbad bestimmen lässt, wo ich