Kanzel weidlich auf die Sünder zu schelten wusste, so war er doch im gemeinen Leben ein ganz umgänglicher Mann, der, wenn sich jemand an ihn wendete, gern mit Rat an die Hand ging, auch zuweilen mit Tat, nur nicht mit Gelde, welches, wie wir der Wahrheit zur Steuer bekennen müssen, dem ehrlichen Mackligius ziemlich fest ans Herz gewachsen war.
Eben auch die Begierde, seine Einkünfte nicht zu vermindern, bewog ihn, den Sebaldus in sein Haus zu nehmen, und der Unterricht seines Sohnes war eigentlich nur eine Nebensache. Denn da Ehrn Mackligius der heilsamen alten Meinung war, dass man auf schulen die menschlichen Studien (Humaniora), das heisst bloss Wortkenntnis treiben müsse, dass hingegen die wenige Sachenkenntnis, die ein Teologe braucht, sehr füglich bis zur Universität verspart werden könne, so bestand die Unterweisung des jungen Heinz Mackligius beinahe bloss darin, dass er wechselsweise ein Pensum aus Dietericii "Institutionibus catecheticis", aus Rhenii "Grammatica latina" und aus Wellerii "Grammatica graeca" auswendig lernen musste und nebenher ein wenig Hebräisch buchstabierte. Nun besass Heinz Mackligius (der, nach dem zu urteilen, was man in frühen Jugendjahren an ihm bemerkt hat, gewiss noch ein Pfeiler der ortodoxen Kirche werden muss) eine so glückliche Gabe, Regeln, die er nicht verstand, auswendig zu lernen, dass er seinem Lehrmeister beinahe gar keine Mühe machte. Sein Vater hatte daher dessen Unterricht neben seinem Predigtamte, Gartenbaue und Hühnerfüttern ganz gemächlich abwarten können, würde also auch wohl nicht daran gedacht haben, für denselben einen Hofmeister anzunehmen, wenn ihm nicht bei herannahendem Alter das Predigen in seinem Filiale allzu beschwerlich gefallen wäre. Der Weg war weit, und wenn er nach geendigter Predigt in der Sakristei den Klingebeutel ausschüttete, so schien er ihm nicht halb bezahlt zu sein. Das verdross ihn dergestalt, dass er einst das Filial ganz aufgeben wollte. Nachdem er aber überlegt hatte, dass die Artikel des Beichtgeldes, der Taufen, Trauungen und Beerdigungen in der Haushaltung ein Loch machen würden, wenn sie ausblieben, ungerechnet noch die Käse und die Butter nebst den fetten Hammeln und Gänsen, woran die gottseligen Marschlandsbauren ihre Seelenhirten keinen Mangel leiden liessen, so ward er ganz unruhig und wusste nicht, wozu er sich entschliessen sollte.
Endlich fiel er auf den glücklichen Gedanken, dass er einen Hofmeister für seinen Sohn annehmen und demselben die sonntäglichen und meisten festtäglichen Predigten im Filiale auftragen wollte. Die Einkünfte des Klingebeutels dachte er ihm zum Hofmeistergehalte anzuweisen; das Beichtgeld hingegen nebst den Tauf–, Trauungs- und Leichengebühren behielt er sich selbst vor. Auf diese Art berechnete er klaren Vorteil. Er wälzte den Unterricht seines Sohnes und die beschwerlichen Filialpredigten von sich ab, und doch wurden seine Einkünfte nur um etwas sehr weniges vermindert.
Dieses sehr wenige war indes nebst freier wohnung und Kost für den genügsamen Sebaldus völlig hinreichend. Er trat also sein doppeltes Amt mit herzlicher Zufriedenheit an, unterwies seinen Zögling und predigte jeden Sonntag fleissig. So lebte er einige Wochen lang sehr zufrieden, bis ein kleiner Umstand seine Ruhe störte und in dem ganzen Städtchen einen unvermuteten Rumor erregte.
Dritter Abschnitt
Es hatten damals die Herren Landprediger zwei Meilen in der Runde um dieses Städtchen ein sehr nützliches Institut angefangen, das wir allen Landpredigern innerhalb und ausserhalb Holstein zur Nachahmung höchlich anpreisen wollen. Es ist ein sehr gemeiner und oft nicht ungegründeter Vorwurf, den man diesen Landgeistlichen macht, dass sie endlich selbst zu Bauern würden und gänzlich vergässen, dass sie Gelehrte sind. Die Hauptursache davon ist wohl, dass sie selten zusammenkommen, ausser etwa auf Synodalversammlungen oder auf Witwenkassenberechnungen. Sie erfahren daher nichts von dem, was in der gelehrten Welt vorgehet, und verlieren alle Lust, sich um gelehrte Sachen zu bekümmern, die ganz ausser ihrem Gesichtskreise liegen.
Diesem Übel vorzubeugen, war auf Veranlassung des jüngsten Diakonus in der Stadt, Ehrn Pypsnövenius, unter den sämtlichen Landpredigern dieser Diözes die Verabredung getroffen worden, dass sie, besonders im Sommer, alle Freitage nachmittags zur Stadt kamen. Sie liessen sich zuförderst sämtlich barbieren, auch sollen sie wohl unterderhand Dispositionen von vorjährigen Predigten gegeneinander ausgewechselt haben, die dadurch auf dieses Jahr wieder brauchbar wurden. Alsdann begaben sie sich zu Ehrn Pypsnövenius, wo sie die neuen Stücke der "Hamburgischen Nachrichten aus dem Reiche der Gelehrsamkeit"60 allemal auf dem Tische fanden. Wenn diese gelesen und darüber diskutiert worden war, so wurden wohl, wenn es die Zeit erlaubte, noch andre neue oder nützliche Bücher vorgelesen: zum Beispiel des Herrn Doktor Heins "Patriotischer Medikus", verschiedene deutsche Schriften des Herrn Doktor Crusius, als der "Gnomon oder Zeiger zum richtigen verstand des Propheten Jesaias", der "Plan der Offenbarung Johannis", die "Prophetische Teologie" und andere mehr; die neuesten lateinischen Verse der hamburgischen Gymnasiasten, auch wohl einige ungedruckte neue exegetische Entdeckungen des Herrn Erichson in Storkow oder neue politische Remarken und Epigramme vom Herrn Westphal in Tönning.
Wenn dieses abgetan war, wurde um sechs Uhr, damit die fremden Gäste beizeiten nach ihrer Heimat zurückreisen konnten, gegen eine gesetzte Zeche von sechs Lübschschillingen eine Abendmahlzeit von holsteinischem Rauchfleische und Schlackwürsten nebst gutem Eutiner Biere aufgetragen. Dabei zeigte sich die Gesellschaft fröhlich, und jeder der Gäste erzählte dann, was an seinem Orte Merkwürdiges vorgefallen war. Jubelhochzeiten, Zwillinge oder Drillinge, Kälber mit sechs Füssen oder Hunde mit zwei Köpfen, Mordgeschichten und Hagelschaden wurden nicht leicht übergangen. Eine Neuerung in der Lehre oder in der Kirchenzucht aber durfte kaum