Die Gelehrten hatten – Menschenverstand, die Kaufleute – Gewissen, und (was Ihre Hoheit zu glauben Mühe haben werden) sogar die Priester – Verträglichkeit und Menschenliebe."
"Nun wahrhaftig", rief Schach-Gebal, "wenn dies nicht durch Feerei zuging, so möchte ich wohl wissen, wie Tifan es machte, solche Verwandlungen zu bewerkstelligen!"
"Durch die einfachste und natürlichste Operation von der Welt", sagte Danischmend – "vorausgesetzt, dass ein Fürst die Macht, die Einsichten und den guten Willen Tifans, und einen Ratgeber wie Dschengis habe – mit Einem Worte: durch gute gesetz.
Dieser erhabenste teil des königlichen Amtes, und in den damaligen Umständen Scheschians der wichtigste, beschäftigte den Sultan Tifan in den ersten Jahren seiner Regierung mehr als alles übrige. Er bediente sich hierbei anfangs fast ganz allein der Beihülfe seines alten Freundes. Denn so ein weitschichtiges Werk die Gesetzgebung für ein ganzes Volk ist, so schickt sich doch kein andres Geschäft weniger dazu, von vielen Köpfen bearbeitet zu werden.40
Die erste Frage war: Ob man sich begnügen sollte, die alten gesetz und Gewohnheiten des Reichs zu verbessern, oder ob zu Erzielung der allgemeinen Wohlfahrt eine ganz neue Gesetzgebung vonnöten sei?
Dschengis war für die letzte Meinung. 'Ein altes, übel gebautes und beinahe schon gänzlich zerfallnes Gebäude', sagte Dschengis, 'muss nicht geflickt, es muss vollends eingerissen, und nach einem bessern Plane neu aufgeführt werden.'
Nach diesem Begriffe arbeiteten Tifan und Dschengis das Gesetzbuch aus, dessen ich gestern bereits erwähnte; und sobald, mit Zuziehung eines Ausschusses der rechtschaffensten Männer, welche die Regierung Tifans aus der Verborgenheit hervor gelockt hatte, die letzte Hand daran gelegt worden war, wurde es im dritten Jahre Tifans öffentlich kund gemacht, und – weil der König Mittel gefunden hatte, den ansehnlichsten teil der Priesterschaft auf seine Seite zu bringen – ohne einigen Widerstand in allen Provinzen des Reiches eingeführt."
"Du verstehst unter der Priesterschaft vermutlich keine andre", sagte Schach-Gebal, "als die Priester des blauen und des feuerfarbnen Affen. Wir kennen diese Herren; und ich begreife alles eher, als wie es Tifan anfing, um sie auf die Seite der gesunden Vernunft zu bringen. Dein Tifan konnte ein wenig hexen, das lass ich mir nicht ausreden!"
"Freilich trugen die Umstände vieles bei, sein Unternehmen zu erleichtern", versetzte Danischmend. "Die ältesten und eifrigsten Verfechter beider Parteien waren teils durch die Verfolgung unter Isfandiarn, teils durch die bürgerlichen Unruhen aufgerieben worden. Die jungen Priester, welche nun den grössten teil des Ordens ausmachten, glaubten an die Gotteit des blauen oder feuerfarbnen Affen nicht stärker als die ehmaligen ägyptischen Priester an die Gotteit des Apis und des Krokodills; hingegen hatten sie grosse Ursache zu glauben, dass der Rest von Ansehen, worin sie noch bei dem volk standen, in kurzem völlig verschwinden würde, wenn sie sich der gesunden Vernunft und dem gemeinen Besten, welche offenbar aus Tifans ganzer Gesetzgebung atmeten, entgegen stemmen wollten. Zudem hatte man nicht vergessen, sie in den geheimen Unterhandlungen, welche vorher mit ihnen gepflogen wurden, zu überzeugen, dass sie bei der neuen Einrichtung mehr gewinnen als verlieren würden; und wirklich machte sie die neue Gesetzgebung zu einer so unentbehrlichen, ehrwürdigen und in jeder Betrachtung so glücklichen Klasse, dass sie, ohne offenbar wider sich selbst und den Staat zugleich zu arbeiten, sich nicht entbrechen konnten die Absichten des Königs zu befördern.
Das Buch der Pflichten und Rechte wurde also" – –
"Ohne Unterbrechung, Herr Danischmend", rief der Sultan, "besitzt Ihr ein Exemplar von diesem buch?"
"Bisher", antwortete der Philosoph, "hab ich unter allen indianischen Handschriften in der Bibliotek Ihrer Hoheit weiter nichts als einen unvollständigen Auszug davon hervor stochern können, der aber, wie es scheint, von guter Hand herrühret. Indessen halte ich's für keine Unmöglichkeit, dass sich nicht in irgend einem Teile der Welt das Buch selbst oder wenigstens eine Übersetzung davon auftreiben lassen sollte."
"Ich zahle zehntausend Bahamd'or um ein vollständiges Exemplar davon", sagte Schach-Gebal.
Danischmend war nicht geldgierig; und wenn er es auch gewesen wäre, so kannte er den Sultan seinen Herrn. Ich zahle zehntausend Bahamd'or für dies Buch, wollte in seiner Sprache weiter nichts sagen, als: Weil es, wie ich höre, nicht zu haben ist, so möchte ich es haben, es koste was es wolle!
Der Philosoph versprach also – nicht, das Unmögliche zu versuchen (wie man bei einer gewissen Nation, die in allen ihren Komplimenten sehr hyperbolisch ist, zu sagen pflegt), aber doch, alles Mögliche anzuwenden, um die preiswürdige Neugier Seiner Hoheit zu befriedigen. "Inzwischen", fuhr er fort, "da es gleichwohl ungewiss ist, ob dieses Buch überhaupt noch in der Welt zu finden sein mag, so wird es Ihrer Hoheit, wie ich hoffe, nicht zuwider sein, aus dem besagten Auszug einen ziemlich umständlichen, und, wenn mich nicht alles betrügt, interessanten Begriff von den vornehmsten Gesetzen und Anordnungen des Königs Tifan zu erhalten."
"Keinesweges", sagte Schach-Gebal: "je eher, je lieber!"
"Das ganze Gesetzbuch war in zwei Hauptteile abgeteilt. Der erste begriff die Pflichten und Rechte des Königes; der andere die Pflichten und Rechte der Nation, sowohl überhaupt, als