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einen Ort, wo sich die zertrennten Schaaren wiederum versammelten. Die Araber schnitten dem Abusaid alle Zufuhr ab: sie bemächtigten sich alles Vorrates, den man ihm zubrachte. Wann die schwere Reuterei des Timuriden wider sie auszog, so zerstreuten sich die Araber, und in wenigen Tagen, waren sie wieder versammelt, und taten einen neuen Anfall. Usong hatte zu Carabag eine so vorteilhafte Stellung genommen, dass Abusaid ihn anzugreifen unmöglich fand.

Die morgenländischen Heere haben kein anderes Band, als den Fortgang ihrer Waffen; das Unglück macht sie mutlos, und zertrennet sie; sie entfernen sich von dem Fürsten, dessen Gestirn zu schwach ist, sie zum Siege zu leiten. Abusaid wurde von seinen Mangel leidenden Völkern verlassen, und gefangen vor den grossmütigen Usong gebracht. Enkel des Timurs, sprach er zu dem Ueberwundenen, ich bedaure dein Schicksal, ob du mich wohl ungereizt angegriffen hast; bleib bei mir, und bieg dich unter dein Verhängnis. Aber die edle Gesinnung des Siegers erreichte ihren Zweck nicht; einige Perser, deren Rachgier durch die gewaltsame herrschaft des Abusaids war gereizt worden, ergriffen eine gelegenheit, da Usong abwesend war, und brachten den Gefangenen um34.

Usong verfolgte nunmehr die Ueberbleibsel des Stammes mit dem schwarzen Schafe, und eroberte Fars fast ohne Schwerdtschlag. Khorossan stunde unter verschiedenen Timuriden, die einander durch innerliche Kriege entkräftet hatten; bei der Annäherung der persischen Völker entflohen die einen zu den Usbekken, und Badizzaman ergab sich selbst dem Sieger, dessen Gütigkeit der Welt bekannt war: er wurde zu Tabris königlich unterhalten. Mirza Jusuf, der zu Schiras herrschete, war ein leichtes Opfer der siegreichen Waffen. Die Europäer finden es schwer, die Geschwindigkeit zu begreifen, mit welcher in den Morgenländern ganze Reiche erobert werden. Aber es waren keine Festungen in Persien, das Herz des Volkes eilte dem geliebten Usong entgegen35, die vielen kleinen Herrscher waren die Geisel und der Abscheu der Perser, und das weite Reich war erobert, ohne dass der Sieger fast einen Freund verlohren hatte.

Er berief nunmehr nach Caswin die Vornehmsten der Perser, die Aeltesten des Volkes, die Häupter der Stämme, und die Weisen des Landes. Sie versammelten sich in einer breiten Fläche, und die unzählbare Menge ihrer Pferde bedeckte die Erde. Das Heer, das unter dem Usong so manche Feinde überwunden hatte, umringte seinen Feldherrn mit triumphirender Pracht. Sie trugen die zahlreichen Fahnen, die sie erobert hatten, die Rüstungen der erlegten Fürsten, die Zeichen der obersten herrschaft der Timuriden. Ihr unaufhörlicher Zuruf verkündigte den versammelten Persern ihre Verehrung gegen den weisen, den gütigen, den tapfern Anführer, der durch alle Gefahren eines grossen Krieges sie ohne Verlust zum Siege geleitet hatte.

Usong erschien unter ihnen in dem kriegerischen Schmucke, der seine zierliche Bildung aufs vorteilhafteste darstellte. Edle Perser, sagte er, ihr seid versammelt, eurem Reiche ein Haupt zu geben. Es war in zwanzig Früstentümer zerstreut; die Barbaren traten das älteste Reich der Welt mit Füssen! jetzt ist es vereiniget. Wählt euch einen Herrscher, der Persien seinen alten Glanz wieder gebe. Lange lebe Usong Padischah36, so sieghaft als Cyrus, so weise als Nuschirwan; er herrsche so lange als Sapor37, war der Ruf, der von einem Ende der unübersehbaren Menge bis zum andern erschallte, und nicht ein Perser war, der dem allgemeinen Zurufe seine stimme entzog.

Usong neigte sich gegen sein Volk. Euer Zutrauen ist gross, edle Perser, sagte er gerührt, es möge ihm Usong entsprechen: die einzige Absicht seines Lebens wird euer Glück sein!

Unter dem lautesten Freudengeschrei bestieg er den Tron des Cyrus, und gürtete Rustans38 Schwerdt um, des Helden, das als ein Heiligtum bewahret wurde. Er verteilte alles was er besass, unter seine Freunde die Araber, unter die Kurden, und unter seine getreuen Perser, und hielt sich mit der Hoffnung reich genug. Die Emire zogen vergnügt und bereichert nach ihren Zelten, nur Dschuneid, dem indessen ein Sohn war gebohren worden, konnte sich nicht so geschwind dem Umgange seines erhabenen Freundes entziehn.

Fussnoten

1 Ein grosser See in der Mongalei, westwärts von Schensi. 2 Siehe die allgemeine Weltgeschichte, u.s.w. 3 Der Dalai Lama ist noch zu unsern zeiten ein vergötterter Mensch. Die Lama, oder die Priester der Tanguter und Tibeter, lehren das Volk, der Fo beseele den Dalai Lama; wann der vermeinte Gott stirbt, so wird ein Jüngling, der dem Verstorbenen ähnlich ist, zur Ehre erwählt, vom Fo besessen zu werden. Einem solchen Jünglinge führte man die fürstin von Kaschmir zu: denn in Ansehung der Lüste der Sinne ist er ein Mensch. 4 Hassan al Tawil. 5 Ein nordischer hochgeschätzter Geierfalk. 6 Confucius. 7 Schuking ist eines der kanonischen Bücher der Chinesen, worinn die weisen Räte der alten Kaiser, und ihrer Minister, vom Confucius verzeichnet worden sind. 8 Yao, Schung-Yu, Wuwang, Wenwang. 9 So sind die Gärten und Palläste in China beschaffen. 10 Der Kaiserstamm der Enkel des Tschengis hiess Iwen, das Haus des Hongwu, das bis zum izigen Kaisertume herrschte, hiess Ming. Die Chinesen haben auch ihren fabelhaften Fonghoang, einen Phönix, von dem sie glauben, er zeige sich nur unter den glückhaftigen Beherrschern des Reiches. 11 Des ersten chinesischen Kaisers vom Stamme Iwen. 12 Der Kaiser. 13 Das Canton der Europäer. 14 Unterkönig zweier Provinzen. 15 Als eine Enkelinn der Söhne des himmels,