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Menschen auf der jetzigen Stufe ihrer Bildung zu beweisen, bemühst du dich, ihnen einen höhern, bessern Sinn unterzulegen und deutest in diesen Fabeln, was nie darin lag, und was nur Geister, wie der deinige, die denn ohnedies dieses Behelfes nicht bedürfen, hineinlegen können. Warum das, mein Freund? Die Myten unserer Voreltern waren in ihrem Ursprung ganz löbliche und nützliche Erfindungen für die Menschheit in ihrer damaligen Lage. Sie entielten naturgeschichtliche Wahrheiten, in liebliche Bilder verhüllt, die geschichte der Erde, ihre Revolutionen, den Einfluss der Gestirne, der Jahreszeiten auf ihre Bewohner. So waren sie dem eingeweiheten Priester ehrwürdige Symbole der Alles erzeugenden natur, dem Laien aber bald nichts anders, als widersinnige Repräsentanten eben so vieler über- oder untergeordneter Gotteiten, die bald einig, bald kämpfend, sich in die herrschaft der Welt teilten, und so den erhabnen Begriff eines einzigen Schöpfers verdrängten. Das heranreifende Menschengeschlecht entwuchs diesen kindischen Begriffen. Der Weise fing an zu grübeln, die Menge zu spotten; und nun sind wir dahin gekommen, dass kein verständiger Mensch einen erhebenden Sinn mit diesen Mährchen verbinden, kein Herz durch ihren Anblick zu höherm Schwunge geweckt werden könnte, wenn auch alle schönen Künste sich um die Wette beeiferten, Götterbilder und Tempel mit Allem auszustatten, was die Sinne reizen, die Einbildungskraft vergnügen kann.

In wessen Herz strömt jetzt noch ein Tempel, wo die verspottete Gotteit wohnt, heilige Schauer? Wer fühlt noch etwas Anderes bei dem Anblick eines schönen Götterbildes, als dass es ein treffliches Werk der Kunst sei? Und selbst diese Künste! Die zeiten des Perikles sind dahin, die Jugendblüte der Menschheit ist vorüber, und mit ihr die Blüte der Kunst. Kein frisches lebendiges Geschlecht trägt Göttergestalten in seiner Brust, und stellt in Marmor oder Erz dar, was seine Seele begeisternd erfüllt. An den zügellosen Hofhaltungen verächtlicher Wollüstlinge oder blutdürstiger Tyrannen verstummen die Gesänge der heiligen Dichter; und wie könnte ein Imperator, der im wilden Lager ausgearteter Legionen erzogen wurde, mit Lust und Geschmack den Liedern horchen, die einst einen August entzückten? Jene zeiten sind vorbei, und mit ihnen die Fähigkeit, jene Fabeln und Bilder für etwas zu halten, und sie zu verehren. Würdest du wohl die leidenschaft des erwachsenen Jünglings durch den Aesop oder Phädrus zu zähmen wähnen? Oder könntest du dich mit der Hoffnung täuschen, die Wut der empörten Prätorianer mit einer Fabel zu beschwören, wie Minenius Agrippa?1 Andere zeiten erzeugen andere Sitten, andere Menschen, und diese haben andere Bedürfnisse. Eins der ersten des aus Geist und Körper zusammengesetzten Geschöpfes ist Religion. Der Hang dazu liegt in ihm, und äussert sich bei den rohesten Völkern im kindischesten Weltalter. Ihnen genügt die tote natur nicht, sie beseelen sie, und beten den Geist an, den sie ahnend entdecken. Tiefer als mancher Philosoph, mancher herzlose Spötter wähnt, liegen diese Gefühle in unsrer Brust, und verkünden sich bald als erhabene Gottesfurcht, bald als Neigung zum Wunderbaren, Gespensterfurcht, Glauben und Ahnungen, Träume u.s.w. Der Mensch, seines unsterblichen Gefährtens sich bewusst, sucht diese wunderbare Vereinigung von Geist und Materie überall, ahnet in jeder ausserordentlichen Begebenheit viel lieber die Einwirkung eines höhern Wesens, als die Folge todter kalter gesetz, und fühlt sich nirgends allein, wenn Alles um ihn her von einer unsichtbaren denkenden Kraft geleitet wird. Aber die Dryaden und Hamadryaden, die Nymphen der Quellen, die Satyren und Faunen sind aus den Wäldern entflohen, zum teil vor der stimme der Vernunft, zum teil vor dem Hohngelächter, womit der unüberlegte Spott die fromme Einfalt schreckt. Statt ihnen wohnt in dem einsamen Dunkel der Wälder und in der erhabnen Stille der natur das Gefühl der allgegenwärtigen Gotteit, die das Moos am Baume mit eben der Weisheit schuf, als das Auge des Beobachters, und den denkenden Geist, der fähig ist, diese Betrachtungen anzustellen. Der einige, allwissende, allmächtige Schöpfer erfüllet das Ganze, sein Hauch schwebt in den säuselnden Lüften um uns, seine väterliche Fürsorge offenbaret sich in dem Instinkte jedes Tiers, dem Bau jedes Nestes. Scheint dir dieser Ersatz zu gering für jene fabelhaften Wesen? Und warum bemühest du dich, dem Glauben an sie einen neuen Sinn unterzuschieben? Lass sie entfliehen mit dem Strom der Zeit, der sie der Vergangenheit zuträgtsie gehören nicht mehr in unser Zeitalter. Ein neues besseres System steht da, die Menschheit soll es ergreifen, oder es ergreift sie mit mächtigem Arm; denn es ist ein Kind des Geistes der Zeit, und unwiderstehlich wie er.

Noch habe ich einen Einwurf zu beantworten. Das Christentum, sagst du, ist den Künsten nicht günstig. Ein teil der Antwort liegt schon im Vorhergehenden. Das Zeitalter ist ihnen ungünstig. Es ist wahr, das Christentum duldet nicht Bilder und Zeichen desjenigen, der weit über alle Vorstellung, über jeden Begriff erhaben ist. Schliessen doch selbst die wilden Germanier ihre Gotteit nicht in Tempel, als in eine unwürdige Beschränkung ein: so darf und muss der Christ auch seinen Gott auf die höchste, reinste Weise verehren. Aber das Rad der Veränderung wälzt sich unablässig fort, und der menschliche Geist steht nie stille. Es werden zeiten kommen, wo in sicherer Ruhe der tätige Trieb sich erfindend, bildend entfalten wird. Wenn einst nach Jahrhunderten die Stürme vertobt haben, deren Beginn wir nun erleben, wenn alle wilden Nationen, die jetzt über die gesittete Welt hereinzubrechen, und kultur, Künste