gelegenheit ihre Namen zu hören, dass die wenigsten sagen konnten, wie der regierende Sultan heisse. Wenn dieser Umstand der Nachwelt einen nur sehr mittelmässigen Begriff von den Verdiensten dieser Prinzen gibt: so muss man doch gestehen, dass ihre Zeitgenossen sich vielleicht nicht desto schlimmer dabei befanden. Das Stillschweigen der geschichte scheint wenigstens so viel zu beweisen, dass Scheschian unter ihrer unberühmten Regierung nicht unglücklich war; und nicht unglücklich sein, ist wenigstens ein sehr leidlicher Zustand" –
"Nur kann er nicht lange dauern", sagte Danischmend: "denn dieser leidliche Zustand scheint mir bei einem ganzen volk eben das zu sein, was bei einem einzelnen Menschen der Mittelstand zwischen Krankheit und Gesundheit ist; eines von beiden muss darauf erfolgen; entweder man wird wieder gesund, oder man schmachtet sich zu tod."
"Vielleicht würde dies der Fall der Scheschianer gewesen sein", fuhr Nurmahal fort, "wenn der letzte von diesen namenlosen Königen nicht das Glück gehabt hätte, eine Geliebte zu besitzen, durch welche seine Regierung eine der merkwürdigsten und glänzendsten in der geschichte dieses Reiches geworden ist."
"Vortrefflich!" rief Schach-Gebal mit einer Grimasse: "ich liebe die Könige, welche die Erwähnung, so die geschichte von ihnen tut, ihren Mätressen zu danken haben!"
"Ich muss nicht vergessen, Sire", sagte die schöne Nurmahal, "dass die Scheschianer in diesem Stück eine Gewohnheit haben, worin sie, so viel ich weiss, von allen übrigen Völkern des Erdbodens abgehen; eine Gewohnheit, welche die Zahl der namenlosen Könige bei allen Nationen beträchtlich vermehren würde, wenn sie allentalben eingeführt wäre. Nichts, was unter der Regierung eines Königes geschah, wurde dem Könige zugeschrieben, wofern er es nicht selbst getan hatte. Vortreffliche gesetz und Anstalten konnten gemacht, Schlachten gewonnen, Provinzen erobert, oder (was wenigstens eben so gut ist) erhalten und verbessert werden, ohne dass der Ruhm des Königes den kleinsten Zuwachs dadurch erhielt. Alles was geschah, Gutes oder Böses, wurde demjenigen zugeschrieben der es getan hatte; und der König, der nichts getan hatte, war und blieb ein namenloser König, gesetzt auch, dass zu seiner Zeit die grössten Dinge in seinem Reiche geschehen wären."
"Nichts kann billiger sein", sagte der Sultan. "Jedem das Seine! Einem Fürsten das Gute zuschreiben, das seine Minister tun (ich nehme den Fall aus, wo sie bloss die Werkzeuge, oder so zu sagen die Gliedmassen sind, durch welche er, als die Seele des ganzen Staatskörpers, wirket) wäre eben so viel, als ihm ein Verdienst aus der Fruchtbarkeit seiner Länder zu machen, weil er die Sonne scheinen und Regen fallen lässt."
Nurmahal, Danischmend und der junge Mirza erteilten dieser Anmerkung ihren Beifall in vollem Masse, und mit aller der Bewunderung, welche sie um so mehr verdiente, da sie wirklich uneigennütziger war, als Schach-Gebal selbst sich vielleicht schmeicheln mochte.
"Der gute König von Scheschian", fuhr Nurmahal in ihrer Erzählung fort, "der zu dieser in dem mund eines grossen Monarchen so preiswürdigen Anmerkung gelegenheit gegeben hat, was auch sein Name gewesen sein mag, verdient wenigstens das Lob eines guten Geschmacks in der Wahl seiner Günstlinge; denn die schöne Lili, seine Favoritin, war aus allem, was eine person unsers Geschlechtes liebenswürdig machen kann, zusammen gesetzt. Und sollten ihr auch die Dichter, Maler, Bildhauer und Schaumünzenmacher ihrer Zeit geschmeichelt haben, so ist doch nicht zu leugnen, dass die Nation Ursache hatte, ihr Andenken zu segnen. Niemals ist eine grössere Gönnerin der Künste gewesen, als die schöne Lili. Sie führte den Seidenbau in Scheschian ein, und zog eine Menge persischer, sinesischer und indischer Künstler herbei, welche durch ihren Vorschub alle Arten von Manufakturen zu stand brachten. Die Scheschianer lernten unter ihrer Regierung – dies ist der eigene Ausdruck der Geschichtschreiber – Bequemlichkeiten und Wollüste kennen, von welchen die meisten noch keinen Begriff gehabt hatten. Man glaubte ihr den Genuss eines neuen und unendliche Mal angenehmern Daseins zu danken zu haben. Sie brachte die Schätze in einen belebenden Umlauf, die in den Schatzkammern der vorigen Könige, wie die Leichen der Pharaonen in ihren Pyramiden, auf eine unnützlich prahlerhafte Weise begraben lagen. Ihr Beispiel reizte die Grossen und Begüterten zur Nachahmung. Die Hauptstadt bildete sich nach dem hof, und die Städte der Provinzen nach der Hauptstadt. Erfindsamkeit und Fleiss bestrebten sich in die Wette, den ganzen Staat in eine so lebhafte als heilsame Tätigkeit zu setzen; denn Erfindsamkeit und Fleiss war der gerade Weg zu Überfluss und Gemächlichkeit, und wer wünscht nicht so angenehm zu leben als möglich? Die wohltätige Lili machte die Einwohner von Scheschian auch mit den Reizungen der Musik und der Schauspiele bekannt; und so nachteilig in der Folge alle diese Geschenke ihrem Wohlstande wurden, so unleugbar ist es, dass sie anfangs eine sehr gute wirkung taten. So wie sich das Gefühl der Scheschianer verfeinerte, so verschönerten sich auch zusehens ihre Sitten. Man wurde geselliger, sanfter, geschmeidiger, man vertrug sich besser, man lernte sich mit einander freuen, und fühlte sich selbst desto glücklicher, je grösser die Menge der Glücklichen war, die man um sich sah, und so weiter; – denn es würde sehr unnötig sein, Ihrer Hoheit alle die guten Wirkungen des Geschmacks und der Künste vorzuzählen, von welchen Sie Selbst ein so grosser Kenner und Beförderer sind. Freilich gab es