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, denjenigen Willen, wodurch erfüllt werden ohne Hinsicht auf Lohn oder Strafe die gesetz der Vernunft, die zugleich die gesetz der Gotteit sind. Nur aber wenn diess gefunden war, konnte die bürgerliche Gesetzgebung als etwas Untergeordnetes erscheinen, und Platon auf den Gedanken kommen, dass auch die Politik auf der sittlichen idee ruhen solle. Dass sie nicht darauf ruhe, so wenig als das gewöhnliche Leben der Menschen, sah er vollkommen klar und bewies es, indem er die Wirklichkeit im Contraste mit seinem Ideal in einer neuen Parallele aufstellte, gegen die Eine Staatsverfassung nämlich, wie sie sein sollMonarchie oder Aristokratie, Regierung der Vernunft und des Gutenwie sie sind, eben so viele als Leidenschaften das menschliche Leben von der Vernunft und Sittlichkeit zur Abweichung bringen. Er stellt darum gegenüber

der Timokratie die Ehrsucht

dcr Oligarchie die Habsucht

der Demokratie die Genusssucht

der Tyrannie die Herrschsucht;

bei welcher Schilderung ihm unverkennbar wirkliche Staaten und Personen vorschwebten. Indem er ihren verdorbenen Zustand und ihr zweckwidriges Treiben schilderte, durfte er hoffen, die überzeugung zu bewirken, dass von ihnen die zuverlässige Regel dessen, was Recht sei, nicht entnommen werden könne, und dass die positive Gesetzgebung von einer höheren das Gesetz erhalten müsse. Selbst hievon überzeugt, stellte er die idee der Menschheit und des Staates in das reinste Licht, und verknüpfte beide durch ein gemeinschaftliches Band, durch die idee der Sittlichkeit. Das verhältnis der Menschheit und des Staates zu der idee der Sittlichkeit stellt er als völlig gleich dar, und man muss annehmen, dass, dieses zu zeigen, sein Hauptzweck war. Desshalb kann ich Morgenstern nicht beistimmen, wenn er die Aufstellung der Staatsverfassung für den vorzüglichsten Nebenzweck in diesem Dialog ausgibt. Platon sieht den Staat aus dem Gesichtspunkte der Menschheit an, und die Menschheit aus dem Gesichtspunkte des staateswie er denn am Ende seiner Parallele selbst sagt, dass der Mensch in sich einen Staat darstelleund so konnte er beide nicht von einander trennen; die gleichmässige Betrachtung beider war ihm notwendig, und man wird nun, zumal wenn man bedenkt, um wie viel wichtiger der Staat einem Griechen erschien als uns, erraten können, warum er seinem Dialog die Ueberschrift gab: von der Staatsverfassung (Politeia), undwarum er damit missverstanden wurde.

"Die Platonische Republik, sagt Kant (Krit. d.r. Vft. S. 372), ist, als ein vermeintlich auffallendes Beispiel von erträumter Vollkommenheit, die nur im Gehirn des müssigen Denkers ihren Sitz haben kann, zum Sprüchwort geworden, und Brucker findet es lächerlich, dass der Philosoph behauptete, niemals würde ein Fürst wohl regieren, wenn er nicht der Ideen teilhaftig wäre. Allein man würde besser tun, diesem Gedanken mehr nachzugehen, und ihn (wo der vortreffliche Mann uns ohne hülfe lässt) durch neue Bemühungen ins Licht zu stellen, als ihn, unter dem sehr elenden und schädlichen Vorwande der Untbunlichkeit, bei Seite zu setzen". So billig wie Kant liessen nicht Philosophen und Staatsmännern der Absicht Platons Gerechtigkeit widerfahren, und am allerwenigsten die, welche sich eingebildet hatten, Platon habe hier eine ausführliche Teorie der Staatsverfassung liefern wollen; ein Gedanke, den sie nicht gefasst haben würden, wenn sie, was ihnen zuzumuten war, diese Schrift mit Platons übrigen politischen Schriften verglichen hätten, bei dem es ihnen aber ganz leicht wurde, den Philosophen einer eben so grossen Mangelhaftigkeit als Oberflächlichkeit zu beschuldigen.

Den grössten Anstoss bei diesem Dialog hat man indess von jeher an einzelnen jener Vorschläge und Ausführungen genommen, welche, nach Morgensterns Ansicht, als Nebenzwecke mit dem Hauptzwecke in Zusammenhang gebracht worden sind: 1) psychologischer Grundriss von dem Seelenvermögcn des Menschen, 2) Grundriss einer Encyklopädie der Wissenschaften; 3) Ideen über Erziehung und Unterricht; 4) die mit der Gotteslehre zusammenhängende Ideenlehre; 5) die Schilderung eines ächten Philosophen; 6) Grundriss einer Teorie und Kritik der schönen Künste, die zum grossen teil, wegen ihres schädlichen Einflusses auf die Sittlichkeit, aus dem staat verbannt werden sollen; 7) Gemeinschaft der Weiber, Kinder und Güter bei der Kriegerkaste. Dass jeder dieser Punkte von der Art sei, um uns geradeswegs auf den Tummelplatz streitiger Meinungen zu führen, sieht man auf den ersten blick; es ist daher unmöglich, dass wir uns auf jeden einzeln hier einlassen könnten. Bleiben wir also bei der Frage stehen, ob sie als blosse Episoden zu betrachten sind, und ob sie wesentlich in diese Untersuchung gehörten oder nicht.

Hat man die Absicht der ersten Bücher richtig gefasst, so entdeckt man bald, dass hier ein neuer Parallelismus statt findet. Platon sucht hier jedem, was er dort als aus der Wirklichkeit zu beseitigend zusammengefasst hatte, das Bessere, oder vielmehr das, was sein soll, entgegen zu stellen, der Erfahrung des wirklichen Lebens die wahre Beschaffenheit der Menschennatur, der Art der Erziehung und des Unterrichts nicht nur eine bessere Metode, sondern auch den Geist der Wissenschaftlichkeit und ächten Philosophie, den Sophisten seinen Weisen, den Dichtern und Rednern seine Kritik der schönen Künste, die er nicht ohne deren Teorie vortragen konnte, und den Priesternam behutsamstenseine Ideen- und Gotteslehre, die mit seiner Tugendlehre aufs innigste zusammenhängt. Nur für den siebenten der angeführten Punkte findet sich keine solche Beziehung auf ein Vorhergehendes, und man kann das so ausführliche Detail über ihn allerdings als eine müssige Episode betrachten, dahingegen, wenn man auch die Ausführung der übrigen Punkte aus dem Gesichtspunkte der Episoden betrachten