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ob er es sei, der das Menschengeschlecht leite, und wennwoher die ihn plagenden Widersprüche entstünden. Er wollte die Finsternis erleuchten, die ihm die Bestimmung des Menschen zu umhüllen schien. Ja, er fasste selbst den verwegnen Gedanken, den erforschen zu wollen, dessen Sein uns so unbegreiflich und dessen Würken uns so klar ist. Die Hoffnung, mit diesen wichtigen Kenntnissen ausgerüstet, die Welt in Erstaunen zu setzen und als ein Geist erster Grösse unter die Menschen zu treten, versüsste eine Zeitlang seine fruchtlose, peinliche Anstrengung. Da aber seine Lage immer trauriger ward, die Menschen, die ihm soviel zu danken hatten, sich immer mehr von ihm entfernten und all sein Streben, Licht in diese Finsternis zu bringen, nur dazu diente, sie noch schwärzer und quälender zu machen, so senkte sich bald der Gedanke tief in seine Seele, nur ein Geist der andern Welt könnte seinem Elend abhelfen und ihm Licht über diese Gegenstände geben. Zwar schlummerte dieser Gedanke noch in seinem Busen, aber seine Begierden, sein Unmut brauchten nur einen neuen, äussern Reiz, um ihn über die Grenzen zu treiben, gegen die er so wild anstiess.

2.

In dieser düstern Stimmung wanderte Faust von Mainz nach Frankfurt, dem hochweisen Magistrat eine von ihm gedruckte lateinische Bibel zu verkaufen, um seine hungrige Kinder von dem gelösten Gelde zu sättigen. In seiner Vaterstadt hatte er nichts ausrichten können, weil damals der Erzbischof mit seinem Kapitul in einen grossen Krieg verwickelt war und sich ganz Mainz in der grössten Verwirrung befand. Die Ursache davon war folgende: Es hatte einem Dominikanermönch geträumt, er schliefe mit seinem Beichtkinde, der schönen Klara, einer weissen Nonne und Nichte des Erzbischofs. Morgens sollte er die heilige Messe lesen, er las sie und empfing ungeachtet der sündlichen Nacht den Leib des Herrn. Abends erzählt er in Begeisterung des Rheinweins einem jungen Novizen seinen Traum. Der Traum kitzelte die Einbildungskraft des Novizen, er erzählte ihn mit einigen Zusätzen einem Mönche, und so lief er durch das ganze Kloster, verbrämt mit Greuel und lüsternen Bildern, bis er zu den Ohren des strengen Priors kam. Der heilige Mann, der den Pater Gebhardt wegen seinem Ansehen in vornehmen Häusern hasste, erschrak vor dieser Ärgernis, und da er's als eine Entweihung des heiligen Sakraments ansah, so wagte er nicht über den wichtigen Fall zu entscheiden und meldete ihn dem Erzbischof. Der Erzbischof, vermöge des richtigen Schlusses, was der sündige Mensch bei Tage denkt und wünscht, davon träumt er des Nachts, sprach den Kirchenbann über den Mönch aus. Das Domkapitul, dessen Hass immer mehr zunimmt, je länger ein Erzbischof lebt, und gern jede gelegenheit, ihn zu quälen, ergreift, nahm den Pater Gebhardt in Schutz und widersetzte sich dem Banne aus dem grund: es sei weltbekannt, dass der Teufel den heiligen Antonius mit den üppigsten Vorstellungen und lüsternsten Lockungen in Versuchung geführt habe, und wenn dies der Teufel mit einem Heiligen getrieben hätte, so könnte ihm auch wohl einmal einfallen, sein Gaukelspiel mit einem Dominikaner zu treiben. Man müsste den Mönch vermahnen, dem Beispiel des heiligen Antonius zu folgen und gleich ihm gegen die Versuchungen des Teufels mit den Waffen des Gebets und des Fastens zu kämpfen. übrigens bedauerte man sehr, dass der Satan nicht mehr achtung vor dem Erzbischof hätte und so unverschämt wäre, seine höllische Vorspieglungen nach den Gestalten seiner hohen Familie zu bilden. Das Domkapitul führte sich hierbei ganz so auf wie die Erbprinzen, denen ihre Väter zu lange regieren. Was aber den Fall gänzlich verwirrte, war ein Bericht aus dem Nonnenkloster. Die Nonnen waren alle im Refektorio versammelt, eine Mutter Gottes zum nächsten fest aufzuputzen, um es durch ihre Pracht den schwarzen Nonnen zuvorzutun, als die alte Pförtnerin hereintrat, die höllische geschichte erzählte und hinzusetzte, der Dominikaner würde gewiss lebendig verbrannt werden, denn eben sei das Domkapitul versammelt, sein Urteil zu sprechen. Während die Pförtnerin die geschichte mit allen Umständen erzählte, färbten sich die Wangen der jungen Nonnen hochrot, und die Sünde, die keine gelegenheit entwischen lässt, unschuldige Herzen zu vergiften, schoss in ihr Blut und dramatisierte in flüchtiger Eile ihrer Einbildungskraft alle die gefährlichen Szenen vor. Wut und Zorn zogen indessen ihre grimmigen Larven über die Gesichter der Alten. Die Äbtissin zitterte an ihrem Stabe, die Brille fiel von ihrer Nase, die Mutter Gottes stunde indessen nackend in der Mitte und schien den erstaunten und erzürnten Nonnen zuzurufen, ihre Blösse zu decken. Da aber die Pförtnerin hinzusetzte, es sei die Schwester Klara, die der Teufel dem Dominikaner zugeführt hätte, so erfüllte ein wilder Schrei den ganzen Saal. Nur Klara allein blieb gelassen, und nachdem eine kleine Pause auf das Zetergeschrei erfolgte, so sagte sie lächelnd: "Liebe Schwestern, warum schreit ihr so fürchterlich? Träumte mir doch auch, ich schliefe mit dem Pater Gebhardt, meinem Beichtvater, und wenn es der böse Feind getan hat" (hier machte sie und die übrigen alle ein Kreuz), "so mögen sie ihm die Disziplin geben. Ich für meinen teil habe nie eine kurzweiligere Nacht gehabt, sie komme, woher sie wolle." "Der Pater Gebhardt?" schrie die Pförtnerin. "Nun, alle ihr Engel und Schutzheiligen! das ist er eben, dem von Euch geträumt hat, dem Euch vielmehr der Teufel zugeführt hat und den sie nun darum verbrennen wollen." So ging die Pförtnerin noch einen Schritt weiter, verkörperte