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Klagenden anhörte.

Er setzte auf die bei den Morgenländern so gewöhnliche Annehmung der Geschenke nicht den Tod, denn Usong schonte des Blutes der Untertanen, wie seines eigenen, aber die Entsetzung und die Ehrlosigkeit; er hielt auf diesem gesetz mit unerbittlicher Strenge. Er verbot auch ihm selber einiges Geschenk zu bringen, das von einigem Wert wäre: denn sobald der Kaiser Geschenke annimmt, wird der Grosse sie gedoppelt vom volk erpressen.

Alle Jahre gingen die Abgesandten durch die Provinzen. Sie liessen sich die Bücher aufschlagen, worin die Gründe der Urteile verwahrt lagen: sie untersuchten einen teil der Sprüche, und wann sie Ursache fanden, der Richter Schlüsse zu misbilligen, so wurden dieselben gewarnet, bei wiederholten Fehlern aber vor den Kaiser gefodert, die Sache von den obersten Richtern, auch wohl vom Kaiser selber, untersucht, und bei wiederholten und schweren Fällen die Richter entlassen, dabei aber dem Reiche bekannt gemacht, worinn sie sich vergangen hätten. Das ganze Volk hat einen angebohrnen Anspruch auf die Gerechtigkeit des Herrschers: das ganze Volk, sagte Usong, muss belehret werden, dass ich mich bestrebe, die Ungerechtigkeit von ihm abzuwenden. Auch die Unwissenheit ist ein Laster, wann sie unterdrückt.

Persien erinnerte sich an die Tage der ersten Kaiser; sie sind, sagte das Volk, wieder erneuert. Tausend Jahre lang hat seit dem Nuschirwan9 die Gerechtigkeit das Reich verlassen, aber Usong hat sie vom Himmel wieder zu uns gebracht.

Das Kriegswesen bekümmerte den Kaiser. Er konnte sich selber nicht verbergen, dass eine stehende Kriegsmacht einen teil der Bürger dem Pfluge entzieht, sie vom Ehestande abruft, und in Pflichten verweiset, die nur ihre zeiten haben: da hingegen eben diese besonderen Pflichten des Kriegsmanns, die beständigen Pflichten eines nützlichen Bürgers verhindern. Der grosse Aufwand, den der Kriegsstaat erfodert, macht schwere Steuren unvermeidlich, und ist die härteste Last für die Untertanen.

Und dennoch fand Usong, Persien könnte sich ohne eine solche Kriegsmacht nicht erhalten. Die Osmannen waren noch in den entfernten Abendländern beschäfftigt; aber es war leicht abzusehen, dass das täglich schwindende Bysanz in wenigen Jahren fallen würde. Schon blieb dem Erben des Constantins jenseits den Mauern seiner Hauptstadt nichts mehr eigenes, ein Kadi hatte selbst neben seinem Trone seinen Richterstuhl aufgerichtet. Wann nun die Osmannen das schon entwaffnete Bysanz würden bezwungen haben, so sah Usongs Vorsicht leicht ein, dass der Ehrgeiz dieser Sieger ihre Waffen gegen Morgen lenken würde: er kannte alles, was diese Feinde fürchterlich machte, und Persien konnte ihnen nicht ohne eine Kriegesmacht widerstehen, die beständig in den Waffen geübt wäre. Dieses Heer musste mit Fussvolk und mit Feuergewehr versehen sei, wenn es den Jenjitscheri die Stirn bieten sollte. Die Waffen waren aber den Persern unbekannt, und im Fussvolke zu dienen, bezeugten sie einen allgemeinen Widerwillen.

Korassan lag den Usbekischen Tataren offen, einem unter zwanzig Fürsten zerteilten volk, mit dem man keinen standhaften Frieden schliessen konnte; das zwar nicht Länder zu bezwingen, aber die Einwohner der grenzen elend zu machen fähig war. Diese Gränze erforderte eine leichte und allzeit fertige Reuterei.

Kandahar hatte an den Afganen gefährliche Nachbarn, einem streitbaren volk, das durch seine Siege in Indien mehr als einmal eigene Reiche aufgerichtet hatte, wo es unter dem Namen der Patanen, der Schrecken der Götzendiener war. Auch hier waren die besten Völker nötig, ein härteres Geschlecht, als die Perser waren, in den Schranken zu halten.

Usong suchte Mittel, seinem Reiche die Sicherheit zu verschaffen, ohne es zu drücken, oder zu entvölkern. Er hatte die Kurden10 kennen lernen, ein hartes Bergvolk, ungastfrei und kühn, frei und ohne Fürsten, das an der westlichen Gränze von Persien unter den Zelten lebte, und von der Viehzucht seinen Unterhalt hatte. Usongs Namen machte alle Unterhandlungen leicht; er schloss mit diesen Bergleuten einen Vergleich: sie blieben in ihren grenzen frei, und gaben an das Reich einige tausend streitbare Männer ab, die den Kern der persischen Macht ausmachten. Eine Auswahl der kernhaftesten diente dem Kaiser als eine Leibwache, und unter denselben bildete Usong die meisten seiner Feldherren. Die übrigen wohnten unter den Zelten an der westlichen Gränze, aber unter der Kriegeszucht und in beständiger Uebung der Waffen. Sie bedeckten die westlichen Provinzen von Persien, mit dem stärkesten aller Wälle, der standhaften Brust eines streitbaren Volkes. Usong erfreute sich, dass durch erträgliche Guttaten, um einen geringen Sold, und noch mehr durch die Hoffnung der Beförderung, er eine Macht erwarb, wodurch Persien sein bestes Blut ersparen konnte.

Georgien stand noch nicht unter Persien. Die Gewissheit des Soldes, die schmeichelnde Ehre unter dem grössten Fürsten von Asien zu dienen, die unfehlbare Belohnung geleisteter Dienste, bewogen aber dennoch die Georgier, häufig aus ihren Bergen zu kommen: und Usong brachte aus ihnen eine Reuterei zusammen, die in ganz Asien die beste war, und welcher er das wichtige Kandahar anvertraute.

In Khorassan befestigte er einige Bergschlösser, wohin das Landvolk seine Zuflucht nahm, und bei einem plötzlichen Einfalle der Usbecken seine Kinder und seine beste Haabe in Sicherheit bringen konnte. Er verlegte an die Gränze die persische Reuterei, die mit den edelsten Pferden, und mit Säbeln vom schärfsten Stahle versehen, unter einem jede Tugend freigebig belohnenden Fürsten, den gefürchteten Usbecken in wenigen Jahren überlegen wurde. Usong liess auf den Bergen, in gewissen Entfernungen, Holzhäuffen aufrichten, wobei eine Wacht wohnte. Bei einem Einfalle der flüchtigen Tataren wurde der Holzstoss angezündet, und das ganze Land