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und dass es sich in der Tat der Mühe nicht verlohnte mehr von ihnen wissen zu wollen.

Endlich wurde Schach-Gebal dieses Zwischenspiels überdrüssig.

"Ihr seid mir feine Leute", sagte Schach-Gebal. "Ich will die geschichte der Könige von Scheschian wissen, und man spricht mir seit sieben Tagen von nichts als von Kalendern. Bin ich etwa ein SchachRiar?"

Es versteht sich von selbst, dass es nur auf Seine Hoheit angekommen war, diese sieben Tage durch mit andern Gegenständen unterhalten zu werden. Aber, wie jedermann weiss, würde es sehr unhöflich gewesen sein, den Sultan etwas von dieser Reflexion merken zu lassen.

Danischmend setzte demnach seine Erzählung von Isfandiar und seinem Günstlinge folgender massen fort.

"Den grundsätzen des sinnreichen Eblis zu Folge war nichts unweiser, als ein so gefährliches Tier, wie er das Volk abmalte, reich werden zu lassen. Aber zum Unglück für die Scheschianer blieb die Bedeutung des Wortes reich so unbestimmt, dass Eblis die armen Leute, so lange sie noch etwas hatten, was sich, wenn das Wort Bedürfnis im engsten Sinne genommen wird, entbehren lässt, immer noch zu reich fand.

Der Adel in Scheschian war von Alters her ein Mittelstand zwischen dem Fürsten und dem volk gewesen. Die Könige hatten die edlen als ihre gebornen Räte und Gehülfen in der Verwaltung der besonderen Teile des königlichen Amtes betrachtet; und wiewohl das Ansehen des Adels unter dem tatarischen Stamme von Stufe zu Stufe nach eben dem Verhältnisse, wie das königliche stieg, gesunken war, so besass er doch wenigstens noch sehr schöne Überbleibsel seiner ehmaligen Vorzüge.

In allen Staaten, wo sich ein solcher Mittelstand zwischen dem Fürsten und dem volk befindet, hat man zu allen zeiten wahrgenommen, dass sich der Adel auf Unkosten des Volkes, und das Volk sich auf Unkosten des Adels zu vergrössern sucht. Jener, da er wenig Hoffnung hat, seine Rechte auf der Seite des Trones zu erweitern, sucht sich für seine Ergebenheit gegen denselben durch Anmassungen über die Rechte des Volkes zu entschädigen. Dieses, da es sich von allen Seiten gedrängt sieht, und leicht begreift, dass es dem Übergewicht des Trones am wenigsten widerstehen kann, wendet alles an, sich wenigstens die kleinen Tyrannen vom Halse zu schaffen, deren Joch desto verhasster ist, je weniger sie ihre Bedrückungen durch den Vorwand des allgemeinen Besten erträglicher machen können. Man gibt dem Fürsten williger, weil man weiss, dass die Sorgen für den ganzen Staat auf seinen Schultern liegen, und weil wenigstens die Vermutung vorwaltet, dass ein teil der öffentlichen Abgaben zu Bestreitung der öffentlichen Bedürfnisse angewandt werde. Aber alles was man denjenigen geben muss, welche, dem Könige gegen über, eben so demutsvolle Untertanen als die übrigen, in dem Bezirke hingegen, wo sie zu befehlen haben, kleine Monarchen vorstellen, sieht man als unbillige Erpressungen an, welche man seinen eigenen Bedürfnissen abbrechen muss, um den Stolz und die Üppigkeit einer Menschenklasse zu nähren, die man für sehr entbehrlich hält, weil der Vorteil, den sie dem Ganzen verschaffen, nicht sogleich in die Sinne fällt.

Die Könige haben von jeher sich dieser gegenseitigen Gesinnung des Adels und des Volkes zur Ausdehnung ihrer eigenen Gewalt gar meisterlich zu bedienen gewusst. Sie haben das Volk gebraucht den Adel niederzudrücken; und sobald dieser Zweck erreicht war, dem Adel, dessen Beistand sie gegen den besorglichen Übermut des Volkes vonnöten zu haben glaubten, die Werkzeuge seiner Unterdrückung Preis gegeben.

Da es zu spät war, wurde Volk und Adel gewahr, dass sie sich zu einer sehr albernen Rolle hatten gebrauchen lassen; dass in einem staat, wo das Volk im Besitze grosser Vorrechte ist, die Vorzüge des Adels dem Volk eben so heilig sein sollen, als seine eigenen; und dass jeder von diesen beiden Ständen nicht nur seine eigene, sondern die allgemeine Sicherheit und den öffentlichen Wohlstand untergräbt, wenn er die Rechte des andern zu schwächen oder seinen besonderen Nutzen auf Kosten des andern zu vergrössern sucht.

Die Scheschianer waren in diesem Stücke nicht vorsichtiger gewesen als viele andre Völker. Der Hof hatte sich ihre Torheit zu Nutze gemacht, weil das Interesse der Höflinge ist, die Autorität eines Herrn, der durch ihre Einflüsse regiert wird und in dessen Gewalt sie sich teilen, so unumschränkt zu machen als sie können. Sie überredeten die Königeund nichts kostet weniger Mühe als diese Überredung –, dass ein Fürst an Ansehen und Macht gewinne, was sein Adel und sein Volk an Freiheit und Reichtum verliere; und die guten Könige dachten gewiss an nichts weniger, als an die unfehlbare Folge der politischen Operation, wozu sie sich so leicht bereden liessen. Die Erfahrung musste sie belehren, dass ein Despot, dessen Adel aus Höflingen und dessen Volk aus Bettlern besteht, – ein Despot, dessen Städte ohne Einwohner sind, und dessen Ländereien brachliegen und verwildern; ein Despot, der anstatt über zwanzig Millionen glücklicher Menschen, über halb so viel träge, missvergnügte und mutlose Sklaven zu gebieten hat; – dass dieser Despot ein viel kleinerer Herr sei, als ein eingeschränkter Fürst, der nicht spitzfündig genug ist, einen Unterschied zwischen seinem Nutzen und dem Nutzen seiner Untertanen zu machen, sondern einfältiglich der stimme seines Menschenverstandes glaubt, die ihn versichert, dass es besser sei, der geliebte Vater von den Bewohnern eines kleinen Landes, als der gefürchtete Tyrann einer ungeheuern Einöde zu sein, in welcher hier und da noch hervorragende Trümmer das Zeugnis ablegen, dass einst Menschen da gewohnt haben,