kläglichsten Verfalle lag, stiegen jene zu einem Grade von Vollkommenheit, wovon man in den zeiten der schönen Lili noch keinen Begriff hatte. Eblis triumphierte bei jeder gelegenheit über diese herrliche wirkung seiner Grundsätze. 'Was für Wunderwerke', pflegte er zu sagen, 'kann Hunger und Gewinnsucht tun! Ich biete allen Zauberern und Feen Trotz, mit allen ihren Stäben und Talismanen auszurichten, was ich ganz allein durch diese zwei mächtigen Triebräder der menschlichen natur bewerkstelligen will.'
In der Tat gewannen die meisten, welche Tag und Nacht für die Üppigkeit des scheschianischen Hofes arbeiten mussten, wenig mehr dabei als den notdürftigsten Unterhalt. Aber auch hier vergass Eblis seine Grundsätze nicht. Von Zeit zu Zeit erhielt ein Mann von Talenten (wie man diese Leute nannte) eine Belohnung, welche die Begierde der übrigen so heftig anfachte, dass sich Tausende in der Hoffnung eines ähnlichen Glückes zu tod arbeiteten. Indessen hütete man sich doch sorgfältig, kein Talent zu belohnen, bei welchem es nur im mindesten zweideutig sein konnte, dass es nicht etwann wegen eines Vorzugs in demjenigen, was die eigentliche Vollkommenheit desselben ausmacht, sondern bloss als ein Werkzeug der Üppigkeit Isfandiars und seiner Günstlinge belohnt werde.
Der beliebteste Maler, der Mann dessen Arbeit mit Entzücken angepriesen und mit Golde aufgewogen wurde, war nicht der grösste Meister in der Kunst; sondern derjenige, welcher leichtfertige Gegenstände auf die wollüstigste Weise zu behandeln wusste: und eine Sängerin, welche (in der Sprache dieses Hofes zu reden) albern genug war, nur durch die Vollkommenheiten einer schönen stimme und den Gebrauch derselben zum Ausdruck hoher Empfindungen und tugendhafter Leidenschaften gefallen zu wollen, hatte die Freiheit im Besitz einer frostigen Bewunderung unbedauert zu verhungern; während eine andre, durch die anziehende Kraft ihrer Augen, durch ein gewisses wollüstiges Girren und hinsterbende Töne, üppige Bilder in der Phantasie ihrer Zuhörer rege zu machen, mit einem unendlich kleinern Talent der Abgott der Leute von Geschmack war, und den Aufwand einer Prinzessin machen konnte.
Die Weissagungen der verdriesslichen Alten, welche dem scheschianischen Reiche von der goldnen Zeit der Königin Lili Unglück und Verderben angedrohet hatten, waren nun in ihre vollständigste Erfüllung gegangen. Der kleinste teil der Nation führte das Eigentum und den Erwerb des grösseren, gleich einem dem Feind abgejagten Raub, durch die ungeheuerste Verschwendung im Triumph auf. Ein grösserer teil suchte, durch seine Bereitwilligkeit im Dienste der Grossen jedes Laster zu begehen, sich ein Recht an das beneidete Glück, den Raub mit ihnen zu teilen, zu erwerben. Aber der grösste teil schmachtete in einem Zustande, den nur die lange Gewohnheit alles zu leiden und die sklavische Mutlosigkeit eines stufenweise zum Vieh herab gewürdigten Volkes, dem tod vorziehen konnte. Die Verderbnis der Sitten war so gross, dass selbst den wenigen, welche noch einen Überrest von Rechtschaffenheit, wie aus einem allgemeinen Schiffbruche, gerettet hatten, alle Hoffnung verging, dem Strom entgegen zu schwimmen. Alle Stände hatten ihre wahre Bestimmung vergessen, oder waren unfähig gemacht worden sie zu erfüllen. Die niedrigste Klasse hörte auf zu arbeiten; das Land und die Städte wimmelten von ungestümen Bettlern, welche ihren Müssiggang, zur Schande der Regierung, mit dem Mangel der Arbeit entschuldigten. Gleichwohl wurden die fruchtbarsten Provinzen des Reichs aus Mangel an Anbauung nach und nach zu Wildnissen. Die Gewerbe nahmen zusehens ab, der Kreislauf der Lebenssäfte des staates war allentalben gehemmt, und die Hauptstadt selbst, die schon so lange der Schlund gewesen war, in welchen alle Reichtümer desselben sich unwiderbringlich verloren hatten, stellte den empörenden Kontrast der äussersten Üppigkeit und des äussersten Elendes in einem Grade, der die Menschheit beleidigte, dar. Eine halbe Million hungernder Menschen schrie den Sultan um Brot an, wenn er sich in einem schimmernden Palankin zu einem seiner Grossen tragen liess, um den Ertrag etlicher Provinzen in einem einzigen abscheulichen Gastmahle verschlingen zu helfen – und der Lärm der Trompeten und Pauken, der dem unglücklichen volk die grausame Fröhlichkeit seiner Tyrannen ankündigte, machte ihr Murren, ihre Verwünschungen unhörbar. Die Grossen, die Günstlinge, Isfandiar selbst, konnten bei aller Bemühung, einander vorsetzlich zu verblenden, sich selbst die schreckliche Wahrheit nicht verbergen, dass sich das Reich seinem Untergang nähere. Auch mangelte es nicht an Vorschlägen und Entwürfen, den schädlichsten Missbräuchen abzuhelfen, das Finanzwesen zu verbessern, den Untertanen ihre Last zu erleichtern, den Fleiss wieder aufzumuntern, und so ferner. Aber die einzigen von diesen Entwürfen, die der Ausführung wert waren, wurden entweder als patriotische Träume verworfen, oder unter allerlei Vorwänden dem Privatvorteile gewisser Leute aufgeopfert. Einige angebliche Verbesserungen wurden zwar ins Werk gesetzt; aber sie bestanden in blossen Palliativen, welche die Ausbrüche des Übels eine Zeit lang verbargen, ohne die Wurzel desselben auszurotten. Die missverstandene Maxime, dass man dem allzu tief eingedrungenen Luxus nicht Einhalt tun könne, ohne die ganze Maschine des staates in die gefährlichste Stockung zu setzen, war immer die Antwort, womit sich diejenigen abfertigen lassen mussten, welche augenscheinlich bewiesen, dass es lächerlich sei, eine Krankheit, die man vorsetzlich ernährt, durch schmerzlindernde Mittel heilen zu wollen. Doch gesetzt auch, Isfandiar, da ihn endlich die ersten Erschütterungen des Trones, dessen Grundfeste untergraben war, geneigt machten, zu allen Rettungsmitteln die Hand zu bieten, gesetzt er hätte einen grossen, durchdachten, das Ganze umfassenden Entwurf einer allgemeinen Verbesserung unternehmen wollen: so mangelte es ihm an geschickten und redlichen Männern, denen er die Ausführung anvertrauen konnte. Wo hätte er solche Männer suchen sollen? In welcher