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herrschen, sagte er, wenn der Himmel zugeben könnte, dass Tiger herrscheten. Auch fand er in einem nicht unähnlichen land nichts von den Zierraten von China, keine durch die Hand des Fleisses zubereitete Gräben zur inneren Schiffart, keine stuffenweise eingeteilte und bebaute Berge, keine den Reichtum der Einwohner verratende Gebäude, keine schulen der Gelehrten, und nichts als Wälder, oder Hütten, worinn Sclaven sich schmiegten.

Bei dem chinesischen Kaufmanne, in dessen Haus ihn der Befehlshaber des Schiffes aus Quangtscheu gelassen hatte, fand er einen Mollah, einen für heilig gehaltenen Hadschi,17 der von der Reise nach Mecca zurückgekommen war, und etwas von der chinesischen Sprache verstund. Die Gestalt des jungen Fürsten sprach selbst für ihn, und sein freundschaftliches und edles Wesen gewann ihm alle Herzen. Der Mollah vernahm vom Usong, er suche ein Land, wo die Einwohner glücklich wären, und wo die Tugend im Ansehen stünde. Jüngling, sagte der Mollah, alle diese Morgenländer stehen unter harten Herren, und unter keinen andern Gesetzen, als unter dem Willen der Herrscher. Aber fern in Westen, liegt ein Reich, Misr18 ist sein Namen, das mit deinem China eine Aehnlichkeit hat, aber weit kriegerischer ist. Es ist, wie Taising mit Gräben durchschnitten; ein Fluss kommt vom innersten Süden, und füllt an einem gesetzten Tage diese Gräben, und durch sie das ganze Land, mit einem segnenden wasser an, wodurch es fruchtbar wird. So weit das Auge reicht, wird Aegypten zum Garten, wo die gütige natur mit der geringsten hülfe dreissigfach den Saamen wiederbringt. Edle Palmenbäume bekleiden seine Büsche, und eine ausgedehnte Schiffahrt füllt seine Häfen mit den arbeiten des Morgenlandes, und mit den Werken des Fleisses der künstlichen Völker, die noch weiter nach Abend liegen.

Aber Misr hat noch einen grösseren Vorzug: nur das Verdienst macht daselbst Fürsten, und aus den Fürsten Könige. Unter vier und zwanzig Fürsten ist das Reich eingeteilt; keiner folget seinem Vater, sie sind alle die Söhne ihrer Taten. Einer von ihnen, dessen Vorzüge ihn zur Wahl auszeichnen, steigt auf den Tron; er ist allemal ein Fremdling, und mehrenteils ein Sclav,19 der durch den Gehorsam durch die Not, zur Anstrengung seiner Kräfte gezogen, und durch die Geschäfte selber gebildet worden ist. Misr ist das Vaterland des Verdienstes, und der Tempel der belohnten Tugend.

Usong liess sich die Räte des Mollah gefallen. Sobald die Jahreszeit günstig war, schiffete er sich nach Dschidda ein, wodurch einige Mahometaner eine Wallfahrt nach Mecca unternahmen, und der Mollah, sein Freund, ging selbst zum zweitenmale zum grab seines Propheten. Die Musse einer langen Schiffahrt brachte Usong zu, die arabische Sprache sich bekannt zu machen, worinn ihn der Mollah unterwies. Er las den Koran mit innigem Vergnügen. Das natürliche Licht führte ihn zu einem einigen Gott, und er fand, dass die chinesischen Weisen zu selten, zu kalt, und zu fremd von Gott sprechen. Der Tien, sagte Usong, ist der Schutzgott des Reiches20 und des Kaisers: aber hier finde ich einen Gott, der mein Gott, und eines jeden Menschen Gott ist. Nur die Wunder, davon Usong in China auch nicht den Namen gehört hatte, und die, in dem Glauben der Bonzen eingewoben, die Abscheu der Weisen waren, verstatteten ihm nicht, dem Koran einen völligen Glauben zu geben.

Zu Dschidda trennte sich Usong von seinem mahometanischen Freunde, dem Mollah, und fand ein Fahrzeug, das ihn zu Suez aussetzte. In Alkähirah21 kam er eben zu der Zeit an, da der Soldan mit aller der Pracht eines reichen Königes den Befehl erteilte, den Kanal zu öffnen, der das wasser vom Nil einlässt. Die Fürsten des Reiches, und die Befehlshaber der zirkassischen Krieger, erschienen in den kostbarsten Kleidungen, und auf den edelsten arabischen Pferden. Ganz Aegypten beging sein grösstes Freudenfest, und die allgemeine Wonne drückte sich in tausend Spielen aus. Usong selbst fand etwas prächtiges in dem Befehle, den ein Mensch gab, dass ein Reich fruchtbar werden sollte. Er glaubte einen Augenblick an alle die Vorzüge, die der Mollah Aegypten zugeschrieben hatte.

Aber, als er das verworrene, das unreinliche Alkähirah sah: wie er die in Aegypten herrschende Unordnung mit der genauen Policei der Chinesen verglich: wie er den Uebermut der zirkassischen Kriegsleute gewahr wurde, die das übrige Volk wie Sclaven hielten: wie so viele Aufläufe unter den herrschenden Mammelucken selber entstanden, und wie bald dieser und bald jener Bei von seinen Gegnern überfallen und getödtet wurde: wie Usong erfahren musste, dass der Diebstahl die allgemeine Gewohnheit der Einwohner war, und dass anstatt der gesetz nur der Wille der Mächtighen herrschte; so wurde seine Seele mit Unmut gerührt. Sollte denn Weisheit und Tugend allein in China, dem Reiche der Ming, gefunden werden, sagte er, und seufzete!

Er fand auch bald bei seinem Aufentalte in Misr, dass nicht der Verdienst, sondern die Gewalttätigkeit hier zum Glücke führte, und derjenige unter den Fürsten den Tron bestieg, dessen Säbel sich am grausamsten in dem Blute seiner Brüder gefärbet hatte. Usongs in der Liebe zum Rechte und Guten erzogene Seele verabscheute ein Land, wo er keines von beiden fand.

Er machte sich indessen die Fremdlinge von allen Völkern bekannt, die die Handlung nach Aegypten rief; sein Zweck war auszuforschen, ob unter den abendländischen Reichen denn keines wäre, wo er Weisheit und Tugend anzutreffen hoffen könnte? Er fand sich in