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, gehören vor einen weissbedeckten und mit Essen und Trinken besetzten Tisch. Die christliche Religion gibt uns hiezu viele gelegenheit. HERR v. G. Recht, lieber Pastor! Magen und Herz sind Nachbarskinder, sowie sich die Drüsen im mund und Magen verwandt sind. Was jene reizt, bringt diese in Bewegung. Bei Tisch lernt man tun, wirken, in den schulen lernt man reden. – Mit meinem Freunde muss ich geniessen. PASTOR. Die herzliche Beredsamkeit, wo eine Einsylbe oft mehr gilt als ein prahlendes: Allerseits nach Stand und Würden, ist auch bei Tisch zu haus. Bei Tisch wird man nicht alt. Sehr richtig. Was uns hiedurch an Zeit abgeht, ersetzen Stärke, Gesundheit und eine lachende, alles leicht findende Stirn. Hiedurch richten wir in einer Stunde mehr aus, als ein Kurzesser in einem halben Tage. HERR v. G. Es lebe Luter und seine Tischreden! – Ein schönes Stück von ihm, eine Ehrensäule für die Menschheit. – Hätt' er die nicht nachgelassen, ich würde' ihn lange nicht für das halten, was er war. Die Fröhlichkeit, die Freundschaft an einem wohlbesetzten Tisch, die Gerechtigkeit, lieber Pastor, und ihre Ausübung, an einem rotbehangenen unbesetzten Tisch. PASTOR. Sie muss nüchtern verwaltet werden. Wer am besetzten Tische Recht spricht, beugt das Recht. – Viele Leute sind der Meinung, man müsse nüchtern schwören, und halten es für Missbrauch des Namens Gottes, wenn sie gefrühstückt haben. Ein Richter muss aber keinen Wein trinken, wenn er Recht spricht. Er sieht gleich alles anders an. Mit der Gerechtigkeit ist es eine besondere Sache, ein einzig Gläschen macht oft einen andern Menschen; wer mitleidig ist, weicht vom Wege ab undHERR v. G. Mit Ihrer gütigen erlaubnis, ich glaube, dass es zu manchen begebenheiten auch besondere Gerichte gäbe. Unsere lieben Alten sind uns darin rühmlichst vorgegangen. HERMANN. Eben hierdurch wird das Essen schmackhaft. Vielleicht könnte man trostgebende, glückwünschende Gerichte erfinden. HERR v. W. Ich habe noch niemand frische Milch mit saurem Gesicht essen gesehen. PASTOR. Die natur hat zwar jedem Essen seine Jahreszeit angewiesen, alle aber kommen am Ende darin überein, dass wir dabei fröhlich und guter Dinge sein sollen. nennen Sie mir eine Schüssel, die Tränen auspresst? HERR v. W. Der Grad des Vergnügens indess könnte verschieden sein. HERR v. G. Hiebei kommt viel auf die Einbildung an. Nachdem eine Schüssel selten, das ist vornehm gehalten wird.

Aber, m e i n e H e r r e n d a u n t e n , die

Suppe wird Ihnen kalt. HERR v. W. Freilich! bei ihr sollte nicht gesprochen werden. PASTOR. Wer sie isst, wird sich von selbst hüten. – Man kann leicht dabei den Weg verfehlen. – Suppe geschickt zu essen, ist sehr schwerich esse keine. drei STIMMEN, BASS, TENOR, DISCANT. Keine? PASTOR. Alexander auch keine. WIEDER drei STIMMEN. Keine? PASTOR. Suppen sind für Kranke, es sind Fleischessenzen, und für Leute, die kein Fleisch mehr verdauen können. HERR v. G. Ich bin nicht darauf gefallen, aber der Pastor hat Recht. – Braten ist das natürlichste, wenn von Fleisch die Rede ist. PASTOR. Wer Fleisch und die davon erpresste Suppe isst, isst den Kern und nachher die Schale, geniesst den Saft und hinterher die Hülse. HERR v. W. Wenn Sie mir gleich nicht besondere Festtagsgerichte gestatten, Nationalspeisen werden Sie mir wenigstens zugeben? PASTOR. Gern, und da ist beim Engländer Braten, bei dem Deutschen Mehlspeise, beim Franzosen Kraut auf dem feld. Die Deutschen sind Männer des Tisches. Sie sitzen lange dabei, ihr Tisch ist der beste. Kein Wunder, dass sie am längsten dabei weilen. Sie sind die gastfreiesten, die menschlichsten Esser und Trinker. HERR v. G. Katoliken kochen vortrefflich Fische. PASTOR. Noch lehrt beten. Wenn ich zu reformiren hätte, müsste das schöne Geschlecht, wenn es ja kochen soll, mit strenger Ausschliessung alles dessen, was Odem gehabt, sich auf Milchspeisen und Gemüse einschränken. Kein Fleisch und Fische müssten sie kochen, sondern bloss natürliche Gerichte würden zu ihrem Departement gehören. Obst aus Frauenzimmerhänden ist beinahe wie vom Baum. HERR v. G. Obst, Pastor, denke' ich, sei die natürlichste Speise in der Welt. PASTOR. Es ist ein paradiesisches Essen, ein Manna, das noch vom Himmel fällt, wonach alle Kinder einen Erbgeschmack mit auf die Welt bringen. HERR v. G. Obst ist die gesundeste Speise unter allen. Nach Obst Milch und Honig. PASTOR. Ich bin nicht von denen, die schon das liebe Brod in der Welt zu gekünstelt finden, und sich auf die allerersten Naturelemente reduciren wollen. Wer mir aber Obst verachtetHERR v. G. Ist ein verderbter unnatürlicher Mensch. Er hat seine Unschuld verloren und trägt davon das Malzeichen an sich. Pastor, ein Glas Wein aus den Händen eines FrauenzimmersPASTOR. So wie ein Glas wasser und aller Trank aus ihren Händen. Der Trank ist mehr der Kunst entgangen als die speisen, und aus Gottes Händen ziemlich unverfälscht auf uns gekommen. Ein Glas Wein b e i d e r Q u e l l e .

Wie bange mir bei dem