sehr schlecht behelfen, wenigstens des Tages zwölf Stunden öffentlich lehren und Privatunterricht im Deklinieren, im Rechnen und so weiter geben. Daneben, weil er nie seinen sehnlichen Wunsch vergass, sich einst aus dem Schulstaube zu dem Predigerstande zu erheben, arbeitete er bis nach Mitternacht an geistlichen Reden und bestieg fast alle Sonntage die Kanzel, bald für diesen, bald für jenen Prediger. Allein er war, wie schon gesagt, nur klein von person, hatte eine schwache stimme, und aus Mangel gründlicher Gelehrsamkeit, weil er weder die Philologie studiert noch die Dogmatik, Polemik und Hermeneutik genugsam getrieben hatte, waren seine Predigten bloss moralisch; daher fanden sie keinen Beifall, und er hatte zu seiner unbeschreiblichen Kränkung meist die leeren Chöre und Kirchenstühle vor sich. So brachte der gute Elardus sein Leben in Gram und Kummer zu und starb an der Schwindsucht im sechsunddreissigsten Jahre seines Alters.
Erasmus hatte einen einzigen Sohn, Cyriakus genannt, einen Polyhistor und schönen Geist. Alles wusste Cyriakus, und was er nicht wusste, dünkte er sich zu wissen. Er selbst dachte eben nicht viel, aber wohl wiederholte er so oft, was andere gedacht hatten, dass er meinte, er habe es selbst gedacht. Er las sehr viel, und alles, was er las, gefiel ihm, und was ihm gefiel, wollte er nachmachen. Daher versuchte er alle Schreibarten und schrieb wechselsweise hoch wie Klopstock, sanft wie Jakobi, fromm wie Lavater, pomphaft wie Clodius, tiefdunkel wie Herder, popular wie Sturm. In allen Wissenschaften und schönen Künsten war er gleich stark. Man hat einmal von ihm in einer Messe eine Schrift von den Dudaim des Ruben, einen Band anakreontischer Gedichte, eine Abhandlung von der natur der Seele und ein halbes Alphabet historischer Erzählungen gelesen. Ein Amt hat Cyriakus nie bekleidet; denn in seiner Jugend war sein Vater ein reicher Mann, und er glaubte also sich nicht auf Brotwissenschaften legen zu dürfen. Nachdem aber Erasmus durch viele Unternehmungen, die seinen Namen verewigen sollten, sein Vermögen sehr verringert und nach dessen tod sein Sohn Cyriakus den Rest davon aus Liebe zu den schönen Künsten und Wissenschaften auf der Universität verschwendet hatte, so befand sich der letztere in sehr bedürftigen Umständen. Er trieb sich an verschiedenen Orten herum, so dass von mehrern Jahren seines Lebens die zuverlässigen Nachrichten fehlen. Soviel weiss man, dass er eine Zeitlang Hofpoet bei einem jovialischen Abte in einem Kloster in Franken gewesen, dass er hernach Lehrer der Philosophie bei einem Kreisregimente geworden, dessen Offiziere, weil sie sonst nichts zu tun hatten, Gelehrte werden wollten, und dass er zuletzt bei einer kleinen gelehrten Republik auf einer sichern deutschen Universität, welche in Ermanglung eines Eichenhains ihre Landtage in einem Kaffeegarten vor dem Tore hielt, als Nasenrümpfer gestanden hat.
Diese Familiennachrichten dem Publikum mitzuteilen, wird man veranlasset durch eine Schrift, betitelt: "Predigten des Herrn Magister Sebaldus Notanker, aus seinen Papieren gezogen"90. Leipzig, in der Weigandschen Buchhandlung, 1774, Oktav.
Es könnte schon sehr sonderbar scheinen, dass ein Fremder diese Predigten aus den Papieren des Herrn Magisters Sebaldus Notanker sollte gezogen haben, da dieser im Jahre 1774 noch bei gutem Wohlsein lebte, seine sämtlichen Papiere besass und nie geneigt gewesen ist, etwas daraus, am wenigsten aber Predigten, herauszugeben. Wären indes diese Predigten nur dem Charakter des Herrn Magisters Sebaldus Notanker gemäss geschrieben, so würde man sein Urteil noch zurückhalten und dahingestellt sein lassen, ob etwa die Handschrift derselben auf eine unbekannte Art dem Herausgeber möchte in die hände geraten sein; allein wer den Herrn Magister Sebaldus etwas genauer und persönlich gekannt hat, wird sich bald überzeugen, dass jene Predigten unmöglich von diesem guten mann herrühren können.
Wenn man nur S. L der Vorrede die Anmerkungen lieset, die am rand der Handschrift der Predigten sollen gestanden haben, so sieht man gleich, dass darin ein unerträglicher Egoismus herrschet, der dem von allem Eigendünkel entfernten Charakter des Sebaldus ganz zuwider ist.
Zum Beispiel: "Ich danke meinem Gott alle Tage, dass er mich in einen Stand gesetzt hat, in welchem ich zur Erleuchtung des Landmannes so viel beitragen kann." So hätte Sebaldus nie von sich geredet, der in aller Einfalt seine Pflicht tat und Gutes stiftete, soviel er konnte, ohne zu glauben, dass er so viel täte, ohne feierlich auszurufen: Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie andere Leute!
Ebenso ist die Anmerkung S. LII beschaffen. "Ich gebe meine Predigten nicht für Muster aus, wonach meine Kollegen sich bilden sollten. Wenn sie nur daraus absehen, was ungefähr sie vortragen ..." usw., usw.
Oh, wie hätte der bescheidene Sebaldus, der, wenn er predigte und seine Kirchkinder tröstete und sie zum Guten ermahnte, nur ganz gewöhnlicherweise seine Pflicht getan zu haben glaubte, sich auch nur die idee in den Sinn kommen lassen, er könne jemand ein Muster werden oder es könnten andere von ihm etwas absehen!
Dass ferner bei diesen Predigten keine biblischen Texte vorhanden sind, zeigt auch genugsam, dass sie weder Sebaldus noch irgend sonst ein Prediger, der die Gesinnungen der Landleute kennet, gemacht haben kann. Sebaldus wusste viel zu gut, wieviel Gewalt auch nur der blosse Ton eines biblischen Spruchs über die Seele eines bauern hat, als dass er ein so unschädliches Hilfsmittel, nützliche Wahrheiten einzuprägen, hätte vernachlässigen sollen.
Doch selbst aus der Nachricht des Herausgebers, wie er zu der Handschrift