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in das Verderben. Die Sparsamkeit wird lächerlich. Die Strengigkeit zieht dem Gerechten den Hass seiner Mitbürger zu, und das heimliche geständnis ihrer Unwürdigkeit macht alle diejenige zu unversöhnlichen Feinden des Tugendhaften, deren Niederträchtigkeit sein glänzendes Beispiel beschämt. Hingegen kann ein einziger Monarch, wann er ernstlich will, ein in die gröste Unordnung geratenes Reich wieder in den besten Zustand bringen. Vespasian heilte die Wunden, die sechs böse Herrscher seinem Rom geschlagen hatten, und nach dem heimtückischen Domitien lebte es mit verdoppeltem Glanze unter dem Trajan auf. Aber die Republik sank von den Gracchen an immer tiefer, und eilte unrettbar zu ihrer Zerstörung. Da die Herzen verdorben waren, so liessen sich die gesetz selbst zur Unterdrückung der Freiheit missbrauchen, und die Staatsverfassung wurde unter dem Vorwand ihrer Erhaltung gestürzt.

Der Kaiser schwieg, aber es stiegen doch in seinen Gedanken Entwürfe einiger Verbesserungen auf, die er nachwärts ins Werk setzte. Er wandte sich gegen den Patan, und fragte ihn, was er für ein Bedenken bei dem Satze hätte, dass keine Freistaaten in den Morgenländern sich haben erhalten können.

Ein neues Volk erscheint seit einiger Zeit an dem Ufer des Indus, sagte der Patan, das allerdings im genauesten verstand ein Freistaat ist. Man hält dafür, es sei aus Tibet entsprungen. Diese Fremdlinge sind zahlreich, und in zwölf Stämme abgeteilt. Im Frieden haben sie kein Oberhaupt; ihr Gesetzbuch liegt auf einem Altare, und nach demselben richten ihre Aeltesten. Im Kriege wählen sie einen obersten Feldherrn. Sie haben sich fast des ganzen Indus bis an die See bemächtigt. Ihre Liebe zur Freiheit herrschet bis in den Gottesdienst: sie kennen keine äusserlichen Feierlichkeiten, und beten in der Stille einen einigen Gott an12. Usong dankte dem Botschafter für die Neuigkeit, und wandte sich gegen den Botschafter von Venedig. Nun haben die Helvetier einem dem ihrigen ähnlichen Bund in Indostan: denn Usong kannte jenes Volk auch insbesondre wegen der Kriegszucht, die bei demselben neben der vollkommensten Freiheit dennoch überaus scharf war, und, wie der Kaiser anmerkte, das meiste zu den Siegen dieser Bergleute beigetragen haben mochte.

Der Kaiser vernahm bald darauf Machmuds Tod, den ein schmerzhaftes Uebel gewaltsam weggeraft hatte. Der Sultan hatte seine Waffen gegen die Abendländer gewandt, und einen Einfall in Italien getan; er schien das alte Rom zerstören zu wollen, so wie er das neue bezwungen hatte. Seinen Tron bestieg Bajazid, ein friedfertiger Herr, der mit seinem eigenen Bruder zu kämpfen hatte, und alle Gedanken ablegte, Persien zu beunruhigen.

Usong hielt nunmehr seine Gegenwart zu Tabris nicht mehr für nötig. Geheime Triebe zogen ihn nach Schiras, wo er eine mildere Luft für sein annahendes Alter zuträglich zu sein glaubte, und wo der Sitz der Künste war, die unter seiner unmittelbaren Aufsicht stunden, und durch seine Freigebigkeit unterstützt wurden. Das Frauenzimmer ging mit dem Tronfolger dahin ab: der Kaiser aber bereisete zum letztenmale die westlichen Provinzen, und besuchte die Städte die er noch nicht gesehen hatte.

Er sah das den Persern unterworfene Armenien, das wichtige, und durch seine Lage befestigte Tiflis, und die Gegenden, wo der Euphrat und der Tiger ihren Ursprung nehmen. Er hatte einen täglichen Anlass zu dem wahrhaftigsten Vergnügen. Alle Aecker waren bebaut, unzählbare Pflüge machten Gefilde fruchtbar, wo einzelne Antilopen geweidet hatten.

Die Flüsse im heissen Mesopotamien, und in Irak, waren überall zum wässern abgegraben, und eine segensreiche Fruchtbarkeit durch die durstigen Flächen verteilt. In allen Dörfern sah Usong neue Häuser, wohlgekleidete Bauern, mit ihren Weibern, mit Silber geschmückt, die stimme der Freude und des Frohlokkens stieg aus allen Hütten. Usong war nicht mehr einer sinnlichen Freude fähig, aber das Herz des Helden schwoll dennoch von Vergnügen auf, das so viele Glückseligkeit erweckte, woran er einen so wesentlichen Anteil hatte. Zuweilen musste er dennoch bestrafen.

Er fand unweit Amadan einen Landmann, der ein wohl zugerüstetes Pferd leitete, und vernahm, dass es einem der Richter dieser Stadt zugeführt wurde. Der Richter war in den persischen Dichtern wohl belesen, selbst scharfsinnig, und wegen seines angenehmen Witzes dem Kaiser vorteilhaftig bekannt worden. Usong liess auf den Landmann achten, und vernahm bald, das Geschenk sei angenommen, und das Geschäfft vor dem Richter beträfe eine der Wasserleitungen, die unter den Landleuten allemal die heftigsten Zwiste veranlassen. Beide wurden vor den Diwan gefodert: sie mussten ihren Fehler eingestehen. Du, sprach der Kaiser zum Landmann, hast einen nützlichen Mann verführt, der alle Eigenschaften zu einem einsichtigen Richter besass: du hast Persien beraubt; was hat es teurers als tugendhafte Männer? du sollst in Mogostan leben, und dein erster Fehler soll dein Tod sein. Usong wandte sich hierauf nach dem zitternden Gelehrten: Wer hat besser gewusst als du, dass Geschenke ärger als Räubereien sind, dass sie aus den Händen der Unschuld ihr rechtmässiges Eigentum reissen, und es dem Verführer zuteilen? du sollst auch in Mogostan, in eben dem dorf mit demjenigen wohnen, von dem du dich hast bestechen lassen: so oft ihr einander sehet, soll euer Anblick euch erinnern, dass kein Laster in Persien unbestraft bleibet.

Usong kam endlich in Schiras zurück. Seine Künstler hatten manche Jahre ihres Beschützers entbehrt, und kein Geld befruchtet die Künste, wie das Auge des Herrn. Er suchte hülfe für diejenigen Werke, die geschwächt waren, er munterte die Fleissigen auf, er belud sich mit einem grossen teil der Waaren, die sie verfertigten. Die Chinesen hatten nun