1771_Haller_032_56.txt

ganze Dörfer mit fruchtbaren Maulbeerhecken, und mit Schildereien baumwollener Tücher besetzt: und die chinesischen Geschirre wurden in Persien an vielen Orten vortreflich nachgeahmt, auch wohl an Festigkeit, am lebhaften Firnisse, und an gutem Geschmacke übertroffen.

Der erste Befehl des Kaisers war, seiner geliebten Liosua ein Denkmal aufzurichten. Er erwählte dazu einen Hügel, auf den man vom Palaste eine freie Aussicht hatte. Das Grabmahl wurde nach dem chinesischen Geschmacke ausgeführt, und in silbernen Lampen brannte Tag und Nacht weisses Naphta um den Sarg. Einige der ältesten Diener der kaiserin wurden zu Hütern gesetzt, denen das leichte Amt zum Troste ihres Alters dienete.

Usong gab hier verschiedene Verordnungen aus: denn der bemühte Kaiser beschäftigte sich mit einer jeden Angelegenheit seines unermesslichen Reiches, und eines jeden Teils desselben, als wenn er nur etliche Dörfer zu beherrschen gehabt hätte13. Er sah die Handlung blühen, die Karawanen kamen von Halep, mit den Waaren der Abendländer beladen, nach Mosul. Die tatarischen Schätze wurden von Bockhara nach Mesched gebracht, und aus Indostan gingen die Reichtümer dieser fruchtbaren Gegenden über Kandahar nach Schiras. Die Schiffe aus Arabien, aus Gusurat und Atschin brachten nach Basra die Früchte ihrer Länder, und die Reichtümer des glücklichen Serendibs14.

Usong wusste, wie die Handlung die zweite Stütze des Reiches ist, denn dem Ackerbau gab er den Vorzug, der so unmittelbar unentbehrlich ist. Einige Karawanen waren angegriffen worden, die Usbeken streiften noch dann und wann, und schadeten dem Handel nach Bockhara. Usong gab ein Gesetz, nach welchem er versprach, dem Ueberwältigten aus dem Schatze alle die geraubten Güter zu bezahlen, die auf der Landstrasse mit Gewalt weggenommen würden, und der Stattalter sollte von der Landschaft die Ersetzung desjenigen wieder verlangen, das inner ihren grenzen geraubet worden wäre. Dieses grossmütige Gesetz, das auch die gesittetesten Völker nachzuahmen nicht uneigennützig genug sind, ist in Persien15 auch unter den gewaltsamsten Regierungen heilig geblieben. Die Landschaften fanden ein leichtes Mittel, dass keine Räuberei mehr so leicht ihnen zur Last gereichen konnte. Sie nahmen Strassenreuter16 an, deren Anzahl der Gefahr nach bestimmt wurde, und diese leichte Anstalt reinigte sehr bald die Strassen so vollkommen, dass man mit unbedecktem Gelde von Orsa bis nach Kandahar reisen konnte, ohne einen Angriff zu befürchten. Denn da diese Reuter auf allen Landstrassen beständig hin und her eilten, da man die Fremden nötigte, bei jeder Stadt Zeugnisse zu nehmen, und ohne dergleichen Scheine niemand durchgelassen wurde, so verlohren die Räuber alle Hoffnung, unverfolgt zu bleiben, und vermieden mit der grössten Sorgfalt die persischen grenzen. Alle Perser, und insbesondre die ganze Landmacht hatte Befehl, den Strassenreutern beizustehen, und Usong würde den Stolz der Kriegsleute streng bestraft haben, die von dem Reiche sich besolden liessen, aber zu dessen inneren Ruhe nicht hätten dienen wollen. Alle die Unbequemlichkeit der Räuberei fiel nun auf die keiner Ordnung fähigen Osmannen, deren Länder von ganzen Schaaren von Freibeutern geplündert wurden.

Der Kaiser erinnerte sich an den Einwurf des Patanischen Botschafters, sein zunehmendes Alter erforderte einige Verminderung seiner Arbeit. Er gab nunmehr den grossen Abteilungen der Reichsverwaltung Häupter; eine jede hatte einen Vorgesetzten, der mit dem Kaiser arbeitete. Vier Tage waren für diese vier obersten Staatsbedienten bestimmt, an den übrigen arbeitete er in Gegenwart aller der Häupter über die allgemeinen Geschäffte des Reiches. Da nicht alle dieser Abteilungen gleich viel Geschäffte anbrachten, so blieb die übrige Zeit für die Schreiben der Abgesandten. Jedes Haupt hatte vier Beisitzer, alle aber wurden aus eben der Abteilung genommen, deren sie vorgesetzt waren. In dem gewöhnlichen Laufe trug das Haupt dem Kaiser vor: alle Beweise mussten bei der Hand sein. Denn sehr oft, und zumal auf die Warnung hin eines Abgesandten, untersuchte der Kaiser auf der Stelle, ob der Vortrag mit den Beilagen übereinkäme, und er war unerbittlich, wann er im geringsten Umstande eine Unrichtigkeit verspürte. War das Geschäfft zu weitläuftig, so liess er sich alle Urkunden geben, und untersuchte es, sobald er Zeit fand, oder gab es einem Vertrauten zu untersuchen. Er blieb beim Gebote, dass vor dem endlichen Entschlusse ein jedes Haupt, und alle Beisitzer, ihre Meinung schriftlich von sich geben sollten: das Aufbehalten der Schriften machte sie behutsam im Anführen des Verlaufs, da nicht die geringste Unrichtigkeit übrig bleiben musste. Usong hob aber das Recht nicht auf, das ein jeder Untertan hatte, sich an den Kaiser zu wenden, und die öffentlichen Verhöre gingen täglich vor sich.

Ismael war so weit herangewachsen, dass er zu wichtigern Lehren tüchtig war. Der Kaiser gab ihm aus jeder Abteilung einen geschickten und dennoch angenehmen Mann zum Lehrer, und fugte einen fünften bei, der über die allgemeinen Angelegenheiten des Reiches den Erbfürsten unterrichtete. So lernte er von Jugend auf den Gottesdienst, den Kriegsstaat, die Rechte, die Steuersachen, und die Policei des ihm zugedachten Reiches im innersten kennen. Zu den Kriegsübungen der kaiserlichen Leibwache, auch der um die Städte verlegen Landmacht wurde er zugezogen, weil doch die Jugend am besten durch die Sinne sich unterrichten lässt. Man zeigte ihm die nötigen Künste, das Giessen des Geschützes, die Werkstätte der Waffen, und der vornehmsten Waaren. Der Kaiser liess den Schach Sadu den Rechtsfragen beiwohnen, und die Beweise der vortragenden Richter, und die Gründe anhören, worauf sich das Urteil gründete. Zu den Uebungen im Reiten, im Fechten, sogar im Schwimmen, wurde er angeführt. Sein Gemüt war zugleich feurig und biegsam, er flog zur Ehre