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der die Platonische und die Leibnitzische und die Kantische Philosophie vollkommen verstand, und sich, nach reifer Einsicht der Fehler aller dieser Philosophien, ganz kürzlich eine neue erdacht hatte, wovon er gewiss glaubte, sie werde ihn zu allen Dingen, wozu er sich ohnedies schon viel Geschicklichkeit zutraute, noch viel geschickter machen.

Die Bitte des Pastors an ihn, sich ferner nicht mit der Schule zu bemühen, setzte unsern dicken Mann noch in eine andere Verlegenheit. Seine neue Laufbahn war ihm angenehm gewesen, auch hatte er sich, wie schon bemerkt, ganz insgeheim geschmeichelt, durch dieselbe zu gefallen. Da das schöne Geschlecht immer der Polarstern war, wonach er seinen Lauf richtete: so hoffte er, durch das neue Leben, das er in die Schule bringen wollte, den Beifall der anmutsvollen und klugen Frau zu erhalten, die er für den Abdruck aller Vollkommenheiten seines künftigen eigenen lieben Weibes ansah. Er machte sie daher zur Richterin über seine neue Schulerfindung. Aber auch hier ward seine Eitelkeit beschämt. Sie zeigte ihm mit soviel Sanftmut als Nachdrucke: Arbeitsamkeit, Gehorsam und Wohlwollen könnten allein nur das Glück eines jeden Menschen, besonders aber der Bauern befestigen, und die Bildung hierzu müsse der Hauptzweck der Erziehung sein. Sie bewies ihm mit unwiderleglichen Gründen, man mache Bauernkinder unglücklich, wenn man sie Sachen lehre, wodurch sie zerstreut und aus ihrem stand hinausgeführt würden. Sie setzte lächelnd hinzu: »Nachdem, was Sie mir von Ihrer Lebensgeschichte erzählt haben, scheint es beinahe, es sei Ihnen selbst die Lebhaftigkeit und Zerstreuung, wozu Sie die Bauernkinder anführen wollten, in manchen Vorfällen Ihres Lebens schädlich gewesen. Folgsamkeit und Stetigkeit, welche unser Schulmeister durch seinen Unterricht zu befördern sucht, würden Sie selbst auf eine viel glücklichere Bahn des Lebens geführt habenSie überreichte ihm des Herrn von Rochow Katechismus der gesunden Vernunft und versicherte, als ihre Meinung, er werde aus diesem kleinen Büchlein mehr Wahrheit und gesunde Philosophie lernen, als aus allen Untersuchungen über die Verstandeswelt und Sinnenwelt und über das reine Prinzipium der Moral, womit er sie oft sehr freigebig unterhalten hatte.

Unser dicker Mann fiel nun von seiner Höhe herunter. Er sah abermal: seine vermeinte Philosophie, seine vermeinte Entäusserung möchte wohl selbst noch Prätension sein! Dies konnte er, bei reiferm Nachdenken, sich nicht ganz verbergen, so wenig, als dass er durch den Katechismus der gesunden Vernunft auf einem viel kürzern Wege ein klügerer und verständigerer Mensch hätte werden können, als durch die transzendentalen Prinzipe der Urteilskraft. Er hatte bisher vermeint, nachdem er diese wohl gefasst hatte, gewiss alle Vorfälle viel richtiger beurteilen und dadurch viel klüger handeln zu können, als diejenigen, welchen so gesegnete Prinzipe nicht gefallen wollten. Er hatte es bisher für Anmassung dieser unwissenden Klüglinge gehalten, »die Vernunft in dem, worin sie ihr höchste Ehre setzt, durch« – das elende Ding – »die Erfahrung reformieren zu wollen«. Er fing aber an zu merken, es möchten wohl diese neuen Prinzipe praktisch nicht füglich anzuwenden sein, weil der Mensch, ausser der reinen Vernunft, noch mit so manchen andern Kräften und Neigungen begabt ist, und weil diese Sinnenwelt leider! immer noch mit Kollisionsfällen angefüllt ist, – selbst seitdem die Kritik der praktischen Vernunft keine Kollisionsfälle mehr zu dulden meinet; oder es müsse zum moralischen Leben nach Prinzipien noch etwas mehr gehören, als bloss die kritische Philosophie teoretisch zu studieren. Dies hatte er getan; und doch fand er, obgleich ungern, dass andere durch blosse gesunde Vernunft richtiger geführt würden und dass er bisher mit aller seiner eingebildeten Weisheit unrichtig geurteilt und töricht gehandelt habe. Nun konnte er den Gedanken nicht ertragen, sich vor Philipp zu zeigen; denn er empfand allzu sehr, dass dieser ohne Teorie und ohne Prätension so vernünftig als konsequent gehandelt hatte und glücklich geworden war. Es kostete seiner Eitelkeit allzuviel, den Vergleich Philipps mit sich selbst zu ertragen. Er ward ganz missmutig und verlor beinahe alle Energie. Er sah sich als einen verlassenen Menschen an; denn wenn alle seine Gelehrsamkeit ihn nicht einmal zu einem Dorfschulmeister tüchtig machen konnte, so glaubte er, nun zu gar weiter nichts tüchtig zu sein, und wollte verzweifeln.

Aber auch hier sorgte das edle Paar für ihn, das ihn so gastfrei aufgenommen hatte. Der Pastor sagte ihm ganz offenherzig, er müsse nicht bloss Grillen fangen, sondern irgendetwas unternehmen. Man hätte ihm gern geraten, in einem benachbarten Städtchen die medizinische Praxis anzufangen. Dazu war aber sein ganzer Anzug nicht eingerichtet; denn seine Kleidung war abgetragen und geflickt, und er litt an mehrern Dingen Mangel, die man nötig hat, um anständig erscheinen zu können. Man musste also sein Augenmerk auf einen niedrigem Stand richten. Die Frau des Predigers hatte eine gute Freundin, mit welcher sie zu Solingen in der Näheschule gewesen war, die nachher katolisch geworden und einen Ratsherrn der freien Reichsstadt Köln, einen reichen Mann, geheiratet hatte. Sie schrieb an dieselbe, um sie zu bitten, unsern dicken Mann zu irgendeinem Ämtchen zu empfehlen. Aber da war die Religion im Wege. In der uralten christkatolischen heiligen Stadt Köln sollten eigentlich keine Reformierten oder Luteraner Luft schöpfen; und die wenigen, denen man es leider! nicht wehren kann, werden sogar dadurch an die bösen Folgen ihrer Ketzerei erinnert, dass sie von jedem Fasse Wein einen Konventionstaler mehr zollen müssen, als die Kinder der alleinseligmachenden Kirche. Der dortige Pöbel hält auch steif darauf, dass kein protestantisches Betaus eingerichtet