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und kann mit der Begierde, der Welt zu nützen, sehr wohl bestehen; und so wird es vermutlich auch wohl mit den Nebenabsichten sein, die Sie andern Schriftstellern schuld geben.

Magister: Nicht völlig ebenso. Die meisten Schriftsteller schreiben, um bekannt zu werden, ein Amt zu erschreiben, einem Patron ein Buch zu dedizieren, einen Freund zu erheben oder einen Feind zu erniedrigen. Ob die Welt von ihren Büchern Nutzen oder Schaden habe, kümmert sie wenig, wenn sie nur ihren Privatendzweck erreichen.

Sebaldus: Den können sie aber nicht erreichen, wenn sie nicht zugleich etwas Nützliches schreiben. Denn es kann doch niemand so unverschämt sein, ein Buch herauszugeben, um etwas Bekanntes oder Langweiliges oder Nichtsbedeutendes zu sagen.

Magister: Das sollte freilich nicht sein! Wie will es aber ein armer Schriftsteller machen, wenn er nichts Neues, Interessantes und Wichtiges zu sagen hat und doch ein Buch schreiben soll. Meinen Sie nicht, dass ein wichtiges und nützliches Buch viel Geschicklichkeit erfordere, dass man sehr viel mehr wissen müsse, als was man sagt, dass man vorher alles nachlesen müsse, was andere bekannte Schriftsteller über diese Materie geschrieben haben, dass man sich aber doch nicht müsse merken lassen, wieviel man gelesen habe, dass man seine ganze Materie wohl überlegen und anordnen müsse und dass zu allem diesem sehr viel Zeit und Arbeit gehöre?

Sebaldus: Allerdings!

Magister: Meinen Sie aber, dass derjenige, der bekannt werden, ein Amt erschreiben, seinem Patron ein Buch dedizieren, seinen Freund erheben oder seinen Feind erniedrigen will, allemal Geschicklichkeit haben werde oder viel Zeit und Arbeit werde anwenden können?

Sebaldus: Nein! Wenn aber dies nicht ist, so muss er auch gar kein Buch schreiben, denn den wahren Hauptzweck des Schriftstellens unwichtigen Nebenzwecken aufzuopfern ist eines wahren Gelehrten ganz unwürdig.

Magister: Ja freilich, eines Gelehrten! Aber ein Schriftsteller kann es im Laufe seines Gewerbes nicht so genau nehmen.

Sebaldus: Ich weiss nicht, wie Sie sprechen. Ein Buchdrucker oder ein Buchhändler mag ein Gewerbe mit Büchern haben, aber ein Schriftsteller ist ein Gelehrter. Der will der Welt nützliche Kenntnisse mitteilen, der will Wahrheit und Weisheit befördern.

Magister: Ihre Einbildungskraft, mein liebster Freund, fliegt noch ziemlich hoch; lassen Sie sich herunter und kommen Sie der Erde näher. Der grösste Haufen der Schriftsteller von Profession treibt ein Gewerbe so wie die Tapetenmaler oder die Kunstpfeifer und sieht die wenigen wahren Gelehrten fast ebenso für zudringliche, unzünftige Pfuscher an als jene Handwerker einen Mengs oder Bach. Durch solches Gewerbe und nicht aus Begierde, das menschliche Geschlecht zu erleuchten, entsteht die unsägliche Menge von Büchern, welche Sie so bewundern; denn Leipzig ist freilich seit mehr als hundert Jahren die Stapelstadt der Waren der gelehrten Handwerker.

Sebaldus: Sie haben ein sonderbares Vergnügen daran, Wörter zusammenzusetzen, deren Begriffe offenbar miteinander streiten. Gelehrsamkeit ein Handwerk? Bücherschreiben ein Gewerbe?

Magister: Allerdings, und zwar ein solches Gewerbe, worin jeder den Nutzen so sehr auf seine Seite zu ziehen sucht, als nur möglich ist. Der Autor will gern dem Verleger sowenig Bogen Manuskript als möglich für soviel Geld, als möglich ist, überliefern. Der Verleger will gern so viele Alphabete als möglich so wohlfeil als möglich einhandeln und so teuer als möglich verkaufen. Der Autor will gern sowenig Zeit, Mühe, Überlegung und Geschicklichkeit an sein Buch wenden und doch soviel Ruhm, Belohnung, Beförderung von der Welt einernten als möglich. Zu dem letzten sind leider nur allzuviel Mittel vorhanden!

Sebaldus: Sie sagen mir da so unerhörte Sachen, dass ich vor grossem Erstaunen mich fast nicht getraue, ein Wort dagegen einzuwenden, und doch ist mir alles unbegreiflich. Was für Mittel können vorhanden sein, Ruhm und Belohnung durch ein Buch zu erlangen, worin man keine Talente zeigt und worauf man wenig Zeit gewendet hat? Magister: Ei, sehr viele! Zum Beispiel ein Professor muss Amts wegen ein Kollegium lesen, dazu schreibt er ein besonderes Kompendium der ganzen Wissenschaft. Dies kostet wenig Zeit und Mühe, erfordert auch wenig Talente, und doch gibt's bei den Studenten das Ansehen, als hätte man die Sachen ergründet, und bei der Welt das Ansehen, als könne man ein Buch schreiben.

Sebaldus: Aber die Welt kann doch unmöglich ein blosses Kompendium einer bekannten Wissenschaft für ein Buch ansehen?

Magister: Die deutsche Welt ist gutwillig, sie hat sich schon sehr viele Kompendienschreiber für Schriftsteller aufdringen lassen. Und es weiss mancher Lehrer noch wirtschaftlicher mit seinem Pfunde zu wuchern! Will das Kompendium nicht Ruhm genug bringen, so lässt man einen teil des Diskurses oder der Amplifikation des Kompendiums unter einem Modetitel drucken, und dann ist man ein Schriftsteller in bester Form.

Sebaldus: Ja, aber doch sind, meines Erachtens, Studenten und Leser sehr unterschieden.

Magister: Ja freilich, darum werden auch die Stadtistörchen, die Anspielungen auf die Herren Kollegen, die Schwänke, womit die Benevolenz der Herren Kommilitonen kaptiviert werden soll, weggelassen, wenigstens von denen, die Kenntnis der Welt und Lebensart im mund führen.

Sebaldus: Das ist ganz gut! Aber ich dächte doch, der ganze Ton müsste verändert werden. Ein Lehrer kann voraussetzen, dass er mehr Einsichten habe als seine Zuhörer; deswegen kann er ihnen manches sagen, was er nicht füglich den Lesern sagen darf, weil er vermuten muss, dass darunter viele sein möchten, die ebensoviel und mehr Einsichten haben als er.

Magister: Sehr