Kaiser schien, wenn ich die wenigen Stunden zwischen dem Frühstücke und der Mittagsmahlzeit ausnehme, fast immer schläfrig und abgespannt zu sein, und dann begegnete es ihm wohl, gespräche zu führen, die man bei einem Privatmanne äusserst albern finden würde, welches aber bei einem grossen Herrn der Fall nie sein kann. Mitunter kam indessen auch wohl einmal etwas in seinen Reden vor, das nicht ohne Vernunft war, und dann pflegte er dies einigemal zu wiederholen und zu erwarten, dass man ihm darüber eine Schmeichelei sagte. Eines Morgens war ich nebst meinem Dolmetscher und dem Oberzeremonienmeister bei dem Kaiser allein, und da fiel folgendes Gespräch unter uns vor:
KAISER: Das Europa, wo du zu haus bist, mein lieber Gesandter, mag ein ganz hübsches Ländchen sein; es ist schade, dass es nicht einem einzigen Herrn gehört.
OBERZEREMONIENMEISTER: Und einem so weisen Monarchen, als Euer Majestät sind.
KAISER: Halte jetzt dein Maul! Ich rede mit dem Gesandten. Wenn ich einmal des Nachmittags auf dem Ruhebette liege, so sollst du mir dergleichen vorsprechen. Also, was ich sagen wollte! Fürchten sich eure Könige und Fürsten nicht, dass ich sie einmal absetze?
ICH: Man kennt die edle denkart Euer Majestät, rechnet auf die Verträge und Friedensschlüsse und dann auch ein wenig auf die weite Entfernung.
KAISER: Lass sehen! Was sagtest du? Es war viel auf einmal, aber ich kann es noch alles zusammenbringen. Man rechnet auf die Entfernung? Ja, man kennt mich noch nicht; wenn ich mir einmal etwas vorgenommen habe, so muss das gehen, und wenn es auch noch soviel Schwierigkeiten hat. Meine edle denkart? – Nun! das ist etwas. Ja, wenn man mich nicht in Zorn bringt, so geht alles gut. Aber was die Verträge betrifft, Herr Gesandter, so lasse ich mich darauf mit den europäischen Fürsten nicht ein, weil sie unter sich selber auch nicht Wort halten. Wenn meine Schiffe fremden Fahrzeugen begegnen, und sie haben Lust dazu, so nehmen sie sie weg, und damit Punktum!
ICH: Aber, allergnädigster Kaiser, doch nicht, wenn diese fremden Fahrzeuge solchen Mächten gehören, mit denen Euer Majestät Frieden haben?
KAISER: Gesandter! Du hast den Sinn meiner Worte nicht begriffen. Ich schliesse mit keinem europäischen Könige Frieden, weil sie ihn doch nicht halten, sobald sie glauben, dass sie ungestraft nehmen können. Plündern sie sich doch selber einer den andern und nehmen sich Länder weg, die ihnen sowenig zugehören als mir deine Nase!
ICH: Euer Majestät halten zu Gnaden! Wenn einer unsrer Könige in die notwendigkeit versetzt wird, seinem Nachbar den Krieg anzukündigen –
KAISER: Dein Wort in Ehren! aber ich sehe es nicht ein, wie dabei eine notwendigkeit eintreten kann – doch nur weiter!
ICH: Dann lässt er, durch einen geschickten Rechtsgelehrten, eine Deduktion verfertigen –
KAISER: Was ist das für ein Ding?
ICH: Das ist eine Schrift, darin bewiesen wird, dass dieser König ein Recht auf diese oder jene Provinz habe.
KAISER: Ich möchte, bei meiner Seele! wohl einmal sehen, wie man es anfängt, wenn man beweisen will, dass irgendein Mensch oder irgendein Volk auf irgendein Stück der Welt ein andres Recht habe als das, was ihm die Stärke gibt. Aber lass hören! Wird nun der andre dadurch überzeugt? Und wenn er es nicht wird, wer entscheidet dann? Wer ist Richter?
ICH: Der Gegenteil schreibt gleichfalls eine Deduktion, und dann greifen sie zu den Waffen.
KAISER: Das ist eine dumme Einrichtung. Was kann die unnütze Schmiererei helfen, wenn man sich einmal vorgenommen hat, seinem kopf zu folgen? Ist es nicht viel ehrlicher gehandelt, wenn man grade zugreift und hinnimmt, ohne den andern mit Heucheleien zu betriegen? Ist es nicht ehrlicher gehandelt, gar keinen Frieden zu versprechen, wenn man voraus weiss, dass einmal das, was du notwendigkeit nennst, uns bewegen kann, über den Nachbar herzufallen? Wer hält da mehr Treue und Glauben, ihr oder wir? Aber ohne alle diese unnützen Versicherungen lassen wir unsre Nachbarn in Ruhe, und nur die falschen Europäer glauben wir nicht schonen zu dürfen, weil sie unsrer nicht schonen. Wenn wir uns auf ihre Bündnisse und beschwornen Frieden einliessen, so würden sie auch bald gegen uns mit ihren Deduktionen, oder wie die Dinger heissen, angezogen kommen. Jetzt hält die Furcht sie beständig im Zaume, weil sie wissen, dass mit uns nicht zu scherzen ist.
Ich sah wohl, dass ich den mohrischen Kaiser nicht überzeugen konnte, und schwieg also, da ich ohnehin in Marokko nicht als ein Europäer, sondern als abyssinischer Abgesandter erschien. übrigens gefiel es mir sehr gut an diesem hof, und ich kann nicht sagen, dass ich, während meines zweimonatlichen Aufentalts, die geringste Ungerechtigkeit ausüben gesehen hätte, sowenig gegen mich als gegen andre. Wenn die Seeräuber die Sache mit dem wahren Namen nennen und kein anders Recht als das des Stärkern respektieren, so erkennen sie doch zugleich die Pflicht des Mächtigern, den Schwächern zu schützen, und da sie wohl einsehen, welche Verwirrung daraus entstehen würde, wenn kein Privatmann sicher sein könnte, die Früchte seines Fleisses einzuernten, so ist das wahre, selbst erworbne Eigentum, ohne geschriebne gesetz, durch Herkommen heilig und gesichert, ausser unter den herumziehenden Horden.
Die Königreiche Fes und Marokko haben einen Überfluss an allem,