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ihm höchst verdriesslich, aufgeweckt und zu einer jungen Frau gerufen zu werden, welche die Beängstigungen, die aus ihrem langen Sitzen am Spieltische entstanden, fälschlich für Annäherung ihrer Entbindung gehalten hatte. Er war oft vor Ärgernis ausser sich, wenn er eben an einem schönen Sommernachmittage spazieren reiten wollte, um sich an dem herrlichen Anblicke der natur zu laben, und plötzlich ein Wagen mit einem Postzuge vor seine tür rollte, durch den er zwei Meilen weit zu einem Landedelmanne gerufen ward, der etwa beim Schneuzen der Nase Blut im Schnupftuche gefunden oder in seinen Hühneraugen das Wetter gefühlt hatte, und deswegen geschwind den neuen Doktor fordern liess, weil er auch einer von den Leuten sein wollte, die den neuen Doktor brauchten, und weil er wusste, dass er ihn gut bezahlen könne. Dergleichen bei der güldenen Praxis sehr gewöhnliche kleine Zufälle setzten unsern guten dicken Mann aus seiner Bequemlichkeit und folglich aus seiner Fassung. Es ist zwar kein Zweifel, dass die schönen Augen und die schönen Eigenschaften der jungen Witwe eigentlich seine Liebe zu ihr erregt hatten; aber seine Gemächlichkeit hatte an der Zunahme seiner Neigung für sie auch wohl einigen Anteil. Wenigstens war er schon entschlossen gewesen, sobald die Heirat vollzogen sein würde, die beschwerliche Praxis ganz niederzulegen.

Seine gekränkte Eitelkeit kam nun seiner Gemächlichkeit zu Hilfe. Er überlegte bei sich abermals, dass er Talente besitze, die er nur geltend machen dürfe. Er fand es am besten, an einem andern Orte, wo er seine gewesene Geliebte nicht immer vor Augen hätte, ein Amt anzunehmen, wobei er doch wenigstens ruhig schlafen und ruhig spazieren reiten und vielleicht dennoch durch seine Talente eine glänzende Rolle spielen könnte. Nachdem er lange zwischen dem Entschlüsse gewankt hatte, welches Amt zu wählen wäre, blieb er dabei stehen, Sekretär bei einem Minister zu werden. Er überlegte, wie er dabei weniger der mechanischen Aktenarbeit, die sein freier Geist hasste, unterliegen dürfe. Er hoffte, unmittelbar unter den Augen eines einsichtsvollen Staatsmannes seine Talente vorteilhaft zu zeigen, und sich vielleicht einen grösseren Wirkungskreis verschaffen zu können. Dieser Gedanke eines erweiterten Wirkungskreises bestimmt gemeiniglich die jungen weisen Leute, welche entschlossen sind, sich dem staat in die Fütterung zu geben; auch ergriff derselbe die Einbildungskraft unsers dicken Mannes mit solcher Macht, dass er nicht ferner widerstehen konnte. Ambition hatte keinen Anteil an diesem Entschlüsse; und hätte sie etwa, weil er doch seinen Wert besser kannte, als ihn andere kennen konnten, einigen Anteil daran gehabt: so war es ihm selbst unbewusst. Bloss die schöne Aussicht, auf das Glück von Tausenden wirken und unter ihnen vorzüglich diejenigen glücklich machen zu können, die es verdienten, regierte seinen Entschluss. Je mehr er es überlegte, desto mehr fand er, er handle jetzt nach echtem Kantischen Prinzip, so dass er wollen müsse, die Maxime seiner Handlung werde Prinzip eines allgemeinen Gesetzes. Muss nicht jeder wollen, dachte er, dass jeder einzelne Mensch tausende beglücke? Welche Wellt würde es sein, in der es so zuginge!

Philipp wusste gar nichts von der kritischen Philosophie und von dem reinen Moralprinzip. Seine Bemerkungen in dieser Sinnenwelt waren auf simple Erfahrung gegründet, nicht auf weitaussehende Grillen. Also tat er, bloss empirisch, ohne reines Prinzip, was in seinen Kräften stand, um unsern dicken Mann zu bewegen, ein Arzt und zwar in Elberfeld zu bleiben. Er stellte ihm vor, er sei als Arzt ein unabhängiger Mann, und versicherte ihn, es werde seine Abhängigkeit auch von dem besten grossen und vornehmen mann viel drückender sein, als die Abhängigkeit eines Arztes von den wunderlichsten Kranken. Aber Anselm blieb bei diesen und andern Vorstellungen unbeweglich; denn am Ende ging doch alles Räsonnement Philipps auf Bewegungsgründe, die von seinem Wohlsein hergenommen waren; Anselm hingegen war mit dem Prinzip der reinen Moral allzu vertraut, um nicht zu wissen, – was Kant ja ausdrücklich sagt, – dass eigene Glückseligkeit zum Bestimmungsgrunde seines Willens zu machen, das gerade Widerspiel des Prinzips der Sittlichkeit sei. Unser dicker Mann blieb daher der Kritik der praktischen Vernunft getreu. Sein Entschluss sollte unabhängig sein von empirischen Bedingungen, mitin als reiner Wille durch die blosse Form des Gesetzes als bestimmt gedacht werden. Er empfand das Göttliche, welches darin lag, dass seine reine Vernunft unmittelbar ihre eigene Gesetzgeberin sei; er hörte den kategorischen Imperativ und beschloss, als ein kritischer Philosoph, ohne von der Erfahrung – (also auch nicht von der Erfahrung seines Bankrotts) – oder von irgendeinem äussern Willen – (und also auch nicht von Philipps gutem Willen) – etwas zu entlehnen, bloss seinem ihm selbst gegebenen Gesetz unbedingt zu gehorchen. Ein gemeiner Mensch hätte wohl denken mögen, unser dicker Mann hätte hier bloss eigensinnig gehandelt. Wer aber mit der Kritik der praktischen Vernunft vertraut ist, wird bekennen müssen, bloss das Prinzip der reinen Sittlichkeit habe ihn geleitet. Denn da diesem zufolge, die Rücksicht auf eigene Glückseligkeit zum Bestimmungsgrunde seines Willens zu machen, das gerade Widerspiel des Prinzips der Sittlichkeit ist, so kommt diese grosse und seit Jahrhunderten unbekannte Wahrheit unserm philosophischen dicken mann gegen alle die Klüglinge zustatten, die es wagen möchten, es unbedachtsam zu nennen, dass er seinen glücklichen Wohlstand in Elberfeld dem kategorischen Imperativ aufopferte.

Die Frage blieb nur, ob unsers dicken Mannes Talente einem vielvermögenden Minister bekannt werden könnten, und durch wen? Anselm hatte auf der Universität, wo er beflissen war, vorzüglich mit vornehmen Studenten umzugehen und sich ihnen gleichzustellen, wie wir es schon