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Tifans Verordnung, so lange auf dem nämlichen Fuss angesetzt blieben, bis der König und die Stände der Nation gemeinschaftlich eine Erhöhung desselben dem staat zuträglich oder notwendig finden würden; teils auf alle einzelne Bewohner des staates (mit Ausnahme der Dienstboten und der Kinder in den untersten Klassen), deren jeder, nach der Klasse zu welcher er gehörte, mit einer unveränderlichen Schatzung belegt war. Da nun alle Monate ein genaues Verzeichnis aller Gebornen und Gestorbenen jedes Ortes an die Vorsteher jeder Provinz, und von diesen jedesmal nach Verfluss dreier Monate an den Hof eingeschickt werden musste: so war nichts leichter, als die Berichtigung dessen was jede Provinz monatlich zu bezahlen hatte. Und weil keine Reste geduldet, sondern in gewissen Fällen, wo das Unvermögen des Kontribuenten erweislicher massen unverschuldet war, der monatliche Ansatz lieber gänzlich erlassen wurde: so ging die ganze Operation immer in gleicher Ordnung fort, liess sich immer gleichsam mit Einem Blicke übersehen, und war von allen nachteiligen Folgen einer verwickeltern Art von Einrichtung frei."

"Herr Danischmend", sagte der Sultan, "es wäre sehr viel über diese Sache zu sprechen. Simplizität ist in allen mechanischen Veranstaltungen eine schöne Eigenschaft. Aber Tifans Finanzeinrichtung setzt etwas voraus, welches sich nirgends als in einem idealen staat voraussetzen lässt. Wenn nicht alle seine Kontribuenten und Einnehmer die ehrlichsten Leute von der Welt waren, so wollte ich ihm keinen küpfernen Baham um seine ganze Operation gegeben haben."

"In der Tat", erwiderte Danischmend, "ist Tifans ganze Gesetzgebung und Staatsverwaltung auf die Sitten gebaut; aber man muss auch gestehen, dass er nichts unterlassen hat, um seinen Untertanen Sitten zu geben. Liebe zum vaterland, zu den Gesetzen, zur Ordnung, waren Tugenden, zu welchen die Scheschianer unter seiner Regierung von Kindheit an gebildet wurden. Die Verbindung des Begriffs der Ehre mit der genauesten Erfüllung jeder bürgerlichen Pflicht, und des Gefühls der Schande mit jeder Unterlassung derselben wurde ihnen zuletzt so natürlich und mechanisch, dass der gemeinste Mann, im Notfall, sich lieber etwas von seiner Nahrung entzogen als der Schande sich ausgesetzt hätte, zur Entrichtung des Beitrags, den er dem staat schuldig war, mit Gewalt angehalten zu werden. Was die Einnehmer der Staatseinkünfte betrifft, so wurden sie aus einer Klasse gezogen, bei welcher das Gefühl der Ehre eine vorzüglich starke Triebfeder ist. Aber wenn es auch bei einigen weniger wirksam gewesen wäre, so war es, nach Tifans Einrichtung, nicht leicht sich einer Untreue schuldig zu machen, und sehr schwer unentdeckt zu bleiben. In diesem Falle wartete eine äusserst schimpfliche Strafe auf sie; und so wie Tifan die Scheschianer gewöhnt hatte, gab es wenige, welche nicht lieber das Leben als ihre Ohren hätten verlieren wollen.

Es ist vielleicht niemals eine Monarchie gewesen, worin die Untertanen der Schatzkammer weniger bezahlt hätten, als die Scheschianer unter Tifan und seinem ersten Nachfolger. Aber der Hauptgrundsatz, worauf dieser Fürst seine Staatsökonomie gründete, war: Der höchste Wohlstand eines so grossen Staates als der scheschianische hange von der möglichsten Bevölkerung ab; die möglichste Bevölkerung von der Leichtigkeit Unterhalt zu finden; diese von dem möglichst geringen Preise aller Erfordernisse des Lebens; und das letztere zu erzielen, hielt er für das einfachste Mittel, die Abgaben des Volkes so leicht zu machen als möglich, die unentbehrlichsten Lebensmittel hingegen auf einen festen Preis zu setzen, welchen die Eigentümer der Ländereien, ohne ausdrückliche Bewilligung des Königs und der Stände, nicht erhöhen durften.

Während der Regierungen Azors und Isfandiars hatten die Scheschianer, unter unzähligen Titeln und Rubriken, welche zu unzähligen Bedrückungen des Volkes Anlass gaben, nach und nach vierzig, dann funfzig, und zuletzt sechzig bis siebzig vom Hundert ihres jährlichen Einkommens oder Verdienstes abgeben müssen. Tifan schaffte alle diese Rubriken ab. 'Ein Fürst', sagte er, 'der alles, was seine Untertanen besitzen, für sein Eigentum ansieht, mag wohl vonnöten haben, auf Kunstgriffe zu denken, wie er sich desselben auf die unmerklichste Art bemächtigen wolle; und freilich ist ein Unterschied, ob ich einen Körper durch kleine aber oft widerholte Ausleerungen langsam abmergele, oder ob ich ihm sein Blut auf Einmal abzapfe: aber am Ende erfolgt in jenem Falle was in diesem; ein wenig Zeit ist alles was man dabei gewinnt. Nach meinen grundsätzen' (fügte er hinzu) 'ist die Frage niemals, was ist des Hofes Interesse? Aber, wenn ich auch, wie Isfandiar, alle Einwohner von Scheschian mit den Rindern und Schafen auf den Triften meiner Kammergüter in die nämliche Klasse setzte, so müsste ich dennoch anders mit ihnen verfahren als Isfandiar. Bin ich mit hunderttausend Untertanen, deren jeder mir, ohne sich zu entkräften, dreimal so viel geben könnte, als ich von ihm fordre, nicht unendliche Mal reicher als mit funfzigtausend Bettlern, die mir endlich nichts mehr zu geben haben, als die Haut die noch um ihre marklosen Knochen hängt?'

Ausser den besagten Personal- und Vermögenssteuern hatte die Schatzkammer in Scheschian keine Einkünfte. Alle Zölle auf ein- und ausgeführte Waren waren mit Tifans wirtschaftlichen Begriffen unverträglich. Getreide und andere Naturalien, oder unverarbeitete Waren in fremde Länder auszuführen, war bei angemessnen Strafen verboten: denn der erstern hatte ein so weitläufiger und volkreicher Staat wie Scheschian für sich selbst vonnöten, und ohne die äusserste Verarbeitung aller möglichen Produkte der natur würde es unmöglich gewesen sein, ein unzählbares Volk hinlänglich zu beschäftigen. Hingegen konnte, seiner Meinung nach, ein Zoll auf die ausgeführten verarbeiteten Waren