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mit einem Fadenzuge den ganzen Körper bewegen: auf dem Absatze konnte er sich so meisterhaft umdrehn, als wenn er auf einer Spindel liefe. Sobald er hereintrat, rief ihm der Herr von Troppau französisch entgegen: "Monsieur de Piquepoint, woher kommen Sie so spät?"

"Ah", antwortete er schmunzelnd, "on n' dit ça d'apord, Monsieur Baron."8

Herr von Troppau. Von welcher berühmten Schönheit? Soll ich raten?

Piquepoint. Ah, Monsieur Baron, ça vous devine pas. Lairesse schrie ihm von hinten einen Namen hastig ins Ohr. – "Pardon, Mademoiselle!" rief er und drehte sich auf dem Absatze zu ihr, " parlez par derriere."

Der Herr von Troppau kündigte ihm darauf einen neuen Sieg an und nahm ihn auf die Seite, um ihm Ulrikens Schattenriss zu geben, mit der Nachricht, dass sie ein Gleiches von ihm erwarte. "Das arme Mädchen schmachtet recht nach Ihnen", setzte der Herr von Troppau hinzu. – "Elle languit!" schrie Piquepoint, ganz ausser sich. "Ah, la pauvre petite chose!" ("Das arme kleine Ding!")

Herr von Troppau. Aber Sie müssen Mitleid haben. Lassen Sie das arme Mädchen nicht zu lange schmachten!

Piquepoint. Pacienza, Monsieur Baron! Je fais ça, comme les grands Seigneurs de campagne: dans commencement marche sur les filles un peu horriblement: mais si ils se donnent, suis douce comme de la marmelade. –

Unterdessen, da dies Gespräch noch einige Zeit fortgesetzt wurde und Monsieur de Piquepoint seine Freude über Ulrikens Liebe auf alle Weise auszudrükken bemüht war, besteckte ihm die mutwillige Lairesse den Haarbeutel mit einer Menge Scheren und Bügeleisen von buntem Papier: und berichtete jedermann, dass Herr Piquepoint heute sein Wappen angehängt habe. Wohin sich der verspottete Naar kehrte, fing man an zu lachen, und kaum hatte er sich hurtig nach der lachenden person hingewandt, so brach hinter ihm eine andre los: er sagte einige von seinen Bonmots über das lachen, und weil es sich vermehrtewelches er seinem gesagten Witze zuschrieb –, so drehte er sich wie ein Dreher voller Lustigkeit herum und lachte selbst mit. "Ah", rief der dumme Tropf und klatschte in die hände, "je (peux) amiser les gens en maître qu'ils crévent pour rire."

Bei Tische hatte er Ulrikens Silhouette beständig neben sich liegen, küsste sie und musterte ihre Reize, versicherte, qu'il l'aimoit toute entiere, son ame et son corps, und schwatzte so viel aberwitziges Zeug, besonders wie er ihr seine Liebe bezeugen wollte, dass Herrmann die Geduld verlor und ihm den Schattenriss heimlich wegnahm. Wie unsinnig schrie und wehklagte der Narr, als er den Verlust inne ward, und bot einen, zwei, drei Dukaten, wenn man ihn wiederschaffte.

"Und wenn's tausend Dukaten wären", fing Herrmann an, "so soll er nicht in so unwürdige hände wieder kommen."

Piquepoint. Ces mains sont au Monsieur de Piquepoint: savezvous ça bien, mon petit Monsieur!

Herrmann. Einen ausgemachten Narren gehören sie.

Piquepoint. Quoi? Moi une boufon! Allons, je me duelle! je me duelle. –

Er trat wirklich mitten in die stube und zog den Degen: Lairesse stunde auf, zog eine Schere aus der tasche und erbot sich, Herrmanns Verfechter zu sein. – "Quoi?" rief Piquepoint, "vous voulez être son champignon? (champion). Allez, ou vous pique! – Non, non", unterbrach er sich sehr sanftmütig, kniete nieder und legte ihr den Degen zu Füssen,"pour les Dames place mon epée sur la terre. – Voyez-vous?" sagte er zu Herrmann, als er wieder aufstund, "Vous êtes echapé par ste Demoiselle." – Die Silhouette blieb für ihn verloren.

Nach Tische erbot sich Lairesse, seinen Schattenriss zu machen, da er ihm zum Gegengeschenk versprochen hätte: er setzte sich, und sie erhöhte die Hässlichkeit seines Gesichts so sehr, dass es wie eines von den Polischinellen aussah, die sie in buntem Papier ausschnitt: dem ungeachtet küsste er ihr demütig die hände dafür und versicherte, dass ihn in seinem Leben noch niemand so gut getroffen habe: sie machte sogleich eigenhändige Anstalt, es aufzupappen, und kleisterte im Kabinett das scheussliche Profil auf einen Bogen türkisches Papier, dass der ganze Schattenriss einem gesicht ähnlich sah, das vor kurzem die Blattern gehabt hat.

Herrmann langte von der grossen Lustigkeit sehr unlustig in seinem Zimmer an: nicht als wenn ihn der Narr eifersüchtig gemacht hätte! sondern dass man zu einer solchen Art des Spasses Ulriken wählte, das beleidigte ihn. Die vielen Liebhaber, die man ihm vorgezählt hatte, gingen ihm doch nicht wenig im kopf herum: er war zwar wegen Ulrikens Treue festiglich versichert, allein die Empfindung der Liebe, die andre für sie fühlten, beneidete er schon: er war ein so habsüchtiger, missgünstiger Verliebter, dass er gern alle Lichtstrahlen von ihrem gesicht auf sich allein gelenkt oder ihre Gestalt in eine beständige Nebelwolke für jeden andern gehüllt hätte, damit alle Empfindung des Wohlgefallens, die sie erregen konnte, sich allein in seinem herz versammelte. Und dann! Verführung, Überraschung durch List war seine grosse