1800_Wieland_111_279.txt

der wohnung, Nahrung und aller übrigen zum Leben gehörigen Stücke gehalten werden sollen. Da in der vollkommensten Republik alles rein consequent und zweckmässig sein muss; da es in derselben nicht darum zu tun ist, die einzelnen Gliedmassen des staates, sondern das Ganze so glücklich als möglich zu machen, und das letztere auf keine andere Weise zu erhalten steht, als wenn jede klasse, und jeder einzelne Bürger in der seinigen, gerade das und nichts anders ist, als was sie vermöge ihres Verhältnisses zum Ganzen notwendig sein müssen; so dürfen wir uns nicht wundern, dass Plato den bewaffneten teil der Bürger, welcher bloss zum Schutz der gesetz und des staates, zu Vollziehung der Befehle der Regenten und zu Verteidigung aller übrigen Bürger da ist, in allen Stücken auf das blosse Unentbehrliche setzt. Sie wohnen in schlechten Baracken, haben ausser ihren Waffen und was die höchste Notdurft zum Leben fordert, nicht das geringste Eigentum; halten ihre äusserst frugalen Mahlzeiten gemeinschaftlich in öffentlichen Sälen, und leben in allen Stücken in der nämlichen Ordnung beisammen, wie sie im Lager leben müssten. In diesem und allen andern Stücken sind sie der strengsten Disciplin unterworfen; mit Einem Wort, nichts ist vergessen, was es ihnen unmöglich macht, jemals aus den Schranken ihrer Bestimmung herauszutreten, und "aus treuen und wachsamen Hunden der Heerde sich in Wölfe zu verwandeln." – Alles diess und was dahin einschlägt, führt Sokrates gegen die Zweifel und Einwürfe Adimants so gründlich und sinnreich aus, dass weder diesem noch dem Leser das Geringste gegen die Zweckmässigkeit dieses Teils der Verfassung der Republik einzuwenden übrig bleibt.

Was bei dem allem nicht wenig zum Vergnügen der Leser beizutragen scheint, ist die anscheinende Unordnung, oder, richtiger zu reden, die unter diesem Schein sich verbergende Kunst, wie der Dialog, gleich einem dem blossen Zufall überlassenen Spaziergang, indem er sich mit vieler Freiheit hin und her bewegt, unter lauter Digressionen dennoch immer vorwärts schreitet, und dem eigentlichen Ziel des Verfassers (wie oft es uns auch aus den Augen gerückt wird) immer näher kommt. Wenigen dieser kleinern oder grösseren Abschweifungen fehlt es an Interesse für sich selbst: sie schlingen sich aber auch überdiess meistens so natürlich aus und in einander, und lenken wieder so unvermerkt in den Hauptweg ein, dass man den Umweg entweder nicht gewahr geworden ist, oder sich's doch nicht reuen lassen kann, ihn gemacht zu haben. Diess ist zwar nicht immer, aber doch wenigstens öfters, der Fall; und ich finde um so nötiger diese Bemerkung hier nachzuholen, da sie, wo nicht zu völliger Widerlegung, doch zu gebührender Einschränkung dessen dient, was ich oben, aus dem Mund etlicher vielleicht gar zu schulgerecht urteilender Kunstfreunde, gegen die Composition dieses Dialogs, als dichterisches Kunstwerk betrachtet, erinnert habe. Ein Gespräch dieser Art kann und soll weder an die gesetz der architektonischen Symmetrie, noch an die Regeln des historischen Gemäldes gebunden werden; es ist in dieser Rücksicht noch freier als die Kratinische und Aristophanische Komödie selbst; die grösste Kunst des Dialogendichters ist, seinen Plan unter einer anscheinenden Planlosigkeit zu verstekken, und nur dann verdient er Tadel, wenn er sich von seinem Hauptzweck so weit verirrt, dass er sich selbst nicht wieder ohne Sprünge und mühselige Krümmungen in seinen Weg zurückfinden kann.

Nachdem Platons Sokrates mit den Beschirmern seiner Republik, unter den gehörigen Voraussetzungen so ziemlich auf dem Reinen ist, wirft er (bloss um Adimanten auf eine probe zu stellen, wie es scheint) die Frage auf: ob es wohl auch nötig sein dürfte, ihre neue Republik mit Gesetzen über die Eigentumsrechte, und die willkürlichen Handlungen der Bürger unter einander, und die Rechtshändel die aus dem Zusammenstoss ihrer Ansprüche oder aus persönlichen Beleidigungen entstehen, kurz mit Gesetzen über eine Menge von Gegenständen, die in unsern Republiken vom gewöhnlichen Schlag unentbehrlich sind, zu versehen? – Aber Adimant ist der Meinung, ihre Republik bedürfe aller dieser armseligen Stützen und Behelfe nicht; und es würde ganz überflüssig sein, so verständigen und guten Menschen, wie die Bürger derselben sammt und sonders, vermöge ihrer Verfassung, Erziehung und Lebensordnung notwendig sein müssten, über diese Dinge etwas vorzuschreiben, da sie in jedem vorkommenden Falle die Regel, nach welcher sie sich zu benehmen hätten, ohne Mühe von selbst finden würden. Ganz gewiss, sagt Sokrates, werde diess der Fall sein, wofern ihnen Gott die Gnade gebe, den Gesetzen, die er ihnen vorhin bereits vorgeschrieben, getreu zu bleiben. Wo nicht, erwiedert Adimant, so möchten sie immerhin (wie es in den gewöhnlichen Republiken zu gehen pflegt) ihr ganzes Leben damit zubringen, täglich neue gesetz zu geben, in Hoffnung zuletzt noch wohl die rechten zu treffen, – wie gewisse Kranke, die sich vergebens schmeicheln durch beständiges Abwechseln mit neuen Arzneien zu genesen, weil sie aus Unentaltsamkeit die Lebensart nicht ändern wollen, welche der Grund ihrer Krankheit ist.

Sokrates setzt diese Vergleichung noch eine Weile fort, und findet sich dadurch in der Behauptung bestätiget, dass kein weiser Gesetzgeber weder in einem wohl, noch in einem schlecht geordneten Staat sich mit Gesetzen und Verordnungen dieser Art befassen werde; nicht in diesem, weil sie unnötig und von keinem Nutzen wären, in jenem nicht, weil das, was in jedem vorkommenden Falle zu tun ist, jedem Bürger vermöge der Bildung und Richtung, die er durch die bereits bestehende Verfassung erhalten hat, von selbst einleuchten muss. Was bliebe uns also noch zu tun, um mit unsrer