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Gesellschaft zu treten dürfen Sie sich nicht schämen.

Sebaldus: Und dieser wäre nur eine so geringe Anzahl? Wenn Sie die Anzahl der nützlichen Bücher so gering machen, wissen Sie wohl, dass Sie sich selbst erniedrigen?

Hieronymus: Wieso?

Sebaldus: Ich habe immer der Buchhandlung vor allen Arten der Handlung den Vorzug gegeben, weil ich glaube, dass durch ihre Vermittelung die gelehrten Kenntnisse unter die Menschen gebracht werden, weil sie nicht blühen kann, als wenn eine gründliche und nützliche Gelehrsamkeit blühet.

Hieronymus: Da haben Sie einen sehr falschen Begriff von der Buchhandlung. Sie stehet nur in rechtem Flore, wenn die Leute sehr dumm sind.

Sebaldus: Wenn die Leute sehr dumm sind? Das kann ich nicht begreifen. Dumme Leute werden ja keine Bücher kaufen.

Hieronymus: Weswegen nicht? Sie kaufen dumme Bücher, und die sind in grösserer Anzahl und machen grössere Bände aus. Es ist auch viel leichter und bequemer, für dumme Leute zu schreiben und zu verlegen als für kluge. Sehen Sie nur meine Kollegen, die Buchhändler in den katolischen Provinzen, an, grösstenteils reichere Leute als alle protestantischen Buchhändler auf der Leipziger Messe. Sie finden in ihren Verzeichnissen schöne Folianten über das Jus canonicum, herrliche Fasten- und Fronleichnamspredigten, derbe Kontroverspredigten wider alle Ketzer, tröstliche Legenden der Heiligen, Gebetbücher und Breviarien in Menge, aber oft kein einziges vernünftiges Buch, das ich, so einfältig auch meine liebe Vaterstadt ist, in meinen Buchladen legen oder Sie, wenn Sie noch so reich wären, in Ihre Bibliotek würden setzen wollen.

Hier ergriff er ein auf seinem Pulte liegendes Bücherverzeichnis eines katolischen Buchhändlers in Augsburg und fragte: Wie gefallen Ihnen die Titel: Laurentii von Schnifis (ord. Capucin.) "Mirantische Mayenpfeife", mit Kupfern; P. Sennenzwickels "Ernstliche Kurzweil für die zenonische Gesellschaft der machiavellischen Staatsklügler, worin das edle Paar Gebrüdrichen Ateismus und Naturalismus samt den Hallerischen Gedichten dem Sileno als Riesenschröcker aufgeopfert werden"; P. Dionysii von Luxemburg verbesserte "Legend der Heiligen" von P. Martin von Cochem; "Der himmlische Gnadenbrunn St. Walburgä"; "Die geistliche Sonnenblum, d.i. kurze tägliche Besuchungen des allerheiligen Sakraments des Altars"; P. Biners "Mückentanz der Herren Prädicanten zu Zürch um das Licht der katolischen Wahrheit"; Alexii Riederers "Geistliches Seelennetz oder 150 geistreiche Betrachtungen"; Bulffers "Mit kurzen, doch guten Waren handelnder evangelischer Kaufmann oder kurze Sonn- und Feiertagspredigten"; "Der christkatolische goldne Schlüssel, mit welchem die Schatzkammer der zeitlich- und ewigen Güter kann aufgesperrt werden"; Hausingers "Geistliches Frühstück oder auserlesene Sittenlehren". Wollen Sie etwa diese und andere dergleichen schöne Sächelchen mehr kaufen?

Sebaldus: Nein, was sollte ich mit dem unsinnigen Zeuge machen?

Hieronymus: Nicht? Desto schlimmer für den Buchhändler, dass Sie so klug sind! Er mag sich dumme Käufer schaffen, oder er ist verloren.

Sebaldus: Der Buchhandel ist also, wie ich merke, ein so leichtes Geschäft, als es einträglich ist. Dumme Bücher verlegen und sich viel dumme Käufer dazu suchen erfordert ja wahrlich keine grosse Kunst, denn die dummen Menschen sind unzählig.

Hieronymus: Und doch ist's schwerer, als Sie es sich vorstellen. Vergessen Sie nicht, dass Millionen dumme und kluge Menschen gar keine Bücher brauchen. Das können Sie daraus sehen, dass von den meisten Büchern im deutschen Buchhandel etwa fünfhundert und höchstens bis ein paar tausend Exemplare gedruckt und selten sämtlich verkauft werden, und doch reden an dreissig Millionen Menschen die deutsche Sprache. Und dann muss der Käufer das Buch suchen, nicht das Buch den Käufer. Die dummen Menschen, welche zum Glücke der Buchhändler noch dumme Bücher kaufen wollen, haben jeder ihre eigene Art der Dummheit für sich und suchen nur diese. Glauben Sie mir, der Arten der Dummheiten sind in Deutschland sehr vieleda sogar die gelehrte Klugheit vieler Schriftsteller dumm genug ist! Es gehört also bei dem Buchhändler viel Erfahrung dazu, die rechte Art dummer Bücher zu verlegen und anzuschaffen. Denn fällt er auf die unrechten dummen Bücher, so bleiben auch diese liegen, und er kommt sodann auch mit der Dummheit nicht vorwärts.

Sebaldus: Das gönne ich ihm herzlich! Denn ich behaupte: ein Buchhändler ist nur dazu da, um der Gelehrsamkeit aufzuhelfen, daher sollte er keine andere als gute Bücher drucken und verkaufen.

Hieronymus: Das heisst von dem Buchhändler zuviel gefordert, der sich selten nach dem Geschmacke der Gelehrten, ja selbst nicht nach seinem eigenen richten kann, sondern nach dem Geschmacke des grossen Haufens richten muss; und dieser macht es ihm nur allzu leicht, die meisten guten Schriftsteller beinahe ganz zu entbehren.

Sebaldus: Dies tun die Buchhändler freilich, aber sie sollten es nicht tun, sondern sollten billig dem Geschmacke der grössten Gelehrten folgen; und ich habe mich schon oft über Sie selbst gewundert, da Sie wissen, was grosse Gelehrte von Büchern urteilen, und doch schlechte Bücher drucken und verkaufen.

Hieronymus: Mein Freund, der Geschmack grosser Gelehrten ist der Geschmack sehr weniger Leute; der Buchhändler aber braucht sehr viele Käufer, wenn er sein Geschäft treiben will. Wenn nun sogar dumme Bücher oft nicht Käufer finden, wieviel mehr wird es den gelehrten und klugen Büchern so gehen, da der gelehrten und klugen Leute offenbar die wenigsten sind? Daher kommt es, dass so oft Autor und Verleger bei dem besten beiderseitigen Willen sich nicht vereinigen können. Jener