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Rache anruft?'

Dschengis hatte einige Mühe dem Prinzen begreiflich zu machen, dass Rechtschaffenheit eben sowohl als Klugheit ihnen nicht eher gestatten könne, eine Partei zu ergreifen, bis auf eine zuverlässige Art entschieden sei, auf welcher Seite sich das stärkste Recht befinde. 'Isfandiar', sagte er, 'hat wie ein Tyrann regiert; aber sein Erbrecht an die Krone ist unstreitig und unverletzlich. Die Nation ist schuldig ihn für ihren König zu erkennen. Es ist wahr, sie hat Rechte, welche eben so heilig sind als die seinigen; und sie ist so wenig verbunden alles zu leiden, als er berechtigt ist alles zu tun. Aber vielleicht geht Isfandiar in sich; vielleicht gibt er billigen Vorschlägen Gehör, und vielleicht ist mehr Erbitterung, Rachsucht und Eigennutz als wahre Vaterlandsliebe in den Bewegungsgründen der Häupter der Empörung. Die Zeit muss uns hierüber Licht geben. Sobald Pflicht und Ehre uns auf die eine oder auf die andere Seite rufen werden, dann wollen wir gehen.'

Der junge Tifan sah einer entscheidenden Nachricht mit Ungeduld entgegen. Aber die Zwischenzeit wurde nicht ungenützt vorbei gelassen. Dschengis, der sich in seiner Jugend den Ruhm eines guten Officiers erworben hatte, las unter den Gespielen seines Pflegesohns einige der stärksten und gewandtesten aus, um sie nebst Tifan in allen Arten von kriegerischen Übungen zu unterweisen. Er vermehrte sie mit einer Anzahl auserlesener junger Tatarn, welche er durch Geschenke und Hoffnungen in seine Dienste zog. Tifan tat sich bald unter dieser mutvollen Jugend hervor; er gewann ihre Liebe in einem so hohen Grade, und schien ihnen allen so unstreitig der wackerste und beste aus ihrem Mittel zu sein, dass sie ihn einmütig zu ihrem Anführer erwählten; ein Umstand, der in den Augen des erfreuten Alten von glücklicher Vorbedeutung war. Nach einiger Zeit langte die Nachricht von dem tod des Königs an, und von der Zerrüttung, in welche das erbenlose Reich dadurch gestürzt worden sei. Nun war es nicht länger möglich den jungen Tifan zurück zu halten; und nun glaubte Dschengis, dass es Zeit sei, sich seines Geheimnisses zu entledigen."

Schach-Gebal, dem dieses Geheimnis schon bekannt war, erklärte sich, dass er für diesmal genug habe, und entliess Danischmenden mit der Versicherung, dass es ihm nicht zuwider sein würde, der Fortsetzung dieser geschichte zuzuhören.

9.

Zur gewöhnlichen Zeit setzte Danischmend die geschichte des Prinzen Tifan folgender massen fort.

"Dschengis sah mit innerlichem Frohlocken das Feuer, welches in Tifans Seele brannte, und die Entschlossenheit, mit welcher er bereit war, sein Leben für die Sache eines Vaterlandes zu wagen, zu dessen Verteidigung er, als der vermeinte Sohn eines edlen von Scheschian, einen angebornen Beruf zu haben glaubte, und seine Ungeduld über jeden Tag, der die Ausübung dieser Pflicht verzögerte. Er genoss des reinen und alle andre Wollust übertreffenden Vergnügens, seine grossmütigen Bemühungen dem glücklichsten Erfolge sich täglich nähern zu sehen. Er hatte den Sohn eines Fürsten, der sein Freund gewesen war, nicht nur gerettet; er hatte ihn zu einem der besten Menschen gebildet. Jede Tugend, jede Fähigkeit, deren edler Gebrauch den grossen Mann macht, entwickelte sich bei der kleinsten Veranlassung in seiner schönen Seele. Die natur schien etwas Grosses mit ihm vorzuhaben, und das Glück eröffnete ihm bei seinem Eintritt in das männliche Alter einen Schauplatz, wo die notwendigkeit selbst jedem seine Rolle anweist, wo der Zufall das wenigste tut, und jedes grosse Verdienst in seinem eigentümlichen Glanz erscheint. 'Meine Ahnungen sind erfüllt', sagte Dschengis zu sich selbst: 'Tifan ist dazu bestimmt, ein neues besseres Scheschian aus den Trümmern des alten hervor zu ziehen. Es ist Zeit ihm zu entdecken, wer er ist, und ihn auf den Weg zu bringen, worauf er werden kann, was er sein soll.'

Die neuesten Nachrichten, welche Dschengis von seinem Freund erhalten hatte, sprachen von einer öffentlichen Verbindung einiger Städte gegen die edlen, welche sich zu Nebenbuhlern um den Tron aufgeworfen hatten. Die Verbundenen nannten sich die vaterländische Partei; und wiewohl sie über die Art und Weise, wie die Verfassung des Reiches fürs künftige eingerichtet werden sollte, unter sich selbst nicht einig waren, so stimmten sie doch alle in dem Hasse der Tyrannei und in dem Grundsatz überein, keinen König zu erkennen, der kein besseres Recht als die Obermacht seiner Waffen hätte.

'Die Krone in Scheschian ist aus Mangel eines gesetzmässigen Tronfolgers der Nation anheim gefallen', sagte Tifan: 'diejenigen, welche sich derselben mit Gewalt bemächtigen wollen, haben keinen andern Beruf dazu, als die Sucht zu herrschen. Die Partei der verbundenen Städte ist die Partei der Nation; und die Nation allein hat das Recht die Verfassung festzusetzen, durch welche sie sich des Besitzes ihres gerechten Anspruchs an Freiheit und Glückseligkeit am besten versichern zu können glaubt. Dschengis kann es nicht missbilligen, wenn ich gehe, meinem vaterland Dienste anzubieten, die ich ihm schuldig bin.'

'Aber was wirst du dazu sagen, Tifan', sprach der Alte, 'wenn ich dir entdecke, dass noch ein Prinz aus dem haus Ogul-Kans übrig ist, dessen Ansprüche um so weniger zweifelhaft sein können, da er ein Sohn des einzigen Bruders des Sultans Azor ist?'

'Und wo ist dieser Prinz?' fragte Tifan mit einer Miene, welche sehr deutlich verriet, dass ihn Dschengis mit einer unwillkommnen Nachricht überrascht hatte.

'Unsre Nachrichten melden uns nichts von ihm.'