Eingriffe in seine Rechte mit der kaltblütigsten Gleichgültigkeit, zur andern gerät es über die unbedeutendste Kleinigkeit in Feuer; heute kann man alles von ihm erhalten, morgen vielleicht gar nichts. Die Scheschianer hatten sich in einigen ruhigen Jahren völlig wieder hergestellt; Akbars Prachtliebe, und die grossen Werke, wodurch er alle Arten von Künstlern und Arbeitern in Beschäftigung und ungeheure Summen in den schnellsten Umlauf setzte, machten seinen Namen und seine Regierung der Nation beliebt; der allgemeine Wohlstand, der für den Augenblick dadurch befördert wurde, erhöhte ihren Mut, und machte sie geneigt, dem Fürsten, und den seinem Beispiele nacheifernden Grossen einen teil dessen, was sie von ihnen gewannen, ohne eine allzu genaue Berechnung wieder zu geben. Überdies hielt man es für billig, dass der Adel, der im Kriege sich um die Nation verdient gemacht und zum teil wirklich viel dabei eingebüsst hatte, belohnt und entschädiget würde; und die Priesterschaft stand, ihrer Weisheit und reinen Sitten wegen, in einem so hohen Ansehen bei dem volk, dass es von freien Stücken noch mehr für sie zu tun geneigt war als Akbar vorschlug. Bei allem dem fehlte es doch hier und da nicht an Widerspruch und Missvergnügen, und viele Alte, die von ihren Vätern das Glück der zeiten Tifans rühmen gehört hatten, weissagten der Nachkommenschaft wenig Gutes von der kühnen Anmassung, eine Konstitution, welche mehr das Werk einer wohltätigen Gotteit als eines Sterblichen schien, so leichtsinnig verbessern zu wollen. Aber sie wurden überstimmt, und manche Generation ging vorbei, ehe die Folgen der Übel, zu welchen jetzt der Grund gelegt wurde, den Scheschianern zu spät die Augen öffneten.
Es bedarf vielleicht vieler Jahrhunderte, bis so ein Gebäude, wie Tifan errichtet hatte, vor Alter und Baufälligkeit zusammen sinkt. Gleichwohl hätte dieser Augenblick endlich kommen müssen; denn dass eine unzerstörbare Staatsverfassung unter die unmöglichen Dinge gehöre, ist noch von niemand geleugnet worden."
"So hätte ich grosse Lust der erste zu sein", sagte Gebal lachend. "Warum wär es denn so unmöglich, ein Staatsgebäude aufzuführen, das wenigstens eben so dauerhaft wäre als die Pyramiden in Ägypten, die schon einige tausend Jahre stehen, und wahrscheinlich so lange stehen werden, als der Elefant, der die Erde trägt, auf der grossen Schildkröte, und die Schildkröte auf der zusammen geringelten Schlange?"
"O gewiss", sagte Danischmend: "man brauchte zur Aufführung eines solches staates nur die Pyramiden zum Muster zu nehmen. Auch ist dies, dünkt mich, bei unsern östlichen Staatsverfassungen bereits geschehen; und es erklärt sich daraus, warum, zum Beispiele, das sinesische Reich, wiewohl es schon so oft durch Eroberung unter fremde Oberherren gekommen ist, dennoch seine innere Verfassung bei jeder Revolution unverändert erhalten hat. Ich hätte mich also genauer ausdrücken, und sagen sollen, dass meine Behauptung nur von Staaten gelte, deren Bürger (wie die Scheschianer unter Tifan) freie Menschen sind. Ich zweifle sehr, ob für solche jemals eine bessere Konstitution als die Tifanische diesseits des Mondes gesehen worden ist; und doch ist leicht zu zeigen, dass gerade in dem was ihre Vortrefflichkeit ausmachte, die Ursache ihres Untergangs lag."
"Wie käme das?" fragte der Sultan mit einer ironischen Miene von unglaubiger Verwunderung.
"Die Tifanische Konstitution", antwortete Danischmend, "gründete sich einer Seits auf die Einschränkung der Monarchie durch eine solche Verteilung der höchsten Gewalt zwischen dem König, dem Adel und den Stellvertretern des volkes, wodurch keines dieser politischen Gewichte, von deren richtigem Zusammenwirken der Wohlstand des staates abhing, ein merkliches Übergewicht über die andern sollte erhalten können; andrer Seits auf die Güte der Sitten, und auf eine Kultur, wodurch Tifan die Dauer seiner gesetz zu einer natürlichen Folge der freien Überzeugung des Volkes von ihrer einleuchtenden Vernunftmässigkeit zu machen hoffte. Auf diesen zwei Hauptpfeilern ruhte sein ganzes Gebäude; aber jeder dieser Pfeiler selbst stand auf einem sandigen grund, der unter einem so schweren Gewicht unvermerkt weichen musste. Niemals wird in irgend einem staat derjenige, der mit irgend einem Anteil an Macht und Ansehen bekleidet ist, sich lange in der Einschränkung halten, die ihm das Gesetz vorgeschrieben hat. Gibt das Gesetz die höchste Gewalt in die Hand eines Einzigen; so wird dieser einzige nicht ruhen, bis er sich über das Gesetz erhoben, und es dahin gebracht hat, dass sein Wille, nicht der allgemeine, das höchste Gesetz ist. Verteilt es dieselbe unter mehrere durch einander eingeschränkte Mächte; so wird jede von ihnen, so gut wie jener einzige, sich so lange auszudehnen streben, bis sie den Damm, der sie einzwängen soll, durchbrochen hat: und ist das Gesetz einer jeden, für sich allein, zu mächtig; so werden sie sich gegen dasselbe vereinigen, oder in geheime Unterhandlungen mit einander treten, und – unter der Bedingung sich in die Vorteile, die sich keine allein zuzueignen vermag, brüderlich zu teilen – die schicklichsten Mittel das Gesetz unkräftig zu machen mit einander abreden. Dieser Umstand ist für sich allein schon mehr als hinlänglich, den immer zunehmenden Verfall und endlich, die gänzliche Auflösung jeder politischen Gesellschaft zu bewirken: aber auch ohne ihn würde bloss die Kultur (ich meine eine solche, wozu Tifan durch seine gesetz den Grund legte) mit der Zeit die nämliche wirkung hervorbringen."
"Danischmend ist heute zu paradoxen Behauptungen aufgelegt", sagte der Sultan: "aber ich sehe ihn kommen" –
"Ihre Hoheit halten mir zu Gnaden"