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Unter den zahlreichen Geschenken, die sie aus fremden Beuteln nehmen, würde dieses, denke ich, nicht am schlechtesten angelegt sein; und ich will ihnen dann nie wieder ein Rezept aufdringen.

Dritter Abschnitt

Anwendung dieser Sätze auf die französische

Revolution

Lasset uns nun, was ich von den grossen Staatsumwälzungen überhaupt gesagt habe, auf die französische Revolution anwenden! Unvermeidlich war sie, vorauszusehn war sie, mit allen ihren fürchterlichen Folgen; das wird jetzt jeder Geschichtsforscher und Philosoph zugestehn müssen; aber dergleichen mit klaren Worten voraus zu verkündigen, das ist eine kitzlige Sache, besonders in despotischen Staaten.

Seit Jahrhunderten seufzte Frankreich unter dem Drucke des fürchterlichsten orientalischen Despotismus. Bekannt genug sind die greulichen Schandtaten, die verheerenden Kriege und die innerlichen Unruhen, durch welche die Regierung der mehrsten Könige aus dem haus Valois, besonders die des blutdürstigen Ludwig des Eilften und des verächtlichen Karls des Neunten, sich auszeichnete.

Der grosse, edle Heinrich genoss der ruhigen Tage zu wenige, um seinem armen volk wieder aufzuhelfen; aber er lebte lange genug, um dies Volk mit der Glückseligkeit, einen guten und weisen König zu haben, bekannt zu machen, damit es desto lebhafter den Kontrast dieser zeiten mit den vorigen und nachherigen Regierungen fühlen möchte; und so gab er selbst der Nation den Unterricht, was sie von ihren Königen einst fordern, das Beispiel, worauf sie ihre Monarchen einst hinverweisen könnte.

Die männlichen und weiblichen Vormünder des bis zu seinem tod minderjährigen, schwachen Ludwig des Dreizehnten verschafften Frankreich Ansehn von aussen und Armut, Sklaverei und Zerstörung aller Moralität von innen.

Auf die tiefste Stufe der Erniedrigung aber wurde die Nation durch den Monarchen Mazarin und nachher durch den kindisch eiteln Tyrannen, der sich den Beinamen des grossen Ludwigs geben liess, herabgestürzt. Die Regierung dieses abscheulichen Menschen war eine ununterbrochene Reihe von glänzenden Niederträchtigkeiten, Grausamkeiten und Verwüstungen. Er spielte mit dem Leben, dem Eigentume, der Ehre, der Freiheit, der ganzen bürgerlichen, physischen, moralischen und intellektuellen Existenz seiner Mitbürger. Kaum hatte der magre Aachensche Frieden dem Blutvergiessen eine Ende gemacht, so fing er, ohne alle andre Ursache, als weil er seinem Nebenbuhler um Ruhm, Wilhelm von Oranien, die Grösse beneidete, welche er nicht erreichen konnte, einen neuen Krieg an, der mit dem für Frankreich ebenso nachteiligen Ryswickischen Frieden geschlossen wurde. Jeder Staat, der seinem niedrigen Hochmute ein Opfer versagte, wurde von ihm geneckt, angegriffen und von seinen Räuber- und Banditenheeren zu einem Schauplatze grausamer Ermordungen, Verheerungen und Mordbrennereien gemacht. Das nannte er dann Siege und liess sich dafür von feilen Dichtern lobpreisen und von Malern und Bildhauern der Verachtung der freien Nachwelt ausstellen. Indes Hunderttausende in seinem Namen erwürgt wurden, bauete er asiatische Paläste, in denen er mit Histrionen, Schranzen und geilen Weibern Ballette tanzte und Unzucht trieb. Ihm waren beschworne Verträge und das königliche Ehrenwort Kinderpossen, und gleich als wenn ihm die weltlichen Händel nicht gelegenheit genug gegeben hätten, wie ein reissendes Tier unter friedlichen Menschen herumzufahren, riss er den grausamen und heuchlerischen pfaffen den Dolch und die Fackel des Fanatismus aus der Hand und stürzte damit unter seine treuesten und fleissigsten Untertanen, von denen indes der fünfte teil doch seiner Mordlust glücklich entwischte, auswanderte und Wohlstand und Segen mit sich fort in fremde Provinzen trug. Allein seine Lieblingswaffen waren unredliche Politik, Kabale, Ränke und Bestechungen; mit diesen verbreitete er Misstrauen und Zwist an auswärtigen Höfen und tötete edle Gesinnungen und grosse Gefühle in den Herzen seiner Untertanen. Noch galt er für einen eminenten, glänzenden, gefürchteten Bösewicht; aber auch diesen Schimmer von Grösse nahm das Glück ihm im Spanischen Sukzessionskriege, in welchem seine nur für seine Eitelkeit fechtenden Heere fast immer geschlagen, seine Provinzen entvölkert und die Schulden gehäuft wurden. Am Ende seiner Tage blieb dem Elenden keine andre Wonne übrig, als, umgeben von Bettlern, mit der alten Vettel, die er sich hatte zum Eheweibe aufschwätzen lassen, die Sünden, die er gern noch länger begangen hätte, am Rosenkranze abzubeten. Sprechet, was hatte dieser Bösewicht vor den Vitellien, Diokletiane und Heliogabeln voraus? Oh! er stand tief unter ihnen. Diese schwachen Tyrannen konnten doch noch einen teil ihrer Schuld auf das Glück und die Verblendung eines volkes schieben, das sich vergriffen hatte, als es ihnen ein Los zuteilte, dessen sie sich so unwürdig zeigten; auch war die Stimmung des damaligen Zeitalters rauher; aber Ludwig, mit den herrlichsten Anlagen, wenigstens zum Privatmanne, von der natur ausgerüstet, unter einer Nation und in einer Periode geboren, die sich durch mildere Sitten auszeichneten, ein Liebhaber und Kenner der schönen Künstenein! von ihm kann nichts den Fluch abwenden, den soviel Millionen Menschen seinem Andenken nachschicken.

Man könnte sich wundern, dass nicht schon damals die französische Nation aus dem fürchterlichen Schlafe erwachte, in welchen der Despotismus sie hineinmanipuliert hatte, dass sie nicht schon damals aufsprang und die unnatürlichen Fesseln abschüttelte, wenn man nicht Rücksicht nehmen müsste auf ihren herrschenden Charakter und auf das Zusammentreffen vieler Umstände. Sie war von jeher gewöhnt, einem einzelnen Beherrscher zu gehorchen, hielt dies für die Ordnung der natur, liebte entusiastisch die monarchische Verfassung und ihre Könige; der äussere Glanz der Taten, wodurch sie sich, obgleich als Maschine eines hochmütigen, eiteln Toren, in den ersten glücklichen Kriegen verherrlichte und andre Völker demütigte, kitzelte den Nationalstolz; der Leichtsinn, der den Franzosen so eigen ist, liess sie das Elend nicht wahrnehmen, in welches sie nach und