den Schmerz ersparen und lieber eine Mutter Dir geben als einen Vater. Du solltest, durftest es nicht wissen. Frage mich nicht!
Ich wollte Dir ein Abbild schaffen des schönen
Landes in unserm Garten.
Nun weisst Du ja, Du Liebe: Du bist meine Toch
ter, bist eine Griechin!
Katon schwieg. Wir sahn uns an und sanken ihm zu Füssen. Er neigte sein Haupt zu uns herab; hob uns sanft auf, ergriff unsere hände und legte sie auf den Sarkophag. Dann blickte sein Auge gerührt hinan, und er sagte: Ihr liebt Euch, Kinder. Nehmt meinen Segen!
Wir sanken einander in die arme, weinten vor Entzücken.
Spät stiegen wir wieder aus dem Gewölbe.
Phaeton an Teodor
Gestern waren wir auf der Burg. Atalanta und ich gingen voraus. Katon und Cäcilie folgten. Es war ein heiterer Herbsttag.
Wir wandelten den Waldpfad hinauf und hatten bald den schlanken Berg erstiegen. Wir irrten durchs verwitterte Burggemäuer, durchs zerbröckelte moosbewachsene Ruinengestein, das innig wie Geist und Gemüt mit jungem traurig einsamem Buschwerk sich verwob.
Durch halbzerfallene Mauerbögen und Fensteröffnungen blickten der blaue Himmel und die versilberten Fernen, und der blick suchte oft vergebens die äussersten Berge von der gleichfarbigen Luft zu trennen.
Das weisse rosenbekränzte Mädchen lag an meiner Brust. Ich sah mit stummer Wonne auf sie herab und war entzückt, wie eine solche Schönheit, eine solche Jugend mir am Herzen ruhte.
Katon kam mit Cäcilien.
Wir setzten uns nieder unter einem schlanken, von Efeuranken umschlungenen Turm.
Katon war ungewöhnlich heiter und sagte endlich: Liebe Kinder, wir wollen über Unsterblichkeit sprechen. Auf dieser Höhe, wo wir nichts mehr über uns sehen als den blauen Himmel, in dem die ungeheuren Welten des Schöpfers schwimmen, fühlen wir uns freier und voller, und es ist, als ob der luftiggewobene Schleier um unsere Seele sich hinanhöbe in weiten fliessenden Falten.
Atalanta soll bestimmen, wer sprechen soll!
Sie sass zu meiner Seite und blickte mich liebevoll an. Katon rief: Ja, Phaeton soll uns von der Unsterblichkeit sprechen!
Nun denn, wenn Ihr so wollt, so erfüll' ich Euern Wunsch! erwidert' ich. Aber Ihr müsst mir vergeben, wenn ich meinen Worten zuweilen einen höhern Schwung leihe, wenn ich in Bildern spreche. Denn ich glaube, so will es der Gegenstand.
Das steht zu Dir! versetzte Katon.
Ich hielt ungefähr folgende Rede:
Die Seele, meine Lieben, ist unsterblich. Jede Kraft, die durch sich selbst wirkt und ohne eine fremde regelnde Kraft sich selbst bewegt, ist unsterblich. Denn sie bewegt sich ewig und wird nie von sich selbst verlassen. Dagegen jeder Körper sterblich ist, der nur durch eine fremde Kraft, von aussen, Bewegung und eine Art von Leben erhält, weil jene fremde Kraft ja aufhören kann, auf den Körper zu wirken.
So lehrt uns der göttliche Platon.
Vernichtung ist Auflösung eines zusammengesetzten Körpers in so viele Teile, dass die Sinne sie nicht mehr bemerken können. Die völlige Vernichtung aber eines Körpers ist nicht denkbar. Die Teile bleiben, wenn sie auch nicht mehr bemerkbar sind, ewig im raum. Die Seele aber ist eine reine einfache geistige Kraft, die durch sich selbst Bewegung und Leben erhält. Sie hat keine Teile; ist ein unzertrennbares Ganzes. Wie könnte sie also aufgelöst, zernichtet werden? Wer trennt die reine lodernde Flamme und zerlegt sie in Teile?
Weil die Seele eine zusammengesetzte, durch sich selbst bewegte Kraft ist, so hat sie auch keinen Anfang, wie sie kein Ende hat. Lasst mich sie begleiten auf ihrem Stufengange!
In der ganzen natur ist eine mit unmerklichen Sprossen aufsteigende Leiter zu bemerken. Nichts bleibt einen Augenblick in derselben Gestalt, auf derselben Stelle. Zwar scheint die Flut, die sich vom jähen Felsgeklipp ins Tal stürzt, eine einzige bewegungslose Wassersäule, aber es sind nur neue Tropfen, die andern schnell die Stelle räumen. Die Flamme scheint ein unveränderlicher Feuerstrom, aber es sind nur einzelne Funken, die entsprühen, wenn die andern verlöschen. Diese Stufenleiter geht durchs Reich der Pflanzen, Steine, durch alle Körper.
Auch im Tier ist eine einfache treibende Kraft, die selbständig einen Körper bewegt und wärmt. Durch ein Dreifaches wird der Mensch zum Menschen. Er ist Pflanze, Leben, Seele oder Geist. Das Tier hat wohl das Leben aber nicht den Geist. Unsterblich ist der Geist; aber auch das Leben ist es. Darum kann auch das Tier nicht sterblich sein. Und wär' es nicht ebenso ungerecht von der Gotteit, das Tier im Verhältnis zu uns in ewiger Niedrigkeit zu halten, als es ungerecht wäre, unser Sehnen nach Gottähnlichkeit nicht zu stillen? Das Leben bildet sich allmählich zum Geist herauf; das Tier zum Menschen, der Mensch zur Einigung mit Gott, dem geist, der alle Geister in sich aufnimmt.
Die Seele entsteht durchaus nicht erst, wenn der Körper entsteht. Im Mutterschoss kann zwar wieder etwas Körperliches, Organisches entstehen, aber nichts Geistiges, Einfaches sich bilden. Denn wie könnte das Geistige aus dem Körperlichen entspringen? Und überhaupt kann ja das Geistige nicht entstehen, weil es die Bewegung nicht von aussen erhält.
Die Seele stammt von Gott. Aus einem uns unbekannten grund, vielleicht zur Strafe, bekam sie die Hülle des Körpers. Darum sehnt sie sich ewig wieder nach der Gotteit. Ihr höchstes Streben ist, zusammenzuschwimmen mit ihr.
Gott selbst aber ist so wenig zu