1772_Wieland_107_82.txt

Vertrauten entdecken würde. Er tat es eine Stunde zuvor, ehe der Anschlag gegen das Leben des Sultans ausgeführt werden sollte. Es war um Mitternacht. Isfandiar, von wütendem Grimm über die Undankbarkeit eines Günstlings, für den er sich selbst aufgeopfert hatte, hingerissen, verschmähte den blossen Gedanken der Flucht. Der Emir, der ihm die Verschwörung entdeckte, hatte nicht vergessen, sich vorher eines Teils der Leibwache zu versichern. Von diesen und von allen, auf deren Treue er sich am meisten verlassen zu können glaubte, umgeben, befahl Isfandiar, den Verräter Eblis und die übrigen Zusammenverschwornen in Verhaft zu nehmen. Sie hatten sich eben an einem abgeredeten Orte versammelt, um zur Ausführung ihres Vorhabens zu schreiten, als sie gewahr wurden, dass sie verraten waren. Es brauchte nur einen Augenblick, um das Schreckliche ihrer Lage in seiner ganzen Grösse zu übersehen. Die Verzweiflung allein konnte ihnen den einzigen Ausweg öffnen, der noch möglich war. Sie entschlossen sich zum hartnäckigsten Widerstand. 'Der schrecklichste Tod ist uns gewiss', rief Eblis: 'mit den Waffen in der Hand können wir, im unglücklichsten Falle, nur sterben; aber es ist eben so wohl möglich, dass wir die Oberhand erhalten.' Wütend schlugen sie sich durch die Trabanten Isfandiars hindurch, drangen mit grossem Geschrei in den Palast ein, und stiessen alles nieder, was sich ihnen entgegen setzte. In wenigen Augenblicken war der ganze Palast in Aufruhr; die meisten schlugen sich auf die Seite der Verschwornen. Der Augenblick kam, da derjenige, zu dessen Füssen vor kurzem Millionen Sklaven im Staube sich wälzten, in angstvoller Betäubung nach hülfe, nach Mitleiden umher sah, und nicht einen einzigen fand, welcher Tugend genug gehabt hätte, seine Brust zum Schilde eines verabscheuten Königs zu machen. 'Ja', rief er den auf ihn eindringenden Verschworenen entgegen, 'ich will sterben, aber ich will nicht ungerochen fallen.' Mit diesen Worten stürzte er sich mit gezücktem Dolch auf Eblis hin; doch eh er ihn erreichen konnte, fiel er von unzähligen Stichen durchbohrt zu Boden. Inzwischen hatte der Lärm, den dieser wilde Auftritt im Palaste verursachte, einen grossen teil der Hauptstadt aus dem Schlaf erweckt. Das Volk stürmte haufenweise herbei. Dumpfes, grässliches Geschrei: 'Freiheit, Freiheit! weg mit dem Tyrannen und seinen Gehülfen!' schallte furchtbar durch die Hallen des Palasts. Eblis, mit dem haupt Isfandiars an der Spitze seines Schwerts, hoffte durch diesen Anblick die Raserei des Pöbels zu besänftigen: aber das abgerissene Haupt des Sultans in der Hand seines treulosen Günstlings zu sehen, dieser Anblick veränderte auf einmal den Gegenstand ihrer Wut. Der Verräter wurde in Stücken zerrissen. Alle die ihn verteidigen oder rächen wollten, fielen. Der Palast wurde geplündert und in Flammen gesetzt. Das Feuer ergriff einen teil der Stadt, und frass desto schneller um sich, da niemand daran dachte, seinen Verwüstungen Einhalt zu tun. Alle Greuel eines allgemeinen Aufruhrs vereinigten sich, die unglückliche Stadt Scheschian etliche Tage lang zu einem Schauplatz von Taten zu machen, von welchen die Menschlichkeit schaudernd ihr Antlitz wendet. Gleichwohl war dies alles nur der Anfang, und, so zu sagen, das Zeichen zur allgemeinen und völligen Auflösung aller Bande, wodurch die Nation bisher noch zusammen gehalten worden war. Isfandiar hinterliess keinen gesetzmässigen Tronfolger; denn er hatte seine Brüder und seine Neffen, die Söhne eines jüngern Bruders von Azorn, bald nach seiner Tronbesteigung unter verschiedenem Vorwande aus dem Wege geräumt. Die vornehmsten Städte des Reichs machten Anstalten sich in Freiheit zu setzen, konnten aber über die Gestalt der Verfassung, welche sie sich geben wollten, so wenig einig werden, dass sie entweder durch bürgerliche Unruhen zu grund gingen, oder bald diesem bald jenem von fünf oder sechs der mächtigsten Emirn, welche um die Krone stritten, sich unterwerfen mussten. Während dieses Streites, der mit aller Wut und Langwierigkeit eines Bürgerkrieges geführt wurde, erfuhr Scheschian die Drangsale der Anarchie zum zweiten Mal in einem Grade, der entsetzlich gewesen sein muss, da er mit der Stufe der Verderbnis, zu welcher die Nation herab gesunken war, in Verhältnis stand. Etliche Jahre lang schien alles Gefühl von Moralität in jeder Seele bis auf den letzten Funken erloschen zu sein, und den ungeheuern Leichnam des staates einer scheusslichen Verwesung überlassen zu haben. Auch würde dies, allem Ansehen nach, das Schicksal von Scheschian gewesen sein, wofern nicht der Schutzgeist der Menschheit zu einer Zeit, da man alle Hoffnung aufzugeben anfing, den unglücklichen Rest einer einst so grossen und blühenden Nation mit mitleidigen Augen angesehen hätte."

"Ich danke dir, Danischmend", sagte SchachGebal, "für die gute Justiz, welche du, zur Ehre des Trones und zur Warnung aller künftigen Isfandiarn und Eblissen (wenn anders die natur jemals wieder ihresgleichen hervorbringen sollte) an diesen Ungeheuern ausgeübet hast. Im übrigen will ich dir nicht verhalten, dass du uns eine Art von Genugtuung dafür schuldig bist, uns seit dem ehrlichen Ogul-Kan (der bei allem dem gleichwohl einige grosse Untugenden hatte) mit lauter namenlosen oder schwachen Königen unterhalten, und die Reihe zuletzt gar mit einem Taugenichts beschlossen zu haben, der in der Tat so hassenswürdig ist, dass der verdienstloseste unter seinen Vorgängern bloss dadurch, weil man gar nichts von ihm sagen kann, in Vergleichung mit ihm zu einem guten Fürsten wird. Es ist unangenehm einen so missgestalteten Charakter nur für möglich zu halten."

"Und noch unangenehmer