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die Rezensionen auch der unparteiischsten, kenntnisvollsten Journalisten verdächtig werden müssen?"

Diese Schilderung gefiel mir nicht; ich fasste aber Zutrauen zu dem mann, welcher sie mir entwarf, und eröffnete ihm meinen Vorsatz, in Leipzig einige Gelehrte, Künstler und einen Buchhändler anzuwerben, die sich entschliessen könnten, nach Abyssinien zu reisen, wobei ich ihm dann die vorteilhaften Bedingungen bekanntmachte, unter denen sie sich in Adova niederlassen könnten. Der redliche Buchhändler sagte mir gradeheraus, dass schwerlich Männer von einigem Rufe, und die in Deutschland ihr Auskommen hätten, sich zu dieser weiten Reise verstehen würden; doch versprach er, die Sache in Leipzig bekanntzumachen.

Am folgenden Tage nun hatte ich einen grossen Überlauf von Leuten aller Art, die sich für Dichter, Philosophen, Tonkünstler, Maler und dergleichen ausgaben und mir, zum Beweise ihrer Geschicklichkeit, ihre Werke überreichten. Von Buchhändlern meldete sich niemand als Herr Schulz aus Hanau. Dieser schien ein ganz guter Mann zu sein, und wir wären gewiss unsers Handels einig geworden, wenn er nicht noch an demselben Tage die Nachricht bekommen hätte, dass man einen Buchhändler-Umschlag in Hanau anlegen wollte, bei welchem für ihn viel zu gewinnen sein würde; er zog also sein Wort zurück. Dagegen wollte mir Herr Schmieder aus Karlsruhe einen seiner Freunde empfehlen, allein man warnte mich, mich mit diesem nicht einzulassen. "Sie werden sich", sagte man mir, "unangenehmen Vorfällen aussetzen, wenn anders Polizei in Abyssinien ist; denn diese Leute, so wackre Männer sie auch sonst sind, können das vermaledeite Nachdrucken nicht lassen, und dagegen hat man nun einmal das Vorurteil, es für Dieberei zu halten." Endlich wurde ich mit einem jungen mann aus Berlin einig, der einen Buchladen in Adova anzulegen versprach.

Ich wollte nun auch gleich ein grosses Sortiment von deutschen Büchern mit nach Abyssinien schicken und ging desfalls mit dem redlichen hamburgischen Buchhändler, wegen der Wahl dieser Schriften, zu Rate. Er stellte mir folgendes vor. "Ich weiss nicht", sprach er, "ob in Abyssinien, wie etwa in England, ein bestimmter, fester Geschmack herrscht oder ob, wie bei uns, eine Modeseuche von der andern verdrängt wird. In Deutschland machen zum Beispiel jetzt alle Schriften über Freimaurerei und Jesuiten ihr Glück; in den folgenden Messe kauft diese Ware kein Mensch mehr, weil die Periode von Empfindelei eingetreten ist, welche Herr Miller in Ulm mit seinen Romanen voll Mondenschein angegeben hat; ein halbes Jahr nachher muss Sturm und Drang aus allen Produkten der neuesten Literatur hervorbrausen; die Leute müssen dann alle reden, als wenn sie im Fieberparoxysmus lägen; dieser Geschmack wird wieder von einem andern überwältigt, und wenn grade gar keine solche Torheit herrschend ist, schreibt man über Pädagogik. Auf allen Fall werden Sie indessen am besten tun, wenn Sie von jedem Sortimente einige Zentner mitschicken. Als Ballast können Sie die grösste Anzahl Artikel brauchen, die bei den Gebrüdern Korn in Breslau herauskommen. Wo am mehrsten von den Schiffsmäusen zu besorgen ist, dahin legen Sie die Erziehungsschriften und die Anekdoten- und Märchensammlungen. Wenn auch einige Alphabete davon weggefressen werden, so schadet das nichts, weil das mehrste von dem, was darin steht, doch schon oft anderwärts gedruckt ist. Die Musenalmanache und dergleichen müssen Sie vor der Nässe bewahren, sonst verderben die Bilder, und die sind das Beste darin. Die Romanen, die ein gewisser geistlicher Herr herausgibt, bedürfen weniger Sorgfalt; sie sind ziemlich weitschweifig geschrieben, so dass ohne Nachteil aus jedem zwanzig Bogen ausfallen können, und zudem wiederholt er sich ja in jedem seiner neuen Produkte; folglich kann nicht leicht etwas von dem, was er je gesagt hat, verlorengehen. Die teologischen Schriften würde ich sorgfältig von andern verständigen Werken absondern; es gibt sonst Streit. Die juristischen können Sie statt der Matratzen in die Hängematten legen; es schläft sich gut darauf. In die Journale mögen Sie die übrigen Waren einwickeln. Wollen Sie Übersetzungen mitschicken, so müssen Sie zwei Schiffe ausrüsten. Die wenigen guten Geschichtsbücher, die wir seit kurzer Zeit gewonnen haben, einige philosophische, matematische und kameralistische Aufsätze und die Schriften unsrer geschicktesten Ärzte und Naturkündiger will ich Ihnen aufzeichnen; diese bitte ich in Ehren zu halten; sie haben alle in der Kajüte Platz. Meines lieben Bürgers Gesänge und drei unsrer andern neuern Dichter will ich Ihnen, nebst Wielands Meisterstücken, in Franzband einbinden lassen, damit Ihre Leute unterwegens darin lesen und darüber die Beschwerlichkeiten der Reise vergessen mögen."

Ich dankte dem ehrlichen Buchhändler für diesen Unterricht und folgte pünktlich seinem Rate. Was aber die Gelehrten und Künstler betraf, die ich in Leipzig in Sold nehmen wollte, so war ich doch in einiger Verlegenheit über die Wahl, welche ich unter der Menge derer, die sich gemeldet hatten, treffen möchte. In meiner Instruktion stand, dass ich durchaus zwei Philosophen vom Handwerke liefern sollte; dies schien mir aber leichter zu befehlen als auszuführen. "Wer wahrhaftig den Namen eines Philosophen verdient", sagte ich, als ich mit Manim, dem geheimen Sekretär, darüber sprach, "der wird da, wo er lebt, zufrieden sein und sich nicht durch den Wink eines Fürsten verleiten lassen, nach Abyssinien zu wandern. Indes nennt sich heutzutage jeder Mensch, der ein bisschen querfeldein räsoniert, einen Philosophen; aber mit solchen sogenannten Philosophen würde ich wenig Ehre einlegen." Zwei Männer hatten sich bei mir unter diesem Titel gemeldet; der eine schien ein etwas ungeschliffener