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sonst verkaufte.

Sie fand durch die Erfahrnen, die sie mitgebracht hatte, die zwei nötigen Erdarten aus, davon die eine zu Glas schmelzen würde, wenn die andere das Verglasen nicht hinderte: die erforderlichen Schmelzöfen wurden gebaut, und ob man wohl die Vollkommenheit der chinesischen Waare nicht gänzlich erreichte, so erwuchs doch hieraus ein Arbeitshaus, wo man Geschirre verfertigte, die selbst auf der kaiserlichen Tafel an die Stelle des Goldes und des Silbers gebraucht wurden.

Die leutselige Fürstin erkundigte sich nach allen den Elenden, die keine hülfe hatten: sie schickte den blinden, den bettlägrichten, den schwachen und mit Kindern beladenen Wittwen, wöchentliche Geschenke. Sie erforschete unter den Landsleuten den fleissigsten Ackermann, die sorgfältigste Mutter, und ihre Freigebigkeit suchte den demütigen Verdienst in seinen Hütten auf. Sie tat das Gute ohne Geräusch, ohne den Dank zu erwarten.

Die Gemahlinnen, und die Töchter der Grossen, denen ihr Stand einen Zutritt zu der kaiserin öfnete, lernten von ihr die Tugend über alles schätzen. Sie erhob vor ihnen das Glück eines Gewissens, das kein Laster beunruhiget; die Würde einer gemahlin, deren einziger Zweck das Vergnügen ihres Gatten ist; die Süssigkeit der Eintracht in den Familien; sie zeigte das kleine in der Pracht und im Schmucke, der den Pöbel verblendet, und fast allemal ein Zeichen ist, dass die Auszierung des Gemütes verabsäumet wird. Liosua war die liebreichste Lehrerin der Tugend, die Anmut ihres Vortrages machte ihre Lehren reitzend, und ihr Beispiel leicht.

Täglich erfand sie neue unschuldige Erlustigungen für den arbeitsamen Usong, wann er von den Sorgen des Reiches ermüdet in ihren Armen Ruhe suchte. Sie wiederholte ihm, was sie neues, was sie ehrwürdiges in ihren Büchern gelesen hatte; sie liess durch ihre Frauen Schauspiele vorstellen, worinn die Beispiele der erhabensten Tugend rührend erneuert wurden; sie sammelte Seltenheiten, daran Usong ein Vergnügen empfand, Werke der natur, der Künste, und des Witzes. Selbst der Unterscheid zwischen dem sanften Gemüte der Fürstin, und dem Feuer des Gemahls, und die Fremdheit der Liosua in den abendländischen Gebräuchen, gaben den Unterredungen des erhabenen Paares Neuigkeit und Leben.

Sie trug schon die Hoffnung von Persien unter dem Herzen, da Zeno, der Freund Usongs, als Botschafter von Venedig anlangte. Er nahm noch mehr als ein Verehrer der Verdienste des neuen Kaisers, als wie der Gesandte eines freundschaftlichen Staates, einen wahren Anteil an der Erhöhung des edlen Tschengiden. Er brachte dem Kaiser verschiedene Geschenke, worunter diesem Herrn die neuen Bücher am besten gefielen, die ohne Feder und mit einer Kunst gedruckt waren, die Liosua der Chinesischen noch vorzog, weil eben die Buchstaben tausendmal dienen konnten, da in China die geschnittene Tafel zu keiner neuen Zusammensetzung tüchtig ist.

Zeno brachte auch neue und bequemere Erfindungen, des Feuergewehres Gebrauch zu beschleunigen, und auch gröberes Geschütü, das zwar kleinere Kugeln schoss, aber geschwinder im abschiessen war. Er hatte aus dem unerschöpflichen Europa das neueste mitgenommen, was zur Bequemlichkeit des Lebens, und zur Pracht eines Hofes dienen konnte.

Er erteilte dem Kaiser die Nachricht von dem Waffenstillstande, den die Republik mit dem weisen Morad geschlossen hatte. Denn so wenig Venedig sich über die Grösse der Osmannen erfreute, so konnte man dennoch diesem Sultane die Verehrung nicht versagen, die die Belohnung wahrer Tugend ist, und zum Feinde war er so fürchterlich, als zuverlässig seine Freundschaft war.

Venedig liess herbei dennoch dem Kaiser die allgemeine Gefahr vorstellen, die Europa und Asien von diesem siegreichen haus drohte. Morad hatte nun schon Tracien und Macedonien bezwungen, und den Sitz seines Reiches nach Edrene'14 verlegt, das dem zitternden Constantinopel aus der Nähe drohete. Byzanz war ohne Kräfte und hülfe. Europa war unter eine Menge von Fürsten zerteilt; um die geringsten Vorteile hatten sie unaufhörliche Fehden mit einander, die kurze und unsichere Verträge mehr einschläferten als endigten. Kein Fürst hatte durch seine Taten, oder nur durch seine Bemühungen Taten zu verrichten, die Hoffnung erweckt, dass er die allgemeine Freiheit wider die drohenden Osmannen zu schützen vermöchte. Castriot und der Hunniade waren mehr unerschrockene Freibeuter, als Monarchen: mit ihrem tod verlohr Europa alles, was den siegreichen Morad einschränken konnte. Venedig war wachsam und gewaffnet, seine Seemacht war den Osmannen noch überlegen, aber zu land war es viel zu schwach, den zahlreichen Heeren geübter Kriegsvölker zu widerstehen.

Noch war sonst des Rates herrschender Grundsatz, alle Gefahren lieber zu übernehmen, als etwas einzugehn, das die Ehre der Republik schmälerte. Die Gefahr, sagten die edlen, wird durch eine Niederträchtigkeit nicht abgewandt, sie verdoppelt sich durch den Mut des Feindes, den sie vermehrt, und durch die Verachtung, die sie bei den Nachbarn erweckt. Byzanz hatte es erfahren, jeder schimpfliche Frieden hatte es geschwächt, und es war, ohne Schlachten zu verlieren, zu nichts geworden. Ein Feldzug, den der Sultan unternehmen würde, musste der letzte sein.

Die herrschaft hat den mächtigen Usong zu betrachten, wie nah ihm selber die Gefahr wäre. Sie warnte ihn selber ehrerbietig, als den einzigen Beschützer des Gleichgewichtes der Welt, im Frieden seine Kräfte zu vermehren, um zu dem Kriege gerüstet zu sein, den Persien nicht lange vermeiden würde. Sie trug dem Kaiser ihre Freundschaft, und alles an, was sie zu seiner Verstärkung, beitragen könnte.

Usong war über diesen Vortrag aufmerksam; den würdigen Morad anzugreifen, so lange Persien keine Beleidigung von ihm erlitten hatte, war wider die Liebe zur