1775_Nicolai_080_115.txt

.

Van der Kuit antwortete: "Hm, solch Buch sollte sich wohl verkaufen" und sah dabei mit sonderbar schlauer Miene den Domine an.

Domine de Hysel versetzte mit niedergeschlagenen Augen:

"Das mag mein Herr van der Kuit am besten verstehen."

Van der Kuit tat noch einige fragen, um den Domine auszuholen. Dieser aber wich aus, kam auf eine andere Rede, fragte, ob von Sebaldus' Journale nicht ein neues Stück herausgekommen sei, sah nach seiner Uhr, sagte, er müsse eilen, empfahl sich und ging fort.

Sebaldus liess seine fertigen Hefte in den Händen des Buchhändlers, bat ihn, die Sache zu überlegen, und weil eben einer der ersten Frühlingstage war, machte er, sehr zufrieden, seinen Lieblingsspaziergang auf dem Dyk nach Seeburg, um sich an der Aussicht auf das Y zu laben.

Der Buchhändler, nachdem er sowohl den Domine als den Sebaldus bis vor die Tür seines Ladens begleitet hatte, ging bedächtig in seine Schreibstube zurück, um zu überlegen, ob nicht eine Spekulatie zu machen sei.

Mynheer van der Kuit war ein Buchhändler, der das Handwerk verstand, und trieb es auch als ein Handwerk. Ein Buch sah er als ein Ding an, das verkauft werden könnte; weiter kümmerte ihn nichts dabei. Aber hierzu wusste er auch alle Vorteile zu suchen und, noch besser, sich dabei vor allem Nachteile zu hüten. Dabei bemühte er sich nicht etwa um kleine gemeine Vorteile: zum Beispiel für ein neues Buch einen pfiffigen Titel zu ersinnen, über ein verlegenes Buch nebst einer neuen Jahrzahl einen neumodischen Titel zu schlagen, sich des Verlagsrechts eines zu übersetzenden Buches dadurch zu versichern, dass man es ankündigt, ehe es noch im Originale erschienen ist, und dergleichen mehr. Nein! Mynheer van der Kuit spekulierte ins grosse. Er war von weitem her achtsam auf alles, was ihm einmal dienen könnte, und tat, als ob die Leute, die er zu nichts zu nutzen wusste, ja selbst als ob die Bücher, die er nicht hatte, nicht in der Welt wären. Sein Hauptgrundsatz war, was er selbst brauchen könne, müsse ein anderer nicht haben. Hierzu wusste er, oft durch die vierte Hand, Maschinen in Bewegung zu setzen und konnte nachher ganz unbefangen dabei aussehen, als ob ihm die Sachen so ganz natürlicherweise in die hände gelaufen wären. Es ist wahr, er handelte dabei nicht allemal ganz genau nach den gewöhnlichen grundsätzen der Ehrlichkeit und der Menschenliebe. Er hatte aber seine Partie dergestalt genommen, dass er von Ehrlichkeit und Menschenliebe ganz fein zu reden wusste; und da man ihm weder die Ehrlichkeit absprechen konnte, dass er seine Schulden richtig bezahlte und auch ebenso pünktlich eintrieb, noch die Menschenliebe, dass er keinen Bedürftigen ohne Almosen weggehen liess, wenn jemand zugegen war, und keinen Schuldner verklagte, von dem er vorher sah, dass er nicht würde bezahlen können, so stand keinesweges zu beweisen, dass er mit seiner Schlangenklugheit nicht auch die Falschlosigkeit einer Taube verbinde.

Dieser Mann hatte lange mit Widerwillen angesehen, dass er bei dem Drucke der so gut verkäuflichen Werke des Kollegianten nichts als nur der Namenleiher sein sollte. Besonders war ihm dieses bei dem gelehrten Tagebuche aufgefallen, wovon er monatlich eine grosse Anzahl Exemplare absetzte, zu seinem Missvergnügen, weil ihm bei jedem Exemplare einfiel, dieses Werk sollte eigentlich sein Eigentum sein und nicht des Kollegianten, der dabei nur die Kleinigkeit tat, dass er es schrieb. Indes da der Kollegiant ein reicher und angesehener Mann war und der eine zahlreiche Bibliotek hielt, so musste van der Kuit schon sein Missvergnügen in sich schlucken. Da aber Sebaldus, ein armer unbekannter Fremdling, das Eigentum dieses Werks erhielt, sah der erfahrne Buchhändler keinen Grund, warum er mit demselben ferner ebensoviel Nachsicht haben sollte. Er setzte also bei sich fest, er müsse dieses Werk einst ganz an sich ziehen. Zu diesem Behufe hatte er dem Sebaldus einige wohlausgesonnene Vorschläge getan, welche dieser, der in Geschäften ziemlich kurzsichtig war, sich sehr leicht würde haben gefallen lassen; wenn nicht van der Kuit, der zu viel Absichten auf einmal erreichen wollte, ihm zugleich ein paar Mitarbeiter hätte aufdrängen wollen, die zwar nach van der Kuit's, nicht aber nach Sebaldus' Absichten würden gearbeitet haben. Er bekam also eine ausdrückliche abschlägige Antwort. Diese Widerspenstigkeit eines Autors brachte ihn nicht wenig auf und bestärkte ihn in seinem löblichen Entschlusse, das Journal zu besitzen und zugleich es nach eigenem Gefallen zu regieren.

Dieser Plan lag ihm beständig im Sinne, zumal da er seine Ehre dabei interessiert glaubte, nachdem einmal ein Schritt deshalb von ihm getan war. Da er nun jetzt über das Schicksal von Sebaldus' Übersetzung spekulierte und einesteils wohl erwog, sie möchte verkäuflich sein, andernteils aber auch Verdriesslichkeiten mit der Geistlichkeit besorgte, durch deren Kundschaft er so manche schöne uitlegkundige Vermaaklykheeden, Verklaaringen und Leer-Reeden verkaufte, so konnte er mit sich gar nicht einig werden, wie der Gewinn davon mit rechter Vorsicht und doch unbeschnitten könnte erlangt werden.

Mit einem Male fing seine Spekulation an, einen andern Weg zu nehmen. Er hängte das Angesicht, krümmte die Unterlippe, legte den Zeigefinger der linken Hand an die Nase, und endlich schien es ihm ganz natürlich vor Augen zu stehen, dass durch diese Übersetzung, auch wenn sie nicht gedruckt würde, das gelehrte Tagebuch sein Eigentum werden müsste. Diese wichtige Entdeckung machte ihn unruhig; er ging aus seiner Schreibstube