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zu nichts dienen, als die Manufakturen und den Handel zu kränken und zu hemmen, welche doch von einer weisen Regierung auf alle nur ersinnliche Art aufgemuntert werden. Auf der andern Seite blieb die Einführung fremder verarbeiteter Waren aus einem doppelten grund frei: erstens, weil die scheschianischen wohlfeiler und besser waren; und dann, weil Tifan die begüterten Scheschianer durch ein solches Verbot nicht unnötiger Weise zum Ungehorsam reizen wollte. Die Einführung aber solcher rohen Waren, an welchen sein Land Mangel hatte, mit Abgaben zu belegen, hielt er für unschicklich, weil es vorteilhafter war, sie zum Behuf der einheimischen Manufakturen und Gewerbe auf alle mögliche Weise zu begünstigen. Endlich hatte Tifan noch einen vortrefflichen Grund für die Abschaffung aller arbeiten von Abgaben, ausser der einzigen monatlichen Steuer; und dieser warweil der Staat ihrer nicht vonnöten hatte. Denn zu allen gewöhnlichen Ausgaben reichten die ordentlichen Einkünfte zu; und bei ausserordentlichen Erfordernissen waren die Stände bereit, dem König alles zu bewilligen was er nötig haben konnte."

"Tifan hatte doch auch ein Kriegsheer?" fragte Schach-Gebal.

"Die nötige Beschützung eines so weitläufigen Reiches erforderte nicht weniger als ein stehendes Heer von zweimal hunderttausend Mann, welche gut diszipliniert und besoldet waren, aber ihren Unterhalt, wie billig, dem staat durch die friedsamen Dienste abverdienten, wozu sie sich (da ein ununterbrochener Friede ihre arme zur Verteidigung desselben unnötig machte) gebrauchen lassen mussten. Landstrassen, dergleichen man erst in spätern zeiten unter der Römer herrschaft wieder sah, schiffbare Kanäle zum Vorteil des einheimischen Handels, abgeleitete Flüsse, ausgetrocknete Sümpfe, ausgestockte Wälder und dergleichen, waren die rühmlichen Beweise, dass Tifan wusste, wozu zweimal hunderttausend starke, wohl genährte Müssiggänger brauchbar sind."

"Abermal ein Notabene in Eure Schreibtafel gemacht, Herr Danischmend", sagte der Sultan. "Man lernt doch immer etwas, woran man nicht gedacht hatte. Dieser Tifan war wirklich ein Mann, wieich einen Minister haben möchte!"

"Ausserdem machte er" –

"Gut, gut", rief der Sultan: "er hat die Miene noch sehr viel gemacht zu haben; aber für heute genug!"

13.

Danischmend hatte sich vorgesetzt, den Sultan seinen Herrn das nächste Mal noch mit verschiedenen Anordnungen Tifans, die sich auf die Staatswirtschaft in Scheschian bezogen, zu unterhalten: aber SchachGebal, dem, sobald er ihn ansichtig wurde, die zweimal hunderttausend starke wohl genährte Müssiggänger wieder zu kopf stiegen, liess ihm keine Zeit dazu. "Herr Danischmend", sagte der Sultan, "bei gelegenheit der Müssiggänger, von welchen gestern die Rede warwas machte wohl mein guter Bruder Tifan mit der ungeheuern Menge von Ya-faou, die, wenn ich mich noch recht erinnere, unter dem schwachen Azor das Land ausfressen halfen? Und was wurde aus den blauen und feuerfarbnen Bonzen überhaupt? Ihr wisst, ich interessiere mich für die guten Leute, und ich will keinen Augenblick länger über ihr Schicksal in Ungewissheit schweben."

"Eh ich Ihre Hoheit über die erste Frage befriedigen kann", war Danischmends Antwort, "muss ich bemerken, dass eine von Tifans ersten Sorgen war, die Bewohner seines Staates zu klassifizieren, und sowohl die Pflichten als die Gerechtsamen einer jeden Klasse genau zu bestimmen. Ein grosser teil seines Gesetzbuches ist mit diesem wichtigen Gegenstand angefüllt. Die Landleute, das ist, alle, die sich mit dem Feldbaue, der Viehzucht, und irgend einem andern zur Landwirtschaft gehörigen Teile hauptsächlich beschäftigten, machten den grössten teil der ersten Klasse aus. Sie genossen der Ehre, dass der König selbst zu ihrer Zunft gehörte, indem er, zum öffentlichen Zeichen, dass der Bauerstand, als die wahre Grundlage der ganzen bürgerlichen Gesellschaft, vorzüglich ehrenwert sei, jährlich an einem der ersten Frühlingstage in eigener person einen Baum pflanzte, und ein Stück Feldes ackerte. Dieser Tag, mit welchem alle Feldarbeiten in Scheschian angefangen wurden, war einer ihrer höchsten Festtage, und der oberste Vorsteher jedes Ortes durch das ganze Reich war verbunden an demselben das nämliche zu tun was der König, dessen person er bei dieser feierlichen Handlung vorstellte. Die Landleute in Scheschian genossen durch Tifans Gesetzgebung aller Vorzüge frei geborner Bürger: und wiewohl sie grossen Teils eine Art von Pachtern der Edelleute oder des Königs selbst waren; so machten sie doch durch die Befreiung von aller willkürlichen und tyrannischen Gewalt, und durch die Mässigkeit der Abgaben, die sie dem Staat und ihren Grundherren zu entrichten hatten, ohne Zweifel die glücklichste Klasse der Einwohner von Scheschian aus; besonders in einigen Provinzen, wo ein milderer Himmel den Geist der Freude und der sanfteren Gefühle über das Landvolk ausgegossen hatte, und die ungemeine Fruchtbarkeit der natur ihre arbeiten beinah in Spiele verwandelte.

Die zweite Klasse, die aus allen den Bürgern bestand, welche sich mit den Handwerken und mechanischen Künsten beschäftigten, und in den Flecken und Städten ihren eigentlichen Sitz hatten, war zwar, besserer Ordnung wegen, in so viele besondere Zünfte, als es verschiedene Arten der mechanischen Künste und Hantierungen gibt, abgeteilt: aber alle alte Gebräuche oder gesetz, welche die Ausübung derselben mit einem Zwange belegten, der das Talent fesselte, den Fleiss niederschlug, und den Fortgang der Kunst hemmte, fanden eben so wenig Schutz bei Tifan als die anmasslichen Freiheiten, wodurch jedes Handwerk ehmals ein kleiner Staat im staat und berechtiget gewesen war, alle übrige Bürger nach Gefallen zu bedrücken. Tifans hauptsächliches Augenmerk bei der Polizei dieser Klasse war, auf