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", sagte Danischmend, "dass schwerlich eine Nation auf dem Erdboden ist, welche sich des Glückes rühmen könnte, unter ihren Fürsten keinen Isfandiar gehabt zu haben. Gleichwohl deucht mir sogar dieser schlimmste unter den Königen von Scheschian weniger Hass als Bedauern verdient zu haben. Alle Umstände, in welchen er lebte, schienen von irgend einem feindseligen Genius zu seinem Verderben zusammen geordnet zu sein. Kein tugendhafter, kein ehrlicher Mann unter seinem ganzen volk, welcher Menschlichkeit genug gehabt hätte, dem verblendeten Fürsten wenigstens aus Mitleiden die Wahrheit zu sagen! Lauter abschätzige Sklaven zu seinen Füssen, lauter schändliche der Schamröte unfähige Schmeichler an seinem Ohr! Sollte man es für möglich halten, dass ein Isfandiar, ein gekrönter Missetäter, dessen Leben eine Kette von lasterhaften und unsinnigen Ausschweifungen war, von einer Menge von Rednern und Schriftstellern seiner Zeit mit allen Lobsprüchen, die nur immer der beste König verdienen kann, überhäuft worden sein könnte? Sollte man glauben, dass ein Scheschianer unverschämt genug habe sein können, diesen nämlichen Isfandiar, in Gegenwart von Tausenden, deren Blicke und Mienen ihn Lügen straften, den würdigsten und geliebtesten unter den Fürsten, den Vater seines Volkes, den wohltätigen Schutzgott seines Reiches zu nennen? Gleichwohl gab es unter den Gelehrten, unter den angeblichen Weisen der Nation solche Elende; und, was beinahe eben so erstaunlich ist, Isfandiar war fähig solchen Unsinn mit Vergnügen anzuhören, und die dreifachen Sklaven, welche die Verwegenheit hatten mit Wahrheit Tugend und Ehre ein so freches Gespötte zu treiben, auf der Stelle mit Belohnungen zu überhäufen, welche zu geben und verdient zu haben in gleichem Grade schändlich war. Konnte Isfandiar alles Gefühl von Recht und Unrecht so gänzlich verloren haben, um die ausschweifendsten Lobreden, Lobreden welche den bittersten Satiren so ähnlich tönten, ohne vor Scham zu vergehen, anzuhören? Und wenn er es konnte, wie unwürdig der menschlichen Gestalt musste der erst sein, den die Hoffnung eines ehrlosen Gewinsts fähig machte, die Sprache der Empfindung wissentlich zu missbrauchen, um einen weltkündigen Tyrannen in seiner Verhärtung zu bestärken! Was für Elende mussten es sein, welche solche Lobreden anhören konnten, ohne in allgemeinem Aufstand dem ungeheuern Lügner ins Gesicht zu widersprechen! welche sogar fähig waren, ihm lauten Beifall zuzuklatschen! Man muss gestehen, die Scheschianer verdienten einen König wie Isfandiar; und man braucht sich nur einen Augenblick vorzustellen, wer sie waren, um das Mitleid, welches der Anblick des Leidens unsrer Mitgeschöpfe natürlicher Weise in uns erweckt, in Freude über die Zerstörung einer so hässlichen Brut ausgearteter Menschen verwandelt zu fühlen."

5.

"Danischmend hat uns die Verdorbenheit der scheschianischen Nation so gross und so allgemein vorgestellt", sagte die Sultanin, "dass ich nicht begreife, wo er den Mann hernehmen will, der aus diesem Chaos eine neue Welt zu erschaffen fähig sein sollte. Dies bin ich wenigstens gewiss, dass dieser Mann sich nicht am hof zu Scheschian gebildet haben kann."

"Der beste unter allen sinesischen Königen36 bildete sich unter einem Strohdache", versetzte Danischmend. "Und wie hätte (sagt ein sinesischer Schriftsteller) der tugendhafte Landmann Chun nicht der beste unter den Königen werden sollen? Sein erster Stand hatte ihn vorher zum Menschen gebildet. Dies ist die Hauptsache. Wie wenige unter denjenigen, die von der Wiege an zu künftigen Herrschern erzogen werden, können sich dieses Vorteils rühmen!

Tifan, der Wiederhersteller seines Vaterlandes, Tifan, der Gesetzgeber, der Held, der Weise, der Vater seines Volkes, der geliebteste und der glücklichste unter allen Königen, – mit dessen geschichte ich im Begriff bin den Sultan meinen Herrn zu unterhalten, würde wahrscheinlicher Weise alles dies nicht gewesen sein, wenn er an dem hof seines Vetters Isfandiar, oder an irgend einem andern asiatischen hof seiner Zeit, wäre gebildet worden.

Von der natur selbst auf ihrem Schosse erzogen, fern von dem ansteckenden Dunstkreise der grossen Welt, in einer Art von Wildnis, zu einer kleinen Gesellschaft von unverdorbenen, arbeitsamen und mässigen Menschen verbannt, ohne einen Schatten von Vermutung, dass er mehr sei als der geringste unter ihnen, brachte er die ersten dreissig Jahre seines Lebens in einem stand zu, worin sein Herz, ohne es zu wissen, zu jeder königlichen Tugend gebildet wurde.

Dieses sonderbare Glück, ohne welches er schwerlich der Stifter der allgemeinen Glückseligkeit seiner Nation geworden wäre, hatte Tifan der Grausamkeit Isfandiars und einem andern eben so glücklichen als ungewöhnlichen Zufalle zu danken: nämlich, dem Umstande, dass seine erste Jugend dem einzigen tugendhaften mann, der vielleicht damals im ganzen Scheschian lebte, anvertraut worden war.

Isfandiar hatte bald nach seiner Tronbesteigung alle seine Brüder, nebst den Kindern, welche Temor, der einzige Bruder seines Vaters, hinterlassen hatte, aus dem Wege geräumt. Tifan, der jüngste unter den letzteren, war damals etwann sieben Jahre alt, und befand sich unter der Aufsicht eines bejahrten Visirs, den sein Vater vorzüglich geliebt hatte. Dschengis (so nannte man diesen Visir) hatte einen einzigen Sohn von gleichem Alter mit dem Sohne des Prinzen Temor; und das einzige Mittel, wodurch er das Leben des jungen Tifan retten konnte, war, seinen eigenen Sohn den von Isfandiarn abgesendeten Mördern Preis zu geben. Dschengis hatte den Mut, der Tugend ein so grosses Opfer zu bringen.

Er gab sein eigenes Kind hin, und zog sich mit dem jungen Tifan, der nun für seinen Sohn gehalten wurde, in eine unbekannte Gegend der mittäglichen Grenze von Scheschian zurück. Es war