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auch vor ihr die traurige Zeitung verheelen.

Aus dem Schlummer des untätigen Unmuts weckte ein Donnerschlag den Kaiser von Persien. Ein schneller Bote brachte von den westlichen grenzen des Reichs die gewisse Nachricht, Machmud der zweite habe, nachdem Morad den Tron noch einmal verlassen, Byzanz mit stürmender Hand erobert. Der letzte Nachfolger Constantins habe sein Leben für den sinkenden Tron der Griechen zugesetzt, und alle osmannische Länder erschallen vom Frohlocken des Sieges, vom Ruhme des jungen Kaisers zu Rom, und vom Gejauchze der hoffnung zur allgemeinen herrschaft der Welt.

Usong musste nun dem Kummer, den er liebte, und den er für eine Pflicht eines nicht unnatürlich verhärteten Herzens hielt, unumgänglich sich entschlagen: er sah, dass er an das Ruder treten musste, da der fürchterlichste Sturm sich näherte. Er kam nicht nach Schiras zurück, wo man die Ueberbleibsel der vollkommensten der Frauen mit stiller Pracht beisetzte, er verfügte sich nach Tabris, und durcheilte noch einmal die westlichen grenzen des Reiches. Er verstärkte die georgische Reuterei mit neuen Anwerbungen, er setzte die Zahl der kurdischen Gränzvölker bis auf siebenzigtausend24, er liess das gegossene grobe Geschütz nach Wan und Irwan bringen; er befahl, dass man die jährliche Landmacht der sechszigtausend gewafneten Perser aufs doppelte erhöhen sollte. Durchs ganze Reich liess er zu den Waffenübungen doppelte Tage nehmen, und bei den Waffenwerkstätten die Tage durch die Nächte verlängern. Er schickte eigene Abgeordnete nach Alkahirah, und liess den schlummernden Fürsten der Zirkassen auffodern, die allgemeine Gefahr zu beherzigen, die den Aegyptiern so nah drohete. Vier Bottschafter gingen nach Venedig, und hatten eben denselben Auftrag. Er fand einen neuen, aber allzuschwachen Verbündeten am David, dem sogenannten Kaiser von Trapezunt.

Man musste endlich auch der Fürstin den Hinscheid ihrer durchlauchtigsten Mutter gestehen, da sie unaufhörlich nach derselben fragte. Sie ertrug dieses Unglück mit wenigerer Standhaftigkeit als man gehoft hatte; gute Gemüter fühlen ihre eigenen Leiden minder, als die Leiden derer, die sie lieben. Nuschirwani konnte lange nicht zu ihrer Munterkeit wieder gelangen; Haider war abwesend, ihr verehrungswürdiger Vater mit Sorgen und Gefahren umringt, und das im Abend drohende Ungewitter schien immer näher zu kommen.

Sobald sie sich erholt hatte, so bat sie den Kaiser ihr zu erlauben, ihm nach Tabris zu folgen. Sie fiel dem untröstbaren Vater zu Füssen. Nimm, gnädiger Herr, deiner Tochter Dienste gütig an, lass sie einen teil des Verlustes ersetzen, den dir niemand würdig ersetzen wird. Der Kaiser liebte die junge Fürstin als ein Vater, und schätzte sie wegen ihren grossen Einsichten hoch; er gewöhnte sich wechselsweise die Abendtafel bei ihr zu halten, und Nuschirwani sammelte aus allen Ländern Nachrichten und Seltenheiten ein, womit sie den Kaiser einen Augenblick seinen Sorgen entziehen konnte. Der Hof blieb eine lange Zeit in Tabris.

Die völlige Bezwingung des griechischen Europa, und verschiedene schwere Feldzüge an die Donau, beschäftigten den feurigen Machmud noch einige Jahre, und Persien blieb in einer Ruhe, deren Süssigkeit doch durch die Erwartung eines unvermeidlichen Krieges verbittert wurde.

Die junge Erbin von Persien hatte gelegenheit, vieles von den guten Eigenschaften der Fürstin Marta, der sogenannten Despoina, oder der Kaisers Tochter von Trapezunt zu hören. Ihr Gemüt wäre mild und gütig, ihre Gestalt reizend und fein, ihre Züge auf griechisch schön25. Die Unglücksfälle die sie befürchtete, hatten sie zu einer Demut bewogen, die unter Fürstinnen selten zu hoffen war. Nuschirwani fiel auf ein Mittel, eine liebenswürdige Freundin für sich selber zu erlangen, dieselbe aus dem bevorstehenden Umsturze ihres Hauses zu erretten, und des Kaisers Gedanken in eine andere Stellung zu bringen. Die Grossmütige hofte auch, die Erbfolge von Persien zu versichern. Sie unternahm, die Fürstin von Trapezunt mit dem Kaiser zu vermählen.

Da sie einen täglichen Umgang mit ihm hatte, so bezeigte sie, wie sehr sie wünschte, dass die schweren Sorgen des Reiches durch das Vergnügen versüsset werden möchten, das eine treue Liebe einzig einem edlen Gemüte versprechen kan. Sie gewann nach und nach den Kaiser: David erhielt den Antrag durch einen Gesandten. So tief Trapezunt gesunken war, so erinnerte sich doch David der Grösse Constantins, und legte dem anwerbenden Usong zum ersten Bedinge vor, dass die Fürstin bei dem christlichen Gottesdienste frei bleiben sollte. Usong war nicht abergläubisch, er fand bei den Christen das Wesentliche aller Religionen, die Anbetung eines einzigen Gottes, der alles regieret, ein künftiges Leben, für die Guten eine ewige Belohnung, und eine der vollkommensten Gerechtigkeit Gottes angemessene Bestrafung der Lasterhaften.

Die wirklich liebenswürdige Despoina wurde dem Kaiser zugeführt, und durch den armenischen Patriarchen von Ekmiasin in den Zimmern der Nuschirwani getraut. Usong fand an ihr eine lenksame und tugendhafte Gemahlin: aber ihre Auferziehung hatte ihren Geist in engen Schranken gehalten: sie war den kleinen Feierlichkeiten ergeben, die das Entbehrliche der Religion ausmachen, und ihr mangelten die Kenntnisse, die sie zum Umgange und zur Unterhaltung des alles übersehenden Usongs hätten auszieren sollen. Nuschirwani war ihre Freundin, und ersetzte, was zur Anmut und der Lebhaftigkeit des Umganges der neuen Kaiserin mangelte. Marta hatte ihre noch in der kindischen Unschuld blühende Schwester Eudoxia mit sich an den persischen Hof gebracht.

Nuschirwani kam, dieweil der Krieg mit den Osmannen wie aufgeschoben war, mit einem Fürsten nieder, und diese Begebenheit half des Kaisers Kummer besänftigen. Der Kaiser liess den jungen Erbfürsten Ismael nennen, welches der Namen des Urhebers der Koreischiten, und des Stammvaters des Mohammeds und des Ali war. Er sah nunmehr