Natsmer, der überhaupt den Ruf hatte, ein wenig strenge im Dienste zu sein, fragte den Prinzen, als er sich endlich bei der Kolonnade am schloss einfand, warum er so spät käme. Seine Hoheit nahmen dies sehr ungnädig, antworteten etwas naseweis und wurden (es tut mir leid, dass ich es erzählen muss), nachdem man Ihnen erst zwanzig derbe Stockprügel hatte zumessen lassen, verurteilt, einige Stunden krummgeschlossen zu werden.
Sobald ich Nachricht von dieser unehrerbierigen Behandlung erfuhr, begab ich mich zu dem Herrn General, Kommandanten und Obersten der ersten Garde, bat, versprach, drohete sogar mit der strengsten Ahndung von seiten Seiner abyssinischen Majestät, musste aber die Demütigung erleben, dass auf dies alles nicht geachtet und mir sogar bedeutet wurde, ich sollte mich bescheidner ausdrücken, wenn ich nicht Lust hätte, an mir selber eine kleine Exekution vollziehen zu lassen. Was war also zu tun? Der Prinz musste seine Strafe aushalten.
Wütend kamen Seine Hoheit aus der Wachtstube in Ihr Hotel zurück; ich tat alles, um den Prinzen zu trösten. "Man muss", sagte ich, "aus jedem widrigen Vorfalle im menschlichen Leben nützliche Lehren zu ziehen suchen. Unsers allergnädigsten Königs Majestät haben gewünscht, dass Sie mit der militärischen Subordination bekannt werden möchten, und Sie haben diese Bekanntschaft, obgleich freilich auf schmerzliche Art, gemacht. Wer einst befehlen will, muss gehorchen lernen; auch diese Lektion haben Euer Hoheit heute erhalten. Endlich aber kann Sie dieser Vorfall noch auf wichtige Betrachtungen leiten. Sie sind von königlichem Stamme; in ganz Afrika macht man Ihnen das nicht streitig; hier hingegen will niemand Sie für einen Prinzen anerkennen; man behandelt Sie bloss als einen Menschen in den Verhältnissen von Unterwürfigkeit gegen stärkere Menschen. Dies, denke ich, müsste Euer Hoheit auf den Gedanken führen, dass es doch wohl nicht eigentlich ein allgemeines Naturgesetz ist, was gewisse Sterbliche zu Fürsten macht, sondern dass man die Rücksicht auf den Unterschied der Stände nur der Übereinkunft zu danken hat; dass die Menschen, was in ihrer Macht steht zu geben und einzuräumen, auch wieder nehmen können; dass es also höchst wichtig und nötig ist, sich Eigenschaften zu erwerben, die nicht von der willkürlichen Bestimmung des grösseren Haufens abhängen, sondern deren Wert von jedem Erdensohne anerkannt werden muss. Setzen Euer Hoheit nun den Fall, dass, so wie man hier nichts von Ihrer königlichen Abstammung wissen will, auch die Völker in Afrika plötzlich auf den Einfall kämen, Sie nicht mehr für vornehmer halten zu wollen als jeden andern Bürger im staat, dann, gnädigster Herr, würden Sie doch wirklich aufhören, Fürst zu sein, weil Sie nur dadurch Fürst sind, dass man Sie dafür anerkennt, weil nicht die natur, sondern die Konvention Fürsten schafft. – Was würde Ihnen dann übrigbleiben, womit Sie sich Unterhalt, Schutz und achtung erwerben könnten, wenn Sie nicht dafür gesorgt hätten, sich zu einem bessern Menschen zu bilden? Sie sehen hier, dass man in der Welt Schläge austeilt und Schläge bekömmt, je nachdem die äussern Umstände es mit sich bringen, und dass die natur es nicht ist, die manche Menschengattungen geboren werden lässt, um ewig geprügelt zu werden, und andre, um immer zu prügeln."
Sehr kräftige dauernde Eindrücke machte diese meine Predigt nun wohl nicht auf den Prinzen; aber ich tröstete mich damit, meine Pflicht erfüllt zu haben; übrigens war doch auch mir dieser Vorfall sehr ärgerlich, und da ohnehin nie zu erwarten war, dass Seine Hoheit in Deutschland zu höhern militärischen Ehrenstellen hinaufrücken würden, so glaubte ich es verantworten zu können, dass ich den Prinzen seinen Abschied fordern liess, welcher ihm, seiner Kapitulation gemäss, nicht verweigert werden durfte. Die Begebenheit selber aber berichtete ich, mit einiger Vorsicht, nach Abyssinien und meldete dem Könige, dass wir nun unsre Reise durch Deutschland fortsetzen und auch die Höfe besuchen würden.
Von dieser Reise werde ich, wie von der vorigen, keine weitläuftige Beschreibung liefern, sondern wiederum nur einzelne Bemerkungen mitteilen, die meine Abyssinier über die Sitten und Einrichtungen in Deutschland machten, und hie und da irgendeinen Vorfall erzählen, der uns begegnete. Wir durchstreiften übrigens diesmal den grössten teil der westlichen und südlichen Provinzen meines Vaterlandes und nahmen dann, wie man hören wird, den Rückweg durch die preussischen Staaten.
Äusserst auffallend war meinen Reisegefährten die Menge und Mannigfaltigkeit der gesetz, die Verschiedenheit des Münzfusses, des Masses, des Gewichts, der Regierungsform, der Lebensart und der Gebräuche. Sie meinten, auf unsern Reichstagen, wo doch wohl manche wichtige Dinge verhandelt würden, möchte es der Mühe wert sein, diese Buntschekkigkeit endlich abzuschaffen. "Für Fremde und Einheimische ist das alles gleich unbequem", sagte Manim, "in manchem deutschen staat, der kaum drei Quadratmeilen gross ist, gibt es mehr zum teil sich widersprechende Verordnungen, als ein Mensch, erreichte er auch Metusalems Alter, im Gedächtnisse fassen kann. Jeder Stand, jeder Ort hat seine eignen Sitten, und mit der feinen Lebensart, mit welcher man in einer Gesellschaft allgemein gefällt, gilt man in der andern für einen abgeschmackten Menschen. Die Verschiedenheit des Masses, Gewichtes und Münzfusses macht unbeschreibliche Verwirrung und Erschwerung im Handel. Ihr rechnet nach Geldsorten, die gar nicht existieren. Der Kaufmann, der sein Hauptbuch schliessen will, muss sich den Kopf zerbrechen, um die Prozente mit kurrenten, mit den Species-, mit den BancoTalern, leichten und schwerern Gulden