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, überschüttet mit Tee, Trümmer seines Stuhles und der feinen Meissner Tasse, die er im Sturz zerschmettert, um ihn her. Der Ärger über eine solche Unterbrechung war auf allen Gesichtern zu lesen; zürnend wandten die Damen ihr Auge von diesem Schauspiel, von den Herren machte keiner Miene, ihm beizustehen. Er selbst aber blieb sekundenlang liegen, ohne sich zu rühren und schaute verwundert herauf.

Ich sprang auf, ihm beizustehen, ich hob ihn auf und sah mich nach einem andern Stuhl um, auf welchen ich ihn setzen könnte. Aber ein Verwandter des Hauses raunte mir in die Ohren, ich möchte machen, dass wir fortkommen, mein Hofmeister scheine sich nicht in dieser Gesellschaft zu gefallen.

Wir folgten dem Wink und nahmen unsere Hüte. Als ich mich von der gnädigen Frau beurlaubte, sagte sie mir viel Schönes und lud mich ein, sie recht oft zu sehen; meinen armen Hofmeister würdigte sie keines Blickes. Sie neigte sich so kalt als möglich, und liess ihn abziehen. Gelächter schallte uns nach, als wir den Saal verliessen, und ich hatte mit meiner Inkarnation so viel menschliche Eitelkeit angezogen, dass mich dieses lachen ungemein ärgerte.

Wie gern hätte ich die Erzählung jenes interessanten jungen Mannes zu Ende gehört7, wieviel Wichtiges und Psychologisches hätte ich noch von dem "Gardeuniform-liebenden" fräulein erlauschen können; und war ich selbst nicht ganz dazu gemacht, junge Herzen an jenem Abend zu erobern? Ein junger, reicher, ich darf sagen, hübscher Mann auf Reisen, findet, wo er hinkommt, freundliche Augen, durch welche er so leicht in die Herzen einziehtund dies alles hatte mir das ungeschliffene Wesen des alten Menschen verdorben. Ich hätte ihn würgen mögen, als wir im Wagen sassen.

"War es nicht genug", sagte ich, "dass du mit deinem scharfen Judenbart die zarte Hand der Gnädigen empfindlich bürstetest? musstest du auch noch die Frau von Wollau durch dein unzeitiges Gelächter beleidigen? und kaum hast du es wieder gut gemacht, so bringst du aufs neue alles gegen dich auf? was gingen dich denn die Schwabenmädel an, dass du ihre Schönheit an den Teetischen Berlins predigest? darfst du denn sogar in China einer Schönen sagen, sie habe ein Teegesicht? Und jetzt, nachdem du die spitzigen Worte der ungnädigen Frau eingesteckt hattest, jetzt als alles auf das erste vernünftige Tema, das diesen Abend abgehandelt wurde, lauschte, jetzt fällst du, wie der selige Hohepriester Eli im zweiten Kapitel Samuelis, rücklings in den Saal, und zerschmetterstnicht den eigenen hohlen Schädel, wie jener würdige jüdische Papstnein! einen zierlich geschnitzten Fauteuil und eine Tasse von Meissner Porzellan; sage, sprich, schlechter Kamerade, wie fingst du es nur an?"

"In Eurer Stelle, Herr Satan, wäre ich nicht so arrogant gegen unsereinen", antwortete er verdriesslich, "Ihr wisst, dass Euch keine Gewalt über meine Seele zusteht, denn seit andertalb tausend Jahren kenne ich Eure Schliche und Ränke wohl. Was aber die ElisGeschichte betrifft, so will ich Euch reinen Wein einschenken, vorausgesetzt, Ihr begleitet mich in eine Auberge, denn der läpperichte Tee hier, mit dem man in China kaum die Tassen ausspülen würde, mit dem noch schlechtern Arrak, haben mir ganz miserabel gemacht."

Ich liess vor einem Restaurateur halten und führte den verunglückten Doktor Mucker hinein. Es war schon ziemlich tief in der Nacht, und nur noch wenige, aber echte Trinker in dem Wirtszimmer. Wir setzten uns an einen Tisch zu vier oder fünf solcher nächtlichen Gesellen; ich liess für den alten Menschen Burgunder auftragen, und in geläufigem Malabarisch, wovon die Trinker gewiss nichts verstanden, forderte ich ihn auf, zu erzählen.

Nachdem der Ewige Jude durch etliche Schlücke sich erholt hatte, begann er:

"Ich glaube, es ist ein teil des Fluches, der auf mir ruht, dass ich, sobald ich mich in höhere Sphären der Gesellschaft wage, lächerlich werde; ein paar Beispiele mögen dir genügen:

Du weisst, dass ich, um mir die Langeweile des Erdenlebens zu vertreiben, zuweilen einen Liebeshandel suchenun verziehe dein Gesicht nur nicht so spöttisch, ich bin eine Stereotypausgabe von einem kräftigen Fünfz'ger, und ein solcher darf sich schon noch aufs Eis wagen –; nun hatte ich einmal in einem kleinen sächsischen Städtchen eine Schöne auf dem Korn. Ich hatte schon seit einigen Tagen Zutritt in das elterliche Haus und die kleine Kokette schien mir gar nicht abgeneigt. Ich kleidete mich sorgfältiger, um ihr zu gefallen, ich scherwenzelte um sie her, wenn sie spazierenging, kurz, ich war ein so ausgemachter Geck, als je einer über das Pflaster von Leipzig ging. In dem Städtchen gehörte es zum guten Ton, morgens um neun Uhr an dem Haus seiner Schönen vorbeizugehen; schaute sie heraus, so wurde mit Grâce der Hut gezogen, und etwas weniges geseufzt.

Dies hatte ich mir bald abgemerkt, und zog nun pflichtgemäss, wenn die Glocke neun Uhr summte, an jenem Haus vorüber, und ich hatte die Freude, zu sehen, wie mein Engel jedesmal zum Fenster herausschaute und huldreich lächelte. Eines Morgens war es sehr kotig auf der Strasse; ich ging also, um die weissseidenen Strümpfe zu schonen, auf den Zehenspitzen und machte Schritte wie ein Hahn. Aber vor dem Haus meiner Schönen war der Schmutz reinlich in grosse Haufen zusammengekehrt, denn der Papa war eine Art von Polizeiinspektor und