Standes, mir das gemeine Beste befördern zu helfen, würden alle meine Bemühungen fruchtlos sein. Vergebens würde ich mich unter den Sorgen für euer Glück verzehren, wenn ihr nicht so lebhaft als ich selbst von der grossen Wahrheit überzeugt wäret: dass ohne Liebe des Vaterlandes, ohne Gehorsam gegen die gesetz, ohne Emsigkeit in den Pflichten unsers Berufes, ohne Mässigung unsrer Begierden und Leidenschaften, kurz ohne Tugend und Sitten, keine Glückseligkeit möglich ist. Euch und eure Kinder zu guten Menschen und zu guten Bürgern zu machen, soll mein erstes und angelegenstes Geschäft sein; und mein Beispiel soll euch überzeugen, dass euer König der erste Bürger von Scheschian ist. Euer Vertrauen zu meiner Tugend hat mir eine eben so unumschränkte Macht anvertraut, als die Könige, meine Vorfahren, besessen haben: aber ich kenne die Menschheit zu gut, um von dieser gefährlichen Macht einen andern Gebrauch zu machen, als mir selbst und meinen Nachfolgern die Schranken zu setzen, die zu unsrer beiderseitigen Sicherheit vonnöten sind. Der beste König kann seiner Pflicht vergessen; ein ganzes Volk kann sein eigenes Bestes misskennen. Ich würde das Amt, für das eurige zu sorgen, schlecht verwalten, wenn ich euern Königen die Macht benehmen wollte, die einem Vater über seine Kinder zusteht. Aber ich würde auch in dem ersten Augenblicke, da ich euer König bin, meiner Menschheit vergessen, wenn ich nicht auf Mittel bedacht wäre, mir selbst und meinen Nachfolgern, so viel als möglich, die Freiheit Böses zu tun zu entziehen. Eine vorsichtige Bestimmung der Staatsverfassung, und eine Gesetzgebung, welche die Befestigung der Ruhe, der Ordnung und des allgemeinen Wohlstandes in diesem Reiche zur Absicht haben wird, soll die einzige Ausübung der Vollmacht sein, die ihr mir überlassen habt; und auch hierin sollen die Weisesten und Besten mir ihre hände bieten. Ja, ich selbst, von den Gesinnungen, die in meinem Herzen herrschen, ermuntert, ich wag es zu hoffen, redlicher Dschengis, dass deine Sorgfalt mich zur Tugend zu bilden, dass das Opfer, womit du mein Leben erkauft hast, nicht verloren sein wird. möchte es in dem nämlichen Augenblick aufhören, dieses dem vaterland geweihte Leben, wo ich unglücklich genug wäre, dem Geringsten meines Volkes einen unverschuldeten Seufzer auszupressen!'"
"Danischmend", rief Schach-Gebal, "ich habe für diese Nacht genug! Deine Leute sprechen nicht übel; aber bei dem allen deucht mir, ich wollte lieber hören, was Tifan getan als was er gesprochen hat."
"Sire", erwiderte Danischmend, "wer so spricht wie Tifan, macht sich anheischig sehr viel zu tun."
"Das wollen wir sehen", sagte der Sultan.
10.
"Nach allem, was ich von dem Könige Tifan schon gemeldet habe", fuhr Danischmend fort, "kann man sich für berechtiget halten, grosse Taten von ihm zu erwarten. Gleichwohl muss ich gestehen (und es ist wohl am besten ich tu es gleich anfangs), dass, wenn Tifan ein grosser Fürst war, er es in einem ganz andern Sinn und auf eine ganz andre Weise war, als die Sesostris, die Alexander, die Cäsar, die Omar, die Mahmud Gasni, die Dschingis-Kan, und andre Helden und Eroberer, unter deren Grösse die Welt gleichsam eingesunken ist. Tifans Grösse war stille Grösse, und seine Taten den Taten der Gotteit ähnlich, welche, geräuschlos und unsichtbar, uns mit den Wirkungen überrascht, ohne dass wir die Kraft, welche sie hervorbringt, gewahr werden.
Tifans Taten hatten noch eine andre Eigenschaft mit den Verrichtungen der natur gemein. Sie entwikkelten sich so langsam, sie durchliefen so viele kleine Stufen, und erreichten den Punkt ihrer Reife durch eine so unmerkliche Verbindung unzähliger auf Einen Hauptzweck zusammen arbeitender Mittel, dass man ein schärferes Auge als gewöhnlich haben musste, um den Geist, der alles dies anordnete und lenkte, und die Hand, welche allem die erste Bewegung gab, nicht zu misskennen. Eine kurzsichtige Aufmerksamkeit hätte geglaubt, dass sich alles von selbst mache, oder würde wenigstens nicht wahrgenommen haben, wie viel Mühe es kostete, den Bewegungen eines grossen staates so viele Leichtigkeit und eine so schöne Harmonie zu geben.
Das erste, wozu sich Tifan anheischig gemacht hatte, war eine genauere Bestimmung der Staatsverfassung."
"Gut", rief Schach-Gebal, "dies ist gerade wo ich ihn erwarte. Ich erinnere mich dessen noch ganz wohl, was du ihn gestern davon sagen liessest. Er will sich der Macht nicht berauben, die einem Vater über seine Kinder zusteht – aber er will so wenig als möglich ist Freiheit haben Böses zu tun. Noch verstehe ich nicht recht, was er will oder nicht will. Ich begreife nicht, wie ein Fürst unabhängig sein, und Freiheit haben kann alles Gute zu tun was er will, ohne auch die traurige Freiheit Böses zu tun zu behalten."
"Vielleicht wird das, was ich in der Folge melden werde, die Zweifel Ihrer Hoheit auflösen", erwiderte Danischmend. "Tifan folgte in dieser ganzen Sache dem Rate des weisen Dschengis. Ohne diesen würde er, aus einem zu weit getriebenen Misstrauen gegen sich selbst und seine Nachfolger, den grössten Fehler begangen haben, den ein Monarch begehen kann: denn er war im Begriff dem Adel und dem volk von Scheschian die gesetzgebende Macht auf ewig abzutreten.
'Der Himmel verhüte' (sagte Dschengis, da sie sich