um so viel eher überdrüssig, da ihn Lili und Alabanda angewöhnt hatten, von weiblichen Köpfen, aber von den feinsten und witzigsten weiblichen Köpfen, regiert zu werden.
Die Freiheit, worin die gefälligen Schönen seines Hofes ihn wider seinen und ihren Willen liessen, machte ihm sein Dasein zur beschwerlichsten Last. Mehr als einmal versuchte er's, die schöne Alabanda wieder so reizend und zauberisch zu finden, als sie es gewesen war: aber der unglückliche Erfolg seiner Bemühungen überzeugte ihn zuletzt, dass sie wirklich aufgehört haben müsse es zu sein; und wozu konnte es ihm helfen, das Unmögliche bewerkstelligen zu wollen?
In dieser Verfassung befand sich Azor, als es der persischen Tänzerin, deren bereits in dieser geschichte Erwähnung geschehen ist, gelang, ihn die Erfahrung machen zu lassen, dass er den ganzen Zirkel der Torheiten, zu welchen ihn die Schwäche seines Herzens fähig machte, noch nicht durchlaufen habe. Diese Kreatur hatte durch ihre Reizungen und durch die Freigebigkeit ihrer Verehrer Mittel gefunden, die Flecken ihres vormaligen Standes auszulöschen, und nach und nach sich bis zum Rang einer Vertrauten der Sultanin Alabanda empor zu schwingen. In dieser Stellung fand Gulnaze (so hiess die verwandelte Tänzerin) häufige Gelegenheiten, die Reizungen ihres Witzes und ihrer äusserst angenehmen Unterhaltung vor den Augen des Sultans auszulegen; Reizungen des Geistes, welche mächtig genug waren, in ihrer Gesellschaft vergessen zu machen, dass ihre ersten Liebhaber bereits ehrwürdige Graubärte vorstellten. Nicht als ob sie nicht noch immer liebenswürdig gewesen wäre; aber, nachdem sie sich einmal unter der Maske der Freundschaft in Azors Herz hinein gestohlen, würde sie es auch mit der Hälfte ihrer noch übrigen Annehmlichkeiten in den Augen eines so reizbaren Potentaten gewesen sein. Kurz, Azor, der ohne sie die lange Weile, die ihm Alabanda und alle andre Schönen seines Hofes verursachten, unausstehlich gefunden haben würde, machte auf einmal die Entdekkung, dass er nicht ohne Gulnaze leben könne. Unvermerkt hatte sie sich aller Zugänge seines Herzens bemächtiget; und eben so unmerklich wurde sie aus einer Vertrauten die unumschränkteste Beherrscherin seiner Neigungen. Keine ihrer Vorgängerinnen hatte so viel Gewalt über ihn gehabt; aber keine hatte ihn auch so wenig fühlen lassen, dass er Fesseln trug. Alabanda hatte ihn durch die Zauberkraft ihrer Reizungen beherrscht: Gulnaze regierte ihn durch die vollkommene Kenntnis der schwachen Seite seines Kopfes und seines Herzens. Was Wunder, dass ihre herrschaft vollständig und dauerhaft war!"
"Wohl angemerkt, Danischmend!" flüsterte Nurmahal lächelnd.
"Finden Sie das?" sagte der Sultan, indem er sie auf die Schulter klopfte.
"Der Eifer, den Gulnaze vor mehr als zwanzig Jahren, da ihr Einfluss nur noch mittelbar war, für die Sache des blauen Affen gezeigt hatte, verdoppelte sich jetzt, da das königliche Ansehen in ihren Händen lag. Die Blauen fassten neuen Mut, und glaubten zu den ausschweifendsten Hoffnungen berechtigt zu sein. Was die Neigung der Favoritin zu der neuen sekte am stärksten unterhielt, war der schlaue Einfall, den ein Ya-faou von den Freunden des Oberbonzen Kalaf gehabt hatte, eine Art von religiösen Festen zu erfinden, wobei die Sinne zum Behuf einer fanatischen Andacht auf die angenehmste Weise unterhalten wurden. Die Einführung derselben war der letzte tödliche Streich, welchen Kalaf den Feuerfarbnen beibrachte, deren Andachtsübungen mehr Finstres und Schreckendes als Angenehmes oder Herzrührendes hatten. Die Anzahl der Blauen vermehrte sich nun täglich; Azor selbst fand immer mehr Geschmack an den Andachten seiner Geliebten; und es währte nicht lange, so fielen alle andre Arten von Ergetzungen. Man lud einander auf eine Partie in der blauen Pagode ein, wie vormals zu einer Lustreise aufs Land oder zu einem Maskenball. Unvermerkt wurde ein gewisser Schnitt von Devotion ein unterscheidendes Merkmal der Hofleute, und jedermann, wer an Erziehung und Lebensart Anspruch machte, bestrebte sich, sie zu kopieren so gut er konnte. Wäre dies die schlimmste wirkung des Einflusses der schönen und devoten Gulnaze gewesen, so hätte man Ursache gehabt von Glück zu sagen; die Erheiterung des scheschianischen Aberglaubens möchte den Übergang zu einer gründlichen Verbesserung vielmehr befördert als gehindert haben. Aber die Lebhaftigkeit ihrer Leidenschaften erlaubte ihr nicht der Zeit zu überlassen, was sie durch Zwangsmittel in einem Augenblicke zu bewerkstelligen hoffte. Nicht zufrieden, die Feuerfarbnen so weit herunter gebracht zu haben, dass sie sich glücklich genug schätzten, wenn sie nur geduldet wurden, tat sie dem Tsao-Faou ein feierliches Gelübde, nicht eher zu ruhen, bis sie Scheschian von allen Anhängern seines Nebenbuhlers gereinigt haben würde. Ein königlicher Befehl diente zum Vorwand, alle, welche sich weigerten dem blauen Affen zu opfern, als Ungehorsame, und bei dem geringsten Widerstand als Aufrührer, mit einer Härte zu bestrafen, welche endlich den Blauen selbst anstössig wurde. Grausamkeiten, wovor der Menschlichkeit grauet, und wovon zu wünschen wäre dass sie ohne Beispiele sein möchten, wurden, ohne Azors Wissen, in seinem Namen ausgeübt, und sind das einzige was die letzten Jahre seiner Regierung der Vergessenheit entzogen hat; bis er endlich, beladen mit dem allgemeinen Hasse seines Volkes, zu spät für seinen Ruhm vom Schauplatz abtrat. Ein denkwürdiges Beispiel, dass ein Fürst mit allen Eigenschaften eines liebenswürdigen Privatmannes, mit wenig Lastern und vielen Tugenden, durch den blossen Mangel fürstlicher Eigenschaften so viel Böses stiften kann als der greulichste Tyrann. Azor war weder ehrgeizig noch begierig nach dem Eigentum seiner Untertanen, weder launisch, noch harterzig, noch grausam. Weit entfernt zu verlangen, dass seine unüberlegtesten Einfälle für