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; da ich reisete, um Erfahrung und Menschenkenntniss zu sammeln und meines Berufs zu warten, nicht aber um Turmspitzen und den Esel im Hamburger Dom zu besehen, oder das Männchen unter der brücke zu Dresden.

Freund Richardson hatte seinen Sir Carl, und seinen Lovelace dazu, immer in Petto behalten mögen, denn der erstere ist, leider! nicht in der natur, und der letztere, Gott sei Dank! noch weniger, wofern nicht etwa seit Klarissens Existenz sich einer gebildet hat. Nützlicher und besser ist es, wenn man den Leuten erreichbare Ideale zur Nachfolge vorstellt, und hübsch bei den alltäglichen Torheiten, denen so viele sich nur gar zu gern ergeben, stehen bleibt, und Buben, wie man sie an allen Ecken findet, die Geissel um die Ohren sausen lässt. Was wir tadeln, muss in der natur sein, muss nicht so selten sein, dass es nicht der Mühe lohnet, davon zu reden; sonst ist im ersten Fall, wenigstens unsere Arbeit fruchtlos und ganz umsonst; und im zweiten läuft man Gefahr, Bübereien zu lehren, an die kein Mensch gedacht haben würde. Ich gebe es zu, man kann, wenn man die Züge zu seinen Bildern aus der natur nimmt, sie von alltäglichen Originalen abstrahiret, und so aus zehn und mehreren einen einzigen Gecken zusammen setzetman kann, sag ich, auf den Fall unmöglich zwischen den Deutern ungehudelt hindurch kommen. – "Sieh! leibhaftig meines Nachbars Nase!" – Nimms indessen nicht übel, guter Freund, oft zupft der Autor deine eigne Wenigkeit beim Ohr, wo du des Nachbars Nase aufs eigentlichste zu erkennen glaubest. – Es muss aber schlechterdings einem Schriftsteller schmeichelhaft sein, wenn er an manchem Orte Deuter findet. Zwar ist es ein Zeichen, dass die Menschen nicht leicht zu bessern sind, weil jeder nicht sich, sondern seinen Nachbar im Spiegel sieht: aber es beweiset doch auch, dass ein solcher Autor ein treuer Maler der natur sei; – freilich der fehlerhaften natur: aber kein Aristoteles hat dem Sittenrichter das Gesetz gegeben, ins Schöne zu malen.

Mit welchem Rechte schreiet endlich dieser und jener wider den Mann, der mit lachendem mund und heilsamen Spotte zu bessern sucht? Lieben wird ihn, wer Herz und hände rein weiss; und wer nicht in dem glücklichen Falle ist, der bessre sich, und feinde keinen Schriftsteller wegen einer edlen Absicht an, oder schelte sein Buch für giftig. In meinem buch kenne ich kein Gift; und zum Beweise, dass dem so sei, und dass ich bereit stehe, mein Herz, und die Moralität jeder Zeile, die ich gedruckt oder ungedruckt schrieb, gegen jeden Angriff zu verteidigen und zu schützen, bekenn ich mich hiermit öffentlich zu diesem buch; und wenn es erfoderlich sein sollte, will ich mich gern zu allem bekennen, was ich jemals schrieb. Ich gebe willig zu, dass nicht alles meinem verstand Ehre mache, denn ich bin ein Mensch; aber ich bin mir bewusst, dass ich durch keine Sylbe mein Herz entehret habe. Uebrigens ist Horaz ein Mann von grösserem Gewichte als ich. Schon einmal hab ich ihn angeführet, und auch hier mag er für mich reden. Er sagt: Nunc illud quaeram, meritone tibi sit Suspectum genus hoc scribendi. Sulcius acer Ambulat et Caprius, rauci male, cumque libellis; Magnus vterque timor latronibus: at bene si quis Et viuat puris manibus, contemnat vtrumque, Vt sis tu similis Caeli Birrique latronum, Non ego sim Caprii neque Sulci; cur metuas me? – – – – – – – – – – – – – – "Laedere gaudes, Inquis, et hoc studio pranus facis." Vnde petitum Hoc in me iacis? est auctor quis denique eorum Vixi cum quibus? Absentem qui rodit amicum, Qui non defendit alio culpante, solutos Qui captat risus hominum, famamque dicacis, Fingere qui non visa potest, comissa tacere Qui nequit, hic niger est! hunc tu, Romane, caueto! Saepe tribus lectis videas coenare quaternos, E quibus vnus amet quauis adspergere cunctos Praeter eum qui praebet aquam: post, hunc quoque

potus,

Condita quum verax aperit praecordia Bacchus; Hic tibi comis et vrbanus liberque videtur Infesto nigris: ego si risi, quod ineptus Pastillos Rusillus olet, Gorgonius hircum, Liuidus ac mordax videor tibi? Mentio si qua De Capitolini furtis iniecta Petilli Te coram fuerit, defendas vt tuus est mos: "Me Capitolinus couuictore vsus amicoque a puero est, causaque mea permulta rogatus Fecit, et incolumnis laetor quod viuit in vrbe; Sed tamen admiror, quo pacto iudicium illud Fugerit." Hic nigrae succus loliginis; haec est Aerugo mera; quod vitium procul afore chartis, Atque animo prius, vt si quid promittere de mo Possum aliud, vere promitto. Liberius si Dixero quid, si forte iocosius, hoc mihi iuris Cum venia dabis, etc.

Um Verzeihung, lieber Sultan, wegen dieser langen Citation. Ich citire sonst nicht gern, aber da die Stelle so passend ist, und ich mir nicht getraute, es besser zu sagen, so lässest Du mir es ja wohl ohne Bastonnade hingehen, dass ich einmal einen andern ehrlichen Mann für mich denken lasse, da ich so oft für andre Leute denken muss. Latein wirst Du freilich nicht verstehen: aber das geht vielen unsrer Gelehrten, d.i. Männern, die auf Universitäten gewesen sind, nicht besser. Dein Dragoman